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Onlinefortbildung Was ist los mit Jaron?

Legt man die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch auf die Zahl der Schülerinnen und Schüler um, sitzen in jeder Klasse ein bis zwei betroffene Kinder oder Jugendliche. Eine Online-Fortbildung will sensibilisieren und Handlungswege einüben.

17.12.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Noch vor zwei Jahren, vor der Corona-Pandemie, wäre einem eine rein digitale Fortbildnerin wohl merkwürdig erschienen. Heute gewöhnt man sich schnell an die „Begleiterin“, die ihre Erfinder Diana Cichlar genannt haben. Die virtuelle Figur führt die Teilnehmenden des Fortbildungsangebots durch fünf Fälle, in denen es auf sehr unterschiedliche Weise um sexuellen Missbrauch geht. In einem digitalen Seminarraum steht sie nach jeder Geschichte mit weiterführenden Informationen zur Verfügung und verweist auf Materialien und Websites, die sich mit einem Klick öffnen lassen.

Denn die Fortbildung „Was ist los mit Jaron?“ ist nicht nur digital, sondern auch interaktiv: Auch während der Fallgeschichten beantworten die Teilnehmenden immer wieder Fragen der Protagonisten, etwa die, was diese nun tun sollen – einen Schüler noch einmal ansprechen oder Ruhe geben, weil er offenbar nicht über das sprechen will, was ihn umtreibt. Nach dem Klick auf eine der möglichen Antworten heißt es dann „Ja, das fühlt sich gut an“ – oder auch „Eigentlich genügt mir das nicht“ – jeweils mit weiteren Erläuterungen. Darüber hinaus kommt man auf dem virtuellen Weg an zahlreichen Themen vorbei, die mehr oder weniger gründlich studiert werden können: Schweigepflicht, Datenschutz oder Strafanzeigen etwa. Es geht aber auch darum, welche Rolle Freundinnen als Vertrauenspersonen im Leben eines Mädchens spielen.

Alle Teilnehmenden absolvieren fünf Fallbeispiele. Virtuelle Figuren – Lehrkräfte oder auch Sozialarbeiterinnen und -arbeiter – nehmen sie in ein digitales Klassenzimmer, ins Schwimmbad oder auf den Schulhof mit. Die Situationen, die man zugleich lernend wie assistierend begleitet, sind ganz unterschiedlich. Sie reichen von einer Lehrerin, die sich dem Missbrauch einer Schülerin mit Down-Syndrom annähert, bis zu einem Sozialarbeiter, der einen Verdacht hat, aber an entscheidender Stelle nicht weiterkommt.

Augen aufhalten, Gespräche anbieten

In den fünf Fällen wird nicht nur Naheliegendes – also die Frage: „Was ist bei sexuellem Missbrauch zu tun?“ – behandelt. Die Geschichte, die der Fortbildung den Namen gibt, erzählt von Jaron, der nach den Sommerferien verändert erscheint – und dann auch noch mit einem Knutschfleck kommt. Erst bringt die Lehrerin ihn nach allen Regeln der Kunst zum Sprechen, dann stellt sich heraus: Eine Mitschülerin hat ihm den verpasst; zu Hause hat er zwar Sorgen, aber keine, die mit Missbrauch zusammenhängen.

In anderen Fällen werden die Teilnehmenden so weit begleitet, wie ihre Verantwortung geht. So sagt eine Lehrerin zu der betroffenen Schülerin sinngemäß: „Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast. Das war sehr mutig von dir. Das Geheimnis für mich zu behalten, ist allerdings nicht möglich. Der Missbrauch muss aufhören, ich werde professionelle Hilfe dazu holen und eine Fachkraft Kinderschutz einschalten.“ Hier wird deutlich, was eine Lehrkraft, die Basiswissen hat, leisten kann.

„Augen aufhalten, Gespräche anbieten, da sein, stützen“ – so beschreibt Silke Klaumannsmöller die Rolle der Kolleginnen und Kollegen. Die stellvertretende Schulleiterin einer Förderschule in Niedersachsen hat nicht nur das Programm absolviert, sondern auch professionelle Erfahrungen mit Fällen von sexuellem Missbrauch: „Zu hören, dass es ein bis zwei Fälle pro Klasse gibt, hat mich dann doch schockiert“, sagt sie, „von mehreren betroffenen Kindern an unserer Schule wissen wir aber durchaus.“ Beeinträchtigte Kinder, das lernt man in dem Material auch, werden noch häufiger Opfer von sexuellem Missbrauch als andere.

Sonderpädagoginnen und -pädagogen sind auf den Umgang mit diesem Thema wenigstens etwas besser vorbereitet als andere Lehrkräfte: Traumatisierungen kämen in ihrem Studium zur Sprache. „Und auch in der Schule haben wir natürlich häufiger mit Kindern in sehr schwierigen Lebenslagen zu tun“, sagt die stellvertretende Leiterin der Pestalozzi-Schule in Großburgwedel, deren Schwerpunkte „Soziale und emotionale Entwicklung“ sowie „Geistige Entwicklung“ sind.

„Viele Prozesse, kollegiale Beratung etwa, sind bei uns längst Praxis, nun bringt ,Jaron‘ uns auf einen gemeinsamen Stand, um ein Gesamtkonzept zu entwickeln.“ (Silke Klaumannsmöller)

Dort absolviert nun das ganze Kollegium die Online-Fortbildung als Basis zur Entwicklung eines Kinderschutzkonzepts. „Viele Prozesse, kollegiale Beratung etwa, sind bei uns längst Praxis“, erklärt Klaumannsmöller, „nun bringt ,Jaron‘ uns auf einen gemeinsamen Stand, um ein Gesamtkonzept zu entwickeln.“ Wozu es ein Kinderschutzkonzept braucht, lernt man an den ein oder zwei Nachmittagen, die für den virtuellen Kurs benötigt werden, ebenfalls. Anhand eines Falles, in dem bei einem Lehrer Nacktfotos von Schülern auftauchen, wird erklärt, was bei Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler zu tun ist.

Dabei wird der Fall, dass eine Lehrkraft tatsächlich schuldig ist, ebenso erörtert wie jener, dass sich ein Verdacht als falsch herausstellt und es einer Rehabilitation bedarf. „Die Bandbreite hat mir gut gefallen“, fasst Klaumannsmöller zusammen. Die Themen würden so angesprochen, dass „ich den Eindruck hatte, sie könnten wirklich so passieren“. Dazu zähle auch ein sexueller Missbrauch, der sich von der Schule nicht aufklären lässt: „Auch das gehört leider zur Realität.“

Schulen sind wichtige Orte

Entwickelt wurde die Fortbildung im Haus des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) im Rahmen der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“, in Kooperation mit Kultusbehörden sowie Expertinnen und Experten. Der Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig erklärt, Schulen seien extrem wichtige Orte, wenn es darum geht, Kindern und Jugendlichen Schutz und Hilfe bei sexueller Gewalt zu bieten: „Nirgendwo sonst lassen sich Kinder und Jugendliche besser erreichen“.

„Was ist los mit Jaron?“ gibt es in einer Version für Grund- und in einer für weiterführende Schulen. Wer sich registriert – was nicht verpflichtend ist –, erhält im Anschluss ein Zertifikat. Benötigt werden ein leistungsstarker Rechner sowie eine stabile Internetverbindung.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.