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Für eine Pädagogik der Vielfalt

Die GEW engagiert sich für eine Pädagogik der Vielfalt. Vielfalt heißt: gleiche Rechte, Gleichwertigkeit, gleiche Teilhabe – und zwar für alle Menschen jedwelcher Religion, ethnischer Herkunft, geschlechtlicher oder sexueller Identität. In der Schule geht es dabei sowohl um die Wertschätzung von Lehrkräften sowie Kindern und Jugendlichen mit Lebensentwürfen jenseits der zweigeschlechtlichen Norm als auch um die Repräsentation von Vielfalt in Unterrichtsmaterialien.

Angesichts zunehmender Angriffe auf eine Pädagogik der Vielfalt – etwa durch die rechtspopulistische AfD – will die GEW Lehrkräfte und Eltern mit Argumenten, Informationen und Hintergründen unterstützen. Dazu hat die Arbeitsgemeinschaft LSBTI* die Broschüre "Für eine Pädagogik der Vielfalt: Argumente gegen ultrakonservative, neu-rechte und christlich-fundamentalistische Behauptungen" erstellt. Lehrkräfte erfahren zudem, auf welcher Rechtsgrundlage sie agieren und an wen sie sich wenden können, wenn sie selbst zum Ziel diffamierender Angriffe werden.

Die GEW-Broschüre kann im Shop bestellt werden!

Ziele einer Pädagogik der Vielfalt sind Aufklärung, Selbstbestimmung und Gleichwertigkeit. Eine Pädagogik der Vielfalt macht die Realität in unserer Gesellschaft zum Thema und bereitet Kinder und Jugendliche auf die existierende Vielfalt an Lebensentwürfen auch jenseits der zweigeschlechtlichen Norm vor. Sie ist fächerübergreifend angelegt und keinem besonderen Fach zugeordnet.

Zur Pädagogik der Vielfalt gehört auch praktische Antidiskriminierungsarbeit. Der schwule Erzieher soll offen von seinem Mann sprechen, die lesbische Lehrerin ihre Frau zum Schulfest mitbringen können. Kinder sollen von ihren beiden Mamas oder Papas erzählen können, ohne gehänselt zu werden.

Aufgabe von Lehrkräften ist es nicht nur, Kindern und Jugendlichen Mathematik, Englisch oder Biologie "beizubringen". Sie begleiten diese auf ihrem Weg, in einer immer komplexeren Gesellschaft selbstbestimmt zu leben und handlungsfähig zu werden. Lehrkräfte müssen dafür sorgen, dass sich Kinder und Jugendliche jenseits der Heteronorm oder aus Regenbogenfamilien entfalten können – ohne Diskriminierung.

Die Vielfalt in der Gesellschaft, die unterschiedlichen Lebensentwürfe, geschlechtliche und sexuelle Identitäten müssen altersgemäß thematisiert werden. Das heißt, Fragen beantworten, die die SchülerInnen gerade beschäftigen. Lehrkräfte können ferner als Vorbilder in der Interaktion mit anderen zeigen, wie ein wertschätzender Umgang mit vielfältigen Lebensentwürfen gelingen kann.

Soweit Lehrkräfte Schulmaterialien auswählen können, sollten sie auf die Sichtbarkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe, geschlechtlicher und sexueller Identitäten achten. Soweit Materialien vorgegeben sind, sollten enthaltene Stereotypen gemeinsam mit den Lernenden reflektiert und eventuell mit eigenem Material ergänzt werden. Lehrkräfte haben auch die Aufgabe, die Prozesse im Unterricht den Eltern gegenüber transparent zu machen. Dies beinhaltet jedoch nicht die Pflicht, sexualpädagogische Konzepte oder Materialien von Eltern oder deren Vertretungen genehmigen zu lassen.

Auch die neue Broschüre der GEW kann für den Unterricht genutzt werden: Sie schildert unter anderem, wie unsere Gesellschaft in den vergangenen 70 Jahren sozial und kulturell vielschichtiger geworden ist und liefert eine Vielzahl an Definitionen – von Geschlecht und sexueller Identität bis zu Regenbogenfamilien. 

Eine an Vielfalt orientierte Sexualerziehung macht unterschiedliche geschlechtliche und sexuelle Identitäten sichtbar und begegnet diesen mit Wertschätzung. Sie ermöglicht es, Kindern und Jugendlichen altersgemäß über Fragen zu diesem Thema zu sprechen, gerade auch, wenn diese fühlen, dass sie nicht in die gesellschaftlich gesetzten Normen passen. Dafür benötigen Lehrkräfte Gender-Kompetenz. Sie müssen Vorurteile und Stereotype erkennen können und mit ihren SchülerInnen reflektieren. 

Eine Pädagogik der Vielfalt bezogen auf die Sexualerziehung hält Geschlechterrollen für historisch und kulturell definiert, sieht verschiedene Beziehungsformen als gleichwertig an, respektiert Selbstdefinitionen wie selbst gewählte Geschlechter, stellt Vielfalt repräsentierende Biografien vor und verwendet eine geschlechtergerechte Sprache.

