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GEW schlägt Runden Tisch „Gute Arbeit in der Wissenschaft“ vor

16.02.2017

Bildungsgewerkschaft fordert Konsequenzen aus dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017

Frankfurt a.M. - Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vorgeschlagen, einen Runden Tisch "Gute Arbeit in der Wissenschaft" einzurichten. Bund und Länder, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsorganisationen und Gewerkschaften sollen gemeinsam über weitere Maßnahmen zur verlässlichen Ausgestaltung der Karrierewege und Stabilisierung der Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft beraten. "Auf den Schultern der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neben der Professur, des so genannten wissenschaftlichen Nachwuchses, lastet der Löwenanteil der in Forschung und Lehre geleisteten Arbeit. Aber die Hochschulen speisen 93 Prozent von ihnen mit einem Zeitvertrag ab. Das Befristungsunwesen in der Wissenschaft ist nicht nur unfair gegenüber den Betroffenen, sondern unterminiert auch die Kontinuität und damit Qualität von Forschung und Lehre. Auch ein Jahr nach der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist der politische Handlungsbedarf enorm", sagte Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender und Hochschulexperte, mit Blick auf die Vorstellung des Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 durch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) heute in Frankfurt a.M.

"Dramatisch" seien die Befunde des Berichts zur Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Qualifizierung und Familie, sagte Keller. Nur zwölf Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses geben an, keinen Kinderwunsch zu haben. Tatsächlich bleiben aber mit 49 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und 42 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Universitäten deutlich mehr Beschäftigte kinderlos als andere Hochschulabsolventinnen und -absolventen (25 Prozent). Als Grund für das Aufschieben von Kinderwünschen werden die zu geringe Planungssicherheit sowie die finanzielle Unsicherheit einer akademischen Karriere angegeben. "Bund, Länder und Wissenschaftseinrichtungen müssen jetzt endlich die Weichen für eine familienfreundliche Wissenschaft stellen", forderte Keller.

Er machte deutlich, dass Familienfreundlichkeit weit mehr als bedarfsgerechte Kinderbetreuungseinrichtungen und flexible Arbeitszeiten bedeute. "Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollten sich endlich in Kodizes für 'Gute Arbeit in der Wissenschaft' verpflichten, die familienpolitische Komponente des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes konsequent anzuwenden: Befristet beschäftigte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Arbeitsvertrag tatsächlich verlängert wird, wenn sie Kinder betreuen", mahnte Keller. Er erinnerte daran, dass die Bildungsgewerkschaft bereits 2012 mit dem Herrschinger Kodex "Gute Arbeit in der Wissenschaft" eine Empfehlung für entsprechende Selbstverpflichtungen der Wissenschaftseinrichtungen vorgelegt habe.

Weiter appellierte Keller an Bund und Länder, die bereits 2014 beschlossene Lockerung des Kooperationsverbots im Grundgesetz für eine "Entfristungsoffensive" zu nutzen. "Es gibt viel zu wenig Dauerstellen an den Hochschulen, um die Daueraufgaben in Forschung und Lehre verlässlich zu erledigen. Bund und Länder sollten daher gemeinsam die Grundfinanzierung der Hochschulen spürbar verbessern und für 50.000 zusätzliche Dauerstellen im akademischen Mittelbau sorgen", sagte der GEW-Hochschulexperte. Er bezog sich damit auf die 2016 von der GEW vorgelegte "Wittenberger Erklärung" und entsprechende Berechnungen des Instituts für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg.

"Die Ergebnisse des neuen Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs sind Wasser auf die Mühlen der GEW-Kampagne für den 'Traumjob Wissenschaft'. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind hoch zufrieden mit den Inhalten ihrer Arbeit in Forschung und Lehre. Sie werden aber mehr und mehr von unsicheren Berufsperspektiven und miserablen Beschäftigungsbedingungen abgeschreckt. Insbesondere Frauen steigen in der akademischen Laufbahn aus statt auf. Im Wettbewerb mit dem Ausland und der Industrie kann sich das deutsche Wissenschaftssystem diese Missstände auf Dauer nicht leisten. Wer exzellenter Forschung und guter Lehre das Wort redet, darf über die Qualität der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen nicht schweigen. Es ist höchste Zeit, dass die Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft nicht nur über den wissenschaftlichen Nachwuchs sprechen, sondern mit ihm und seiner Gewerkschaft einen Dialog auf Augenhöhe beginnen. Rufen Sie daher jetzt den Runden Tisch 'Gute Arbeit in der Wissenschaft' ein, Frau Wanka", wandte sich der GEW-Vize an die Bundesministerin.

Info: Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 ist im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von einem wissenschaftlichen Konsortium unter der Leitung des Instituts für Innovation und Technik (iit) in Berlin erstellt worden.

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