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Serie: Traumjob oder Trauma?

„Verantwortungslos“

Aktive und angehende Lehrkräfte berichten, was sie an ihrem Beruf lieben, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert sind, was sie trotz alledