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Dauerstellen für Daueraufgaben: Darum geht es

10 Jahre Templiner Manifest – der Kampf geht weiter

9 von 10 Wissenschaftlerinnen sind befristet angestellt. (Foto: Kay Herschelmann)

Andreas Keller

Vor zehn Jahren hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ihre Kampagne für den „Traumjob Wissenschaft“ gestartet. Das 2010 vorgelegte Templiner Manifest war ein Weckruf für die bundesdeutsche Wissenschaftspolitik.

Die Probleme leugnet heute niemand mehr. Immer mehr Zeitverträge mit immer kürzeren Laufzeiten, lange und steinige Karrierewege. Die prekäre Lage von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Hochschulen und Forschungseinrichtungen hat es nach ganz oben auf die politische Agenda geschafft. Wie ein Brennglas hat die Coronakrise die Defizite von Personalstruktur und Beschäftigungsbedingungen noch deutlicher sichtbar gemacht.

Das Templiner Manifest wirkt. Die 2016 in Kraft getretene Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) zielte darauf ab, unsachgemäßen Befristungen und Vertragslaufzeiten entgegenzuwirken, die Novelle von 2020 ermöglicht pandemiebedingte Vertragsverlängerungen. Der „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ verpflichtet die Länder, Schwerpunkte beim Ausbau unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse zu setzen. Mit dem Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern sollen berechenbare Karrierewege zwischen Promotion und Professur gefördert werden. Weit über 100 Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben Kodizes, Richtlinien und Vereinbarungen nach dem Vorbild des von der GEW erarbeiteten Herrschinger Kodex „Gute Arbeit in der Wissenschaft“ ausgearbeitet. In einer Reihe von Landeshochschulgesetzen wurden die Weichen für eine Reform der Personalstruktur und eine bessere Absicherung des Status von Lehrbeauftragten und Promovierenden gestellt.

Und doch liegt das größte Stück des Wegs noch vor uns. Die bisher ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Befristungsunwesens und zur Schaffung verlässlicher Karrierewege haben nur eine begrenzte Wirkung. Die 2020 von der GEW vorgestellte erste Evaluation des WissZeitVG zeigt, dass die Hochschulen ihre Befristungspraxis nahezu ungebrochen fortsetzen. Nach wie vor sind über 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals an Hochschulen befristet beschäftigt, bei den wissenschaftlichen Angestellten an Universitäten sind es sogar 89 Prozent. Die Laufzeiten von Zeitverträgen haben sich im Durchschnitt gerade mal um vier Monate auf jetzt 28 Monate bei Erstverträgen ausgedehnt. Sehenden Auges nimmt der Bund hin, dass die Länder die Zielsetzung des Zukunftsvertrags, für mehr Dauerstellen an den Hochschulen zu sorgen, mit wachsweichen Verpflichtungserklärungen unterlaufen. Kodizes für Gute Arbeit bleiben nicht selten blumige Worte, denen keine Taten folgen. Hinzu kommen die unabsehbaren Auswirkungen der Coronakrise, die zu neuen Unsicherheiten für befristet Beschäftigte, Lehrbeauftragte, Stipendiatinnen und Stipendiaten führen.

Gleichwohl haben sich die Ausgangsbedingungen verbessert. In der öffentlichen Meinung haben wir die Lufthoheit in der Auseinandersetzung um die Reform der Beschäftigungsbedingungen und Karrierewege in der Wissenschaft erkämpft. Mit zahlreichen Initiativen in Bund und Ländern, an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, in der bundesweiten Aktionswoche „Traumjob Wissenschaft“ 2015 und zuletzt der von der GEW gemeinsam mit ver.di und NGAWiss betriebenen Kampagne „Frist ist Frust“ haben wir unter Beweis gestellt, dass auch Kolleginnen und Kollegen in Hochschule und Forschung nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer häufig prekären Lebenslage organisiert und aktiviert werden können.

„Wir werden keine Ruhe geben – der Kampf geht weiter. Die Kontinuität und Qualität wissenschaftlicher Arbeit braucht stabile Beschäftigungsbedingungen“, heißt es daher im Aufruf „Dauerstellen für Daueraufgaben – der Kampf geht weiter“, den die GEW aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des Templiner Manifests am 25. November 2020 vorlegt. Wir brauchen endlich eine echte Reform von Personalstruktur und Karrierewegen, eine durchgreifende Verbesserung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft.

 

Die Kernforderungen des neuen Aufrufs zielen ab auf

  • Dauerstellen für Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement,
  • einen kräftigen Ausbau der Grundfinanzierung der Hochschulen,
  • gleiche Chancen auf eine erfolgreiche akademische Laufbahn für alle,
  • wirksame Mitbestimmungsrechte für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie
  • krisenfeste Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

„Wir haben nichts zu verlieren als unsere Kettenverträge, wir haben die Wissenschaft zu gewinnen – und die Wissenschaft uns!“

Nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und andere Beschäftigte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, sondern auch Studierende sowie Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bildungsbereichen und Branchen sind herzlich eingeladen, sich dem Aufruf anzuschließen und sich so solidarisch zu erklären. Bis zum Ende der Weihnachtspause möchte die GEW möglichst viele Unterstützerinnen und Unterstützer gewinnen und dann im neuen Jahr Bund und Länder, Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit den Forderungen konfrontieren. Dafür brauchen wir eure Unterstützung.

Mit dem Aufruf „Dauerstellen für Daueraufgaben – Der Kampf geht weiter“ möchten wir nicht nur die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen, sondern uns auch selbst Mut machen, motivieren und verpflichten, weiterzukämpfen.

Wir sind viele, wir sind mehr, wir sind die Zukunft. Wir erleben derzeit ein dynamisches Wachstum des Hochschul- und Forschungsbereichs. Knapp drei Millionen Studierende sind an Deutschlands Hochschulen eingeschrieben, weit über die Hälfte eines Altersjahrgangs nimmt ein Hochschulstudium auf. Ihnen stehen über 700.000 Hochschulbeschäftigte gegenüber, davon rund 250.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Weitere rund 100.000 Beschäftigte arbeiten an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Diese Dynamik spiegelt die wachsende Bedeutung wissenschaftlicher Aus- und Weiterbildung sowie Forschung in der Wissensgesellschaft wider.

Hochschule und Forschung sind systemrelevant, wir sind systemrelevant. Die wesentlichen Qualifikationen für die berufliche und gesellschaftliche Praxis sind zunehmend wissens- und wissenschaftsbasiert. Immer mehr Berufe setzen eine akademische Ausbildung voraus. Hochschulische und außerhochschulische Forschung müssen einen immer größeren Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Herausforderungen leisten. Bildung und Wissenschaft haben eine Schlüsselbedeutung für die Zukunft – wir sind die Zukunft! Dessen sind wir uns bewusst und wir erwarten von Bund und Ländern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine entsprechende Aufwertung der Arbeit von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Beschäftigten in Hochschulen und Forschungseinrichtungen. 

Wir haben gelernt: gute Argumente reichen nicht. Seit der Verabschiedung des Templiner Manifests haben wir auf unzähligen Veranstaltungen, mit einer Vielzahl an Aufrufen und Erklärungen, in endlosen Gesprächen und Verhandlungen, mit Daten, Fakten und wissenschaftlichen Expertisen unsere Forderungen vorgetragen und begründet. Die öffentliche Meinung, viele Wissenschaftsorganisationen und Politikerinnen und Politiker geben uns recht, aber bei noch zu vielen politisch Verantwortlichen bei Bund und Ländern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen beißen wir auf Granit. Wir brauchen mehr als gute Argumente.

Wir müssen unsere Kampfkraft und Durchsetzungsmacht stärken. Daher engagieren wir uns für eine Reform von Personalstruktur, Karrierewegen und Beschäftigungsbedingungen in Hochschule und Forschung. Wir sind bereit, für unsere Interessen einzutreten – unter dem Dach einer starken Solidargemeinschaft wie der Bildungsgewerkschaft GEW. Die GEW wird weiterhin entschlossen ihre Stimme für die Rechte der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Beschäftigten in Hochschule und Forschung erheben und alles tun, um die überfällige Reform durchzusetzen und uns vor der Willkür der Wissenschaftsarbeitgeber zu schützen. Dafür brauchen wir euch – und ihr braucht uns!