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GEW: „Nicht Bologna ist gescheitert, sondern Bonn“

Bildungsgewerkschaft stellt Studie zur Umsetzung der Bologna-Reform vor

10.09.2009

Bad Wildbad - „Die Studienreform im Zuge des Bologna-Prozesses hat ein enormes Potenzial. In Deutschland wurde dieses jedoch bisher nicht genutzt – im Gegenteil: Es gibt sogar Rückschritte“, sagte Andreas Keller, für Hochschulen verantwortliches Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zu den Ergebnissen der Expertise „Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit“. Die GEW stellte die Studie heute aus Anlass ihrer viertägigen Wissenschaftskonferenz in Bad Wildbad/Nordschwarzwald vor. „Nicht Bologna ist gescheitert, sondern Bonn – der deutsche Weg der Umsetzung der Bologna-Reform durch Kultusministerkonferenz (KMK), Bundesbildungsministerium, Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Akkreditierungsrat“, betonte Keller mit Blick auf den Sitz dieser für die Reform verantwortlichen Institutionen in der früheren Bundeshauptstadt.

„Die Einführung der neuen Bachelorstudiengänge hätte genutzt werden können, um die Hochschulen für mehr junge Menschen zu öffnen - auch aus einkommensschwachen und Nichtakademikerfamilien. Zumal der Bologna-Prozess die Stärkung der ‚sozialen Dimension’ des Europäischen Hochschulraums fordert“, erklärte Keller. „Tatsächlich hat die neue Studienstruktur aber eine neue Hürde errichtet, die die Fortsetzung des Studiums selbst bei einem erfolgreich abgelegten Bachelorexamen erschwert.“ Hierfür sorgten etwa Zulassungsbeschränkungen beim Übergang vom Bachelor zum Master. Alarmierend sei, dass insbesondere Frauen schon nach dem Bachelor die Hochschule verließen: Während 53,7 Prozent der Bachelorabschlüsse von Frauen abgelegt würden, liege der Frauenanteil bei den Masterabschlüssen nur noch bei 40,7 Prozent, stellten die Autorinnen und Autoren der Bologna-Studie fest.

„Die fehlende Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium wiegt besonders schwer, weil die Berufsbefähigung der Bachelorabschlüsse in vielen Fachrichtungen immer noch fraglich ist. Die jungen Menschen werden im schlechtesten Fall mit einem wertlosen Examen auf den Arbeitsmarkt geschickt“, sagte Keller. Zehn Jahre nach der Bologna-Erklärung seien die neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere in kleineren Unternehmen, immer noch nicht akzeptiert.

„Statt die Studienbedingungen zu verbessern, hat der Bologna-Prozess neue Studiengänge hervorgebracht, die in vielen Fällen schlicht nicht studierbar sind“, erklärte Keller. Die neuen Bachelorstudiengänge verzeichneten über alle Hochschularten und Fächergruppen hinweg mit 30 Prozent höhere Studienabbrecherquoten. Studierende klagten über hohe Belastungen, Stress und einen enormen Erfolgsdruck. Sie müssten im Bachelorstudium möglichst gut abschneiden, um sich die Chance auf einen Masterstudienplatz zu sichern. Das habe auch gesundheitliche Folgen: Die Autoren der Expertise machten auf das überproportionale Auftreten von Nervenkrankheiten und psychischen Erkrankungen bei Studierenden aufmerksam.

„Die Anrechnung außerhalb der Hochschulen erworbener Kompetenzen im Rahmen eines ‚lebenslangen Lernens’ gehörte von Anfang an zu den zentralen Zielsetzungen des Bologna-Prozesses. In dieser Hinsicht kann Deutschland aber so gut wie keine Fortschritte verzeichnen. Studierenden ohne traditionelle Hochschulberechtigung werden weiter Steine in den Weg gelegt“, stellte Keller fest. Im Vergleich mit anderen Bologna-Staaten habe Deutschland mit nur einem Prozent einen besonders niedrigen Anteil nicht-traditioneller Studierender, flexible Lernwege wie Teilzeitstudiengänge seien unterentwickelt.

„Sogar im Herzstück des Bologna-Prozesses – der Förderung der Mobilität im Europäischen Hochschulraum – kann Deutschland keine positive Bilanz vorlegen: Studierende in den neuen Studiengängen gehen seltener ins Ausland als in den alten Diplom- und Magisterstudiengängen“, erklärte Keller. Die Autoren der Studie stellten fest, dass die Mobilität vom sozialen Hintergrund der Studierenden abhänge: Akademikerkinder gingen mehr als doppelt so häufig ins Ausland wie ihre Studienkollegen, die aus Nichtakademikerfamilien stammen.

„Es wäre jedoch falsch, aus dem Bologna-Prozess auszusteigen. Die GEW fordert stattdessen die Einlösung der Versprechen von Bologna – durch einen radikalen Kurswechsel bei der Umsetzung der Reformen in Deutschland.“ Der GEW-Sprecher erinnerte an die nach dem Bildungsstreik von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), KMK-Vizepräsident Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) und HRK-Präsidentin Margret Wintermantel gegebene Zusage, für „Kurskorrekturen“ zu sorgen: „Wir nehmen die Zusage ernst und pochen darauf, dass den Worten Taten folgen.“

Info: Auf ihrer Wissenschaftskonferenz „Endstation Bologna? Zehn Jahre Europäischer Hochschulraum“, zu der sich rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Bad Wildbad treffen, hat die GEW die Ergebnisse der Studie „Anspruch und Wirklichkeit des Bologna-Prozesses – Umsetzung der europäischen Ziele in Deutschland“ vorgestellt. Die Expertise wurde von den Studienreform-Experten Ulf Banscherus, Annerose Gulbins, Klemens Himpele und Sonja Staack im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung erarbeitet.