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Inklusion benötigt einen Systemwechsel

In der ZEIT vom 24. Juli 2014 veröffentlichte Annegret Kramp-Karrenbauer unter dem Titel "Nicht mit der Brechstange" einen Beitrag zum Stand der Inklusion, der zwischen Inklusionsbefürwortern und -gegnern polarisiert und einen Graben aufreißt, der uns in der Diskussion nicht weiter bringt. Sie bedient sich dabei zahlreicher Klischees, die von Kritikern der Inklusion stets bemüht werden obwohl sie wissenschaftlich unhaltbar sind.

Der Beitrag, den Annegret Kramp-Karrenbauer in der ZEIT veröffentlicht hat, wirft viele Fragen auf. Wie konnte die schulpolitische und auch die pädagogische Weiterentwicklung an den Schulen in Deutschland so spurlos an der saarländischen Ministerpräsidentin vorbei gehen? Auch der Zeitpunkt des Artikels überrascht: Er erscheint kurz nach einem im saarländischen Landtag einstimmig (!) gefassten Beschluss zur Weiterentwicklung des Gemeinsamen Unterrichts in den Regelschulen. Nun rudert die Ministerpräsidentin in Kernfragen zurück. Dabei fasste der Landtag den Beschluss keinesfalls „mit der Brechstange“, sondern auf der Grundlage der fast dreißigjährigen Erfahrung mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf im Saarland. Mit ihrem Beitrag blendet die Ministerpräsidentin aus, was es an Lösungen bereits gibt. Kramp-Karrenbauer polarisiert zwischen Inklusionsbefürwortern und -gegnern und reißt dabei einen Graben auf, der uns in der Diskussion nicht weiter bringt.

Beitrag strotzt von Klischees um den Sinn der Inklusion in Frage zu stellen

Der Beitrag strotzt nur so von Klischees, die, obwohl meist leicht zu widerlegen, immer wieder gern verwendet werden, um den Sinn der Inklusion in Frage zu stellen. So hält sich unter Inklusionskritikern hartnäckig die Ansicht, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf bräuchten „maßgeschneiderte individuelle Unterstützung“, die es eben nur auf der Förderschule gebe. Doch auch Kinder mit Behinderungen sind in erster Linie Kinder. Sie brauchen ein soziales Miteinander und umfassende Bildung. Dass in Bezug auf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf von Förderung und Unterstützung statt von „Bildung“ gesprochen wird, offenbart eine diskriminierende Haltung gegenüber diesen Kindern. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen in der allgemeinen Schule besser und mehr und sind – bei gleichen intellektuellen und sozioökonomischen Voraussetzungen – den Förderschülerinnen und -schülern um rund ein halbes Schuljahr voraus. Das hat jüngst eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ergeben.

Spätestens bei “Schwerstmehrfachbehinderten“ aber scheitere die Inklusion, lautet ein weiteres dieser Klischees, das die Autorin in ihrem Beitrag aufgreift. Bei der Beschreibung des „Schülers mit Magensonde“ unterschlägt Kramp-Karrenbauer, dass nur ein ganz kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine komplexe Behinderung haben. Mehr als 50 Prozent haben eine „Behinderung“, die es in anderen Ländern gar nicht gibt und die wissenschaftlich seit Jahrzehnten höchst umstritten ist: die „Lernbehinderung“. Vielen „Schwerbehinderten“ hingegen merkt man ihre Behinderung kaum an, denn auch chronische Erkrankungen zählen zu den Schwerbehinderungen. Darüber hinaus gibt es auch für Kinder mit schweren Mehrfachbehinderungen gelungene Beispiele der Integration.

Aber werden durch die Bevorzugung von Menschen mit Behinderungen „Normale“ und „Leistungsstarke“ benachteiligt und in ihrer Ausbildung gestört, wie auch von Kramp-Karrenbauer suggeriert wird? Dabei widerlegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler durch den gemeinsamen Unterricht in ihrer Leistung gebremst werden. Individuelle Förderung, Barrierefreiheit und die Akzeptanz von Vielfalt – davon würden sicher alle Kinder profitieren. Auch die Leistungsstarken. Es ist nicht einzusehen, warum Kramp-Karrenbauer bei ihrer Beschreibung, wie fragwürdig die Norm „normal“ doch ist, ausgerechnet vor dem Schultor halt macht. Ist die Schule doch die Institution, die wie keine andere über die Zukunftschancen der Kinder entscheidet.

