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Gratwanderung im Klassenzimmer

In Schleswig Holstein müssen Schüler und Lehrer mit der Gemeinschaftsschule klarkommen. Manche haben schlaflose Nächte. Eine anregende und Mut machende Situationsbeschreibung wie die Hauptschule in Schönberg mit der Realschule verschmilzt. Ein Beitrag aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10. April 2011.

SCHÖNBERG. Manchmal sitzt er nachts auf der Bettkante und grübelt: Was machen wir da eigentlich? Dabei ist Wolfgang Wittmaack keiner, den so schnell etwas aus der Fassung wirft. Er hat feste Überzeugungen, auch wenn er ab und zu zweifelt, er kann ungeheuer schnell reden, ist schlagfertig und in seinem Beruf ein alter Hase. Schönberg, wo er lebt, liegt nicht weit von Kiel, ist ein Ort mit knapp siebentausend Einwohnern, vielen Ostsee-Touristen und einem Kindheitsmuseum. Das ist putzig klein. Dafür hat Schönberg für seine Größe eine umso imposantere Kirche, ein paar reetgedeckte Häuser, eine Fußgängerzone, einen historischen Pfad zu seinen Gemäuern - und ein Projekt, das vielleicht manchen später an seine Kindheit erinnern wird: "Wir gehörten dazu." Wolfgang Wittmaack leitet die Schönberger Gemeinschaftsschule.

Tim, der in Wirklichkeit anders heißt, könnte zu diesen Menschen gehören. Er ist ein aufgeweckter Bursche, kommt aus Krummbek, das ist in der Nähe von Schönberg, wird bald zwölf, geht in die sechste Klasse, genau gesagt in die 6 f, sitzt in der ersten Reihe und hat zu ziemlich allem eine Meinung. Auch zu seiner Schule. Die findet er gut. Nur dass es erst von der achten Klasse an Noten gibt, das findet er wiederum "doof". "Da kann man sich nicht einschätzen", meint er und ist dabei wohl manchem seiner Mitschüler voraus. Aber auch die nennen ihre Klasse "einfach cool".

Sie sind 26 in der 6 f, zwei fehlen an diesem Tag, sie sitzen an Zweier- und Vierertischen und einem Sechsertisch. Zweite Stunde, Kunstunterricht, vorher hatten sie Mathe. Sie sollen mit Zirkel und Geo-Dreieck Ornamente, Mandalas, zeichnen und später ausmalen. Jeder wie er will und vor allem kann. Ein paar melden sich überhaupt nicht und ein paar immerzu, das ist den ganzen Morgen so. Tim meldet sich dauernd. Oder er wirft einfach eine Frage in den Raum. "Frau Kullik, darf ich das machen?" Ja, Tim. Oder die anderen, die permanent strecken: "Frau Kullik, welche Farbe soll ich nehmen?" "Frau Kullik, können Sie mal schauen?" Ja, sie schaut. Und zu den anderen, die sich nie oder ganz selten melden, geht sie ohnehin. "Prima." "Nein, das kannst du besser." Eigentlich müsste sich Doris Kullik zerreißen. Schließlich hat sie keine herkömmliche Klasse vor sich, sondern eine bunt durchmischte Truppe. Vom Gymnasiasten bis zum lernbehinderten "I-Kind", Stichwort: Inklusion, sind alle dabei.

Was sie schon alles durchgenommen haben? Davon künden liebe- und mühevoll bemalte und beschriebene Papp-Plakate an den Wänden. Kinderarbeit zum Beispiel, Islam, Australien. Oder: Wie bespreche ich ein Buch. "Monsterküsschen im Schnee" - ihr Stolz, die Resultate hängen an der Rückwand gegenüber der Tafel. Tja, und wenn Wolfgang Wittmaack, der Herr Direktor, in den Unterricht reinplatzt, steht die coole Klasse total uncool auf und sagt brav im Chor: "Guten Morgen, Herr Wittmaack." Alte Schule eben - Baseball-Kappen sind strikt verboten - in einer völlig neuen Schule.

