GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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GEW-Programm: Qualitätsentwicklung in Kitas

Das Thema Qualität gewinnt auch im Bereich der Kindertagesstätten immer mehr an Bedeutung. Nach dem Kriterienkatalog der GEW lassen sich Elemente von Qualität messen.

Die Bildungsgewerkschaft fordert die Beschäftigten auf, das Thema Qualität offensiv anzugehen, damit sie im aufkommenden Sturm der Qualitätsmessung ihre eigenen Ansprüche und Ziele ansteuern können. Im Auftrag der GEW haben vier Fachleute aus der Wissenschaft (Dr. Hilmar Hoffmann), der Fortbildung und Beratung (André Dupuis) und der GEW (Petra Adolph und Christine Hohmeyer) Grundzüge für eine gewerkschaftlich fundierte Qualitätsentwicklung formuliert.

"Qualität gehört zu dem, wovon auf vielfältig Art gesprochen wird." (Aristoteles)

Bis vor wenigen Jahren wurde fast ausschließlich im Bereich der industriellen Produktion über Qualität nachgedacht. Die Deutsche Industrie Norm (DIN) stand und steht international für Produkte von hoher Qualität. Der breiten Öffentlichkeit sind Qualitätsuntersuchungen vor allem durch die "Stiftung Warentest" bekannt. Deren Urteil hat für die Wirtschaft mitunter weitreichende Konsequenzen: Kunden orientieren sich an den Tests der Stiftung und kaufen eher Produkte, die als "Gut" beurteilt wurden. "Schlecht" getestete werden zu Ladenhütern.

Im Dienstleistungsbereich und damit im öffentlichen Dienst haben Qualitätsmaßstäbe mit der Einführung der sog. DIN EN ISO 9001 ff (EN = Europäische Norm, ISO = International Standard) Einzug gehalten. Sie macht Vorgaben für die Organisation und Gliederung von betrieblichen Abläufen, Aufgabenzuordnungen, Fehlerkorrektur u.v.a.m., die in einem Handbuch festgehalten werden. Spezielle Beratungsagenturen verleihen dem Unternehmen, das für sich ein solches Verfahren verabredet und dokumentiert hat, ein Zertifikat. Mittlerweile findet man immer mehr Unternehmen, die mit diesem Zertifikat werbend auf sich aufmerksam machen.

Elemente dieses Verfahrens werden auch im Zuge der sog. Neuen Steuerung des Öffentlichen Dienstes eingesetzt, vor allem die Beschreibung der zu erbringenden Leistungen, die Zuordnung von Verantwortlichkeiten und die Feststellung der Kosten.

Gesetzlicher Rahmen

Im Kinder-und Jugendhilfegesetz (KJHG) wurde Ende 2005 ein neues Verfahren der Finanzierung auf der Grundlage sog. Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarungen eingeführt. Es gilt zunächst für den Bereich der Hilfen zur Erziehung, kann aber durch Landesrecht auch auf andere Bereiche der Jugendhilfe ausgeweitet werden. Es ist damit zu rechnen, dass mit dieser neuen Gesetzeslage stärker als bisher im Einzelnen darüber verhandelt werden muss, wie die Einrichtungen ausgestattet werden. Dabei gelten nach wie vor die grundätzlichen Maßstäbe der Jugendhilfe, das Recht aller Kinder auf Betreuung, Bildung und Erziehung, der Abbau und die Vermeidung von Benachteiligungen, die Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen, die altersgerechte Mitbestimmung von Kindern, eine demokratische Jugendhilfeplanung.

Qualität für Kinder

Speziell für den Bereich der Tageseinrichungen für Kinder wurden in den vergangenen Jahren drei Verfahren und Orientierungshilfen erarbeitet:

- Das Netzwerk Kinderbetreuung der Europäischen Kommission hat 1996 für ein zehnjähriges Aktionsprogramm 40 Qualitätsziele als Mindeststandards vorgelegt. Sie beschreiben u.a. den politischen Rahmen, den Umfang und die Art des Angebots, Bildungsziele, die Finanzierung und das Personal.

- Die Kindergarten-Einschätz-Skala (KES) ist die auf deutsche Verhältnisse von Erziehungswissenschaftlern der FU Berlin und der Universität Lüneburg übertragene Version der amerikanischen "Early Childhood Environment Rating Scale". Mit 37 Kategorien wird durch Beobachtungen und Gespräche die in einer Einrichtung erreichte Qualität festgestellt.

- Der "Kronberger Kreis", eine Arbeitsgruppe von Fachberaterinnen aus dem Umfeld des Deutschen Jugendinstituts (DJI) macht den Vorschlag, Qualität nicht in erster Linie zu messen, sondern dialogisch mit allen Beteiligten auf sieben Prozessebenen zu beschreiben und weiterzuentwickeln.

Qualität für Erzieherinnen

All diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die Bedeutung der Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen nur unzureichend berücksichtigen. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen und auch wissenschaftlich bestätigt (siehe die jüngsten Untersuchung von Tietze u.a./ FU Berlin), dass die personellen Rahmenbedingungen wesentlichen Einfluss auf die Qualität der Arbeit haben.

Dazu gehören vor allem
- die Gruppengröße,
- die Anzahl der Erzieherinnen pro Gruppe,
- die Ausbildung des Personals,
- die Vor- und Nachbereitungszeit,
- die Möglichkeit der Fortbildung und Fachberatung und
- die tarifliche Bezahlung.