Wir beheben nicht die Probleme, wenn wir uns der Lernschwachen entledigen

Was führt die Ministerpräsidentin, stellvertretend für die vielen Kritiker der Inklusion, noch ins Feld? Kinder mit Lernproblemen würden in allgemeinen Schulen frustriert und seien deshalb an der Förderschule besser aufgehoben. Doch selbst wenn alle SchülerInnen mit größeren Lernproblemen die allgemeine Schule verließen - es würde immer eine Gruppe bleiben, die sich im unteren Teil der Notenskala wiederfindet und dadurch beschämt und entmutigt wird. Die Risikogruppe, die in den Leistungsvergleichsstudien die Mindeststandards nicht erfüllt, beträgt etwa ein Fünftel der SchülerInnen. Der Logik Kramp-Karrenbauers nach wären auch diese Schülerinnen und Schüler ein Fall für die Förderschule. Die Probleme des deutschen Schulsystems werden aber sicher nicht behoben, wenn wir uns der Lernschwachen entledigen. Gerade das „Aussondern“ auf eine andere Schule entmutigt Kinder, mehr noch als schlechte Noten. Wenn die Ministerpräsidentin fordert, dass Kinder und Jugendliche auf die „Leistungsgesellschaft“ vorbereitet werden müssen, dann müsste sie die Abschaffung der Förderschule „Lernen“ fordern. Denn nahezu alle wissenschaftlichen Untersuchungen bescheinigen dieser Schulform, dass sie die Leistung der betroffenen SchülerInnen nur sehr unzureichend zu fördern vermag.

Was unser derzeitiges Fördersystem angeht, zeichnet die Ministerpräsidentin jedoch ein positives Bild: Betroffene und Ehrenamtliche hätten ein differenziertes Fördersystem aufgebaut, das nun in Frage gestellt wird. Fakt ist: Ausgerechnet die häufigste Förderschulform „Lernen“ ist eben nicht aus dem Gedanken einer bestmöglichen Förderung entstanden, sondern zur Entlastung der überfüllten Volksschulen. „Die Volksschule hat andere Aufgaben zu lösen als sich mit Schwachen und Stumpfsinnigen herumzuplagen. Diese hemmen und hindern nur“, betonte der Gründer der Hilfsschule Heinrich Ernst Stötzner im Jahr 1864. Auch was die Möglichkeiten der Förderschulen angeht, hat Kramp-Karrenbauer völlig falsche Vorstellungen. Auch hier gibt es zu wenig Personal. Die Möglichkeiten von Kleinstgruppen sind äußerst begrenzt, ganz zu schweigen von einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Kramp-Karrenbauer ist der Ansicht, Inklusion dürfe nicht gegen das bestehende System durchgesetzt werden. Das sehe ich anders: Inklusion benötigt einen Systemwechsel. Wir haben ein Schulsystem, das nach wie vor Bildungschancen nach dem Geldbeutel der Eltern verteilt. Ein solches Schulsystem trägt dazu bei, dass die soziale Schere immer weiter auseinander geht. Es ist ungerecht und undemokratisch, denn ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler mit dem Förderbedarf „Lernen“ kommt aus Armutsverhältnissen, was gerne übersehen wird. Die Illusion, dass man Kinder und Jugendliche erst einmal in einem Sonderschulsystem fit für die Gesellschaft macht und dann sozial integriert, ist ein Trugschluss. Teilhabe gelingt nur, wenn Kinder und Jugendliche von Anfang an miteinander spielen und lernen. Dies bedeutet keinesfalls einen Verzicht auf sonderpädagogische Kompetenz. Ganz im Gegenteil: Diese wird an den Regelschulen gebraucht!

Die schlechten Rahmenbedingungen sind das eigentliche Problem

Der Artikel von Annegret Kramp-Karrenbauer wird bei all jenen auf Unverständnis stoßen, die seit vielen Jahren ihre Schule reformiert haben und die die verschiedensten Kinder erfolgreich gemeinsam unterrichten. Denn die Ministerpräsidentin zeichnet ein altbackenes Bild von Schule, das an zahlreichen Orten längst überholt ist. Die meisten RegelschullehrerInnen haben gar kein Problem, Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen zu unterrichten. Sie haben ein Problem mit den schlechten Rahmenbedingungen, mit einer unzureichenden Personalisierung und der schlechten materiellen Ausstattung der Schulen. Sie haben ein Problem mit einer Lehrerausbildung, die wenig Bezug zur sozialen Realität hat. Diese Probleme existieren auch ganz ohne die Inklusion schon lange. Das Bildungssystem ist chronisch unterfinanziert und die Lehrkräfteausbildung hinkt den Entwicklungen der letzten Jahre hinterher. Dafür tragen in erster Linie PolitikerInnen die Verantwortung. Also auch die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Dr. Ilka Hoffmann,
GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schulen, ehemalige Inklusionsbeauftragte des saarländischen Bildungsministeriums