Die Gemeinschaftsschule Probstei hat ausgerechnet den Friedhofsweg zur Adresse. Seit zwei Jahren sind die frühere Schönberger Haupt- und Realschule nun miteinander verschmolzen. Davor haben Lehrer, Schüler, Eltern und der Schulverband ein Jahr lang an einem Konzept getüftelt, das niemanden über- oder unterfordern, aber alle besser individuell fördern und auf ein erfolgreiches Leben vorbereiten soll. Lauter Superlative weist die neue Schule auf. Einmal abgesehen davon, dass auf dem Campus jeden Tag 780 Kinder und Jugendliche aus Schönberg und seiner Umgebung ein- und ausgehen. Nirgendwo sonst in Schleswig-Holstein haben sich nach Angaben der Schönberger so viele Fünftklässler an einer Gemeinschaftsschule angemeldet wie hier. Im ersten Jahr waren es 150, im zweiten richteten sie statt sechs gleich sieben Parallelklassen ein. Nirgendwo sonst waren zudem so viele Schüler mit einer Empfehlung fürs Gymnasium darunter, nämlich zwanzig. "Wenn das keine Abstimmung mit den Füßen ist", sagt sichtlich stolz der Bürgermeister.

Die Grünen in Baden-Württemberg wollen sie, ihre Parteifreunde in Nordrhein-Westfalen auch, und die SPD freut sich: Schleswig-Holstein ist Pionier, hat als erstes Bundesland Gemeinschaftsschulen eingeführt, dort lernen nun schon seit vier Jahren starke und schwache Schüler gemeinsam von der fünften bis zur zehnten Klasse. Eine schwarz-rote Koalition in Kiel hat dafür gesorgt. Die Gegner sagen noch heute, das hätten Ute Erdsiek-Rave, die damalige Bildungsministerin von der SPD, und Johannes Wadephul von der CDU im stillen Kämmerchen miteinander ausgekungelt. Peter Harry Carstensen, dem CDU-Ministerpräsidenten, sei alles egal gewesen, nach dem Motto: Hauptsache, das Gymnasium als eigenständige Schule retten. Was auch geschah. Die CDU bekam zudem noch aus Haupt- und Realschulen fusionierte Regionalschulen, in denen nur bis zur siebten Klasse gemeinsam unterrichtet wird. Und die SPD halt das Gemeinschaftsmodell.

"Der Glaubenskrieg ist vorbei." Der Pragmatiker Wittmaack kann es nicht mehr hören. Zumal er beides für Unsinn hält, das gemeinsame Lernen zu verteufeln ("Das ist Gleichmacherei!") oder es heiligzusprechen ("Jetzt haben wir mehr Bildungsgerechtigkeit!"). Es ist hier Schulwirklichkeit, und die Lehrer müssen damit leben. Egal, ob sie nun dafür sind oder dagegen. Beides gibt es in Schönberg. Die Gemeinschaftsschule hat Schleswig-Holstein erobert, es sind 134 an der Zahl und damit mehr, als Gymnasien (99) oder Regionalschulen (61) in die Waagschale werfen.

Selbst etliche CDU-Gemeinden haben sich für eine entschieden. Ja klar, sagen die Gegner, weil die SPD durchs Land zog und mit der Verheißung lockte, dann kriegt ihr auch eine gymnasiale Oberstufe. Wittmaack will genau die, dafür kämpft er Seite an Seite mit dem Schulverbandsvertreter von der CDU und dem Bürgermeister von der SPD. Nee, nee, sagt der, die CDU-Kollegen seien auch von der Schulform überzeugt, schon aus pragmatischen Gründen. Schule ist ein Standortfaktor. Die Schönberger erweitern ihre gerade, bauen.

Doris Kullik-Klein ist eine Verfechterin der neuen Unterrichtsform. Früher, sagt sie, sei in den drei Schienen Hauptschule, Realschule und Gymnasium gedacht worden. Wenn einer nicht mitkam, sei er verschoben worden, "weil wir dachten, die sind so". Aber sie seien es nicht, manche passten nach rechts und nach links, sagt sie weiter und verweist auf den Unterschied zwischen Streublumenwiesen und Blumenrabatten. Der Lehrer sei zum Lernbegleiter geworden. Und wenn die Wissensvermittlung dabei auf der Strecke bleibt? "Das Risiko gehen wir ein für das Selbstbewusstsein der Schüler." Eine ihrer Kolleginnen dagegen wacht nachts mit dem Gedanken auf: "Du hast die vier lernbehinderten Kinder nicht genug gefördert und bist den Guten nicht gerecht geworden." Das gehe einem schon nach, sagt sie. Um die Guten sorgt sich ihr Chef auch.