Solche Kriterien, die es weiter zu ergänzen, zu spezifizieren und zu konkretisiern gilt, sind notwendig, um Mindeststandards als Voraussetzung für gelingende Kleinkindpädagogik zu erhalten.

Bildungsauftrag und Vielfalt

Die Kindertagesstätte ist für kleine Kinder die erste Station auf dem Weg institutioneller Bildung. Jeder, der Kinder aufmerksam beobachtet, weiß, dass gerade kleine Kinder in hohem Maße bereit und in der Lage sind, zu lernen. Sie haben gelernt, Menschen und Dinge zu unterscheiden, zu laufen, zu sprechen,...
In der Kindertagesstätte müssen Erzieherinnen also nicht erst damit anfangen, Kindern zum ersten Mal etwas Ordentliches beizubringen, sondern alle Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kinder weiter lernen können. Die wichtigste Voraussetzung dafür und für "die Ordnung des Denkens" ist die Vielfalt sinnlicher Wahrnehmungen.

Die wichtigste Aufgabe der Erzieherin ist es deshalb, Kindern Freiräume für Entdeckungen und Experimente zu geben. So können Kinder ihre eigene Kultur jenseits der Gedankenwelt und der eingeübten Gewohnheiten der Erwachsenen entwickeln. Dazu gehört auch, dass Erzieherinnen ihre eigene Persönlichkeit einbringen und sich in Frage stellen lassen und die Umgebung so einrichten, dass diese dazu anregt, sie immer wieder neu zu gestalten. Zwar konstruieren Jungen und Mädchen in eigener Aktivität ihr Bild von der Welt und entwickeln Handlungsschemata, aber sie brauchen qualifizierte Bindungspersonen, die wechselseitige Anerkennung ermöglichen.
So kann Bildung gelingen im Sinne allmählichen Aneignens von Dingen und Zusammenhängen unterstützt von "interessierten Beziehungen" und sinnesaktivierender Umgebung.

Eine so verstandene "Lerngemeinschaft" von Erzieherinnen und Kindern setzt Kompetenzen voraus und bringt immer neue hervor:
- verantwortliches und soziales Handeln,
- miteinander kommunizieren,
- Umgang mit Medien,
- Fähigkeit zur Entscheidungsfindung,
- Entfaltung kreativer Potenzen,
- Sensibilisierung der Sinne und
- Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit.

Damit die Entwicklung dieser Kompetenzen gelingt, bedarf es geeigneter Methoden und Arbeitsformen, die
- aktiv, erforschend,
- Erprobungs-, Forschungsfelder schaffend,
- Eigenmotivation, Eigeninteressen fördernd,
- eigene Handlungen und Erfahrungen als Quelle von Erkenntnissen entdeckend,
- problemorientiert,
- partizipatorisch,
- eingebunden in den sozialen Kontext,
- Zusammenhänge herstellen, kein isoliertes Training,
- an der Lebenswelt orientiert,
- die realen Lebensverhältnisse als Ausgangspunkt nehmen
- Auseinandersetzung mit Inhalten der verschiedensten Art,
- Einbeziehung von allgemeinen und wissenschaftlichen Erkenntnissen,
- Projektarbeit,
- Leistungsmotivation statt Leistungsdruck.
- Kooperation mit anderen und Lernen voneinander,
- spielerische Entwicklung, spielerisches Lernen,
- Gruppen- und altersübergreifend,
- integrativ und interkulturell.

Wenn man sich darauf verständigen könnte, in diesem Sinne Kriterien für die Qualitätsentwicklung zu beschreiben, wäre der nächste Schritt, Verfahren für ihre Handhabung zu entwickeln und letztlich eine Art "Gütesiegel" einzuführen.

Gewerkschaftliches Gütesiegel

Immer mehr Bundesländer schlagen den Weg der Kommunalisierung der Zuständigkeit für Kindertagesstätten ein. Sie heben die bisher geltenden Vorschriften über Mindeststandards auf und überlassen es den örtlichen Gegebenheiten, die Einrichtungen nach ihrem Gutdünken auszustatten. Da regiert dann meist der kommunale Geldbeutel. Ein "Gütesiegel" könnte der völligen Beliebigkeit Einhalt gebieten und dazu beitragen, den Bildungsauftrag von Tageseinrichtungen für Kinder zu verwirklichen. Aber nicht von außen aufgedrückt, sondern von den pädagogischen Teams in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Beratung selbst entwickelt und verantwortet.

Eine solche Form der Zertifizierung und Entwicklung von Qualität anzubieten, wäre auch Aufgabe von Gewerkschaften und Berufsverbänden. Die GEW wird dazu in nächster Zeit ein Angebot der Zusammenarbeit machen. Wenn die Beschäftigten nicht selbst das Ruder in die Hand nehmen, werden sie im aufkommenden Sturm der Qualitätsmessung ihre eigenen Ansprüche und Ziele nicht mehr ansteuern können.

Literaturhinweis

Petra Adolph, André Dupuis, Dr. Hilmar Hoffmann, Christine Hohmeyer:
"Qualität in Kindertageseinrichtungen - Schlagwort, Zauberformel oder was?", Frankfurt a.M., Oktober 1999, 27 Seiten.

Dr. Hilmar Hofmann: "Ist doch alles eines! Oder: Was ist Fachlichkeit? Zur Qualitätsdebatte in Kindertagesstätten", Frankfurt a.M., März 2000, 52 Seiten (mit der Übersetzung von "Quality in Early Childhood Education" der Dänischen Bildungsgwerkschaft)