In jüngerer Zeit gibt es immer wieder Demonstrationen und Petitionen gegen eine vermeintliche Früh- und Übersexualisierung in der Schule sowie gegen die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe. Veranstaltet werden diese Aktionen von Kreisen, die sich "Besorgte Eltern" oder "Demo für alle" nennen und ein traditionelles, biologistisches und nationalistisches Familienbild propagieren. Eine Schlüsselrolle dabei spielt auch die Partei Alternative für Deutschland (AfD).

Die GEW-Broschüre setzt sich ausführlich mit den Vorwürfen auseinander und liefert für etliche Behauptungen der oben genannten Gruppen komplexe Gegeninformationen. Dabei geht es um die Definition von Geschlecht, die Rolle von Sexualität und Fortpflanzung, religiöse Moralvorstellungen, Familienmodelle und die Verantwortung für Sexualerziehung. Zu den wichtigsten Argumenten in der Debatte mit Vielfaltgegnern gehört wohl folgendes: "Nicht Sexualität als Tabu, sondern der tabufreie Umgang mit Fragen schützt Kinder und Jugendliche vor Missbrauch und sexualisierter Gewalt."

Wenn eine Lehrkraft Pädagogik der Vielfalt umsetzt und dabei von Gruppen wie den "Besorgten Eltern" angegriffen wird, ist es wichtig, den rechtlichen Rahmen des eigenen Handelns genau zu kennen. Dieser ergibt sich unter anderem aus den Schulgesetzen der Länder. Dass pädagogische Fachkräfte dabei auf die Wertvorstellungen des Elternhauses Rücksicht nehmen und mit den Eltern kooperieren, ist eine Selbstverständlichkeit.

Wenn Lehrkräfte dennoch angegriffen werden, müssen sie wissen, wo sie Unterstützung finden können. Die Broschüre gibt dazu viele Tipps. Zuständig sind zunächst das Schulkollegium, die Schulleitung, das Schulamt und das Kultusministerium. Auch Personalrat und Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte sollten angesprochen werden. Nicht zuletzt gibt es die GEW als gewerkschaftliche Interessenvertretung. Darüber hinaus existieren vielerorts Beratungsstellen. Die Antidiskriminierungsstelle listet eine Übersicht mit weiteren Beratungsstellen auf. Auch die LSBTI*-Interessenverbände können angesprochen werden.

Neben der GEW-Broschüre gibt es eine Vielzahl weiterer Lesetipps:

Lucie Billmann (Hg. 2015): Unheilige Allianz. Das Geflecht von christlichen Fundamentalisten und politisch Rechten am Beispiel des Widerstands gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg, Materialien der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, S. 06-14.

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg. 2011): Gleichstellung kontrovers. Eine Argumentationshilfe.
Expertise zu fundamentalistischen Angriffen auf Frauengleichstellung und Antidiskriminierung.

Geschlecht und Sexualität in der Bildung. Thüringer Zeitschrift der GEW 3/2015.
GEW-Mitglieder können die Zeitschrift herunterladen, andere Interessierte kostenlos online lesen.

GEW (Hg. 2012): Geschlechterkonstruktionen und LSBTI in Schulbüchern. Eine gleichstellungsorientierte Analyse. Frankfurt.

GEW (Hg. 2012): Raus aus der Grauzone – Farbe bekennen. Lesben, Schwule und Trans-Lehrkräfte in der Schule. Ein Ratgeber. Frankfurt.

GEW (Hg. 2013): Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Praxishilfen für den Umgang mit Schulbüchern. Frankfurt.

GEW (2013): Alles beginnt mit guter Bildung. 27. Gewerkschaftstag, 12.-16. Juni 2013, Düsseldorf. Beschlüsse.

Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen #57, Herbst 2014.
Titelthema des Heftes ist „Kampf dem Genderismus“

Rupp, Marina (Hg. 2010): Die Lebenssituation von Kindern gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Bundesanzeiger-Verlag 2010 (Studie des Bundesjustizministeriums zur Situation von Kindern aus Regenbogenfamilien)

Schwabe, Ruth (2016): Leitperspektive „Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ im Bildungsplan 2016. In: Lehren und Lernen Heft 3, Villingen-Schwenningen.

 

Alexander v. Beyme: Das schwule Blog (nicht nur) für Heteros
Blog zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen
Informationen und Beratung für Eltern im Umgang mit Kindern auf der Suche nach ihrer geschlechtlichen und sexuellen Identität

Parent-reported measures of child health and wellbeing in same-sex parent families: a cross-sectional survey
Australische Studie über die Lebenssituation von Kindern in Regenbogenfamilien. Bisher größte Studie weltweit

Charta der Vielfalt
Unternehmensinitiative zur Förderung von Vielfalt in Betrieben

Forum Sexualaufklärung und Familienplanung
Informationsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Medien, Projekte und Maßnahmen zur Sexualaufklärung und Familienplanung.

FAQs der Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V. (GSP)
Vielfältige Argumente für einen zeitgemäßen Sexualkundeunterricht

Jugendnetzwerk Lambda
Chatberatung für Trans*- und Inter-Jugendliche

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Aufklärung zu und Forschung über vielfältige Aspekte von LSBTI*-Lebenswürfen

Dossier: Homosexualität
Bundeszentrale für Politische Bildung

Dossier: Gender Mainstreaming
Bundeszentrale für Politische Bildung

Sexuelle Vielfalt
Bildungsserver Berlin-Brandenburg