In der Fünften und Sechsten funktioniert der Unterricht in Schönberg nun also anders. Streiche die Pronomen an, füge sie ein oder bilde eigene Sätze: Die Lehrer verteilen Arbeitsbögen mit unterschiedlich schweren Aufgaben. Ob in Deutsch, Mathe oder Englisch. Sind sie nicht mit sich beschäftigt, helfen die Stärkeren den Schwächeren und üben dabei, sich auszudrücken. Das kann gut, aber auch eine Gratwanderung sein: "Wir dürfen die Starken nicht missbrauchen." Oder es gibt Doppelstunden mit zwei Lehrern in der Klasse. Dann büffelt eine Gruppe gesondert, meist die ganz Schwachen oder die besonders Begabten, in einem Nebenraum oder hinter Metallparavents auf dem Flur.

Sechzig Lehrer hat Wolfgang Wittmaack. Sie haben alle einen unterschiedlichen Status, werden unterschiedlich bezahlt. Das macht an keiner Gemeinschaftsschule die Sache leichter. Auch nicht, dass die Lehrerausbildung noch nicht das Fach "Gemeinschaftsschullehrer" kennt. Für zweieinhalb Planstellen hat Wittmaack Gymnasiallehrer bekommen. Noch mehr bräuchte er freilich, wenn alles mit der gymnasialen Oberstufe klappt, genügend Schüler gut genug dafür sein werden - das weiß ja jetzt noch keiner - und das Ministerium dem Antrag zustimmen wird. Das hat gerade einen Chef aus der FDP und entscheidet gemäß der Nachfrage. Aber auch in Schleswig-Holstein wird bald gewählt, im Mai 2012. Die Schönberger sind gleichwohl frohgemut. "Wenn, dann wir", sagt der Bürgermeister.

Wittmaack hat es viel Kraft gekostet, den "Laden" zusammenzuhalten. Zwei Drittel der Realschullehrer waren damals gegen die Fusion, weil sie nicht wussten, was sie mit Hauptschülern anfangen sollten. Umgekehrt gilt das auch, Hauptschullehrer müssen Gymnasiasten etwas beibringen. "Wir haben eine Schule gegründet, und kein Lehrer war darauf vorbereitet." Aber das alte System ist tot, Wittmaack ist sich sicher. Selbst wenn die jetzige schwarz-gelbe Landesregierung einen Schwenk zurück gemacht hat, fortan jede Gemeinschaftsschule selbst entscheiden kann, wie streng sie es mit dem gemeinsamen Unterricht hält, ob sie etwa auch abschlussbezogene Lerngruppen bilden will. Die Schönberger haben schon davor für Mathe und Englisch damit geliebäugelt. "Das wird sich spreizen." Von der Siebten an. Mit Augenmaß, weil es seine Schüler kennt und seine Ressourcen. Das gemeinsame Lernen ist ein Experiment.

Wittmaack ist aber zuversichtlich. Er hat schließlich auch gut reden, weil seine "Probstei" vieles besitzt, was andere Schulen sich wünschen: leidenschaftliche Lehrer, eine Schulsozialarbeiterin, ein angegliedertes Kinder- und Jugendhaus mit Essensausgabe, Fußballflippern und Musikbands, einen vertrauensvollen Hausmeister, einen riesigen Sportplatz, dankbare Ehemalige und jetzt auch noch eine Elternvertreterin, die sagt: "Unsere Kinder kommen fröhlich nach Hause."

Und anderswo? Dort, wo die Eltern frustriert sind, weil ihre Kinder über einen lustlosen Unterricht klagen, sie ihnen aber einen weiten Schulweg ersparen wollten und auf eine gymnasiale Oberstufe setzten? Die Gemeinschaftsschulen kommen klar, mehr aber nicht, heißt es bei der "Interessenvertretung Lehrkräfte Schleswig-Holstein". Die älteren Realschullehrer machten weiter wie bisher, die jüngeren wüchsen in die Aufgabe hinein. Wolfgang Wittmaack, Realschullehrer, 59 Jahre, würde dem wohl entgegensetzen: "Wir sind Suchende."

von Cornelia von Wrangel
in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
vom 10. April 2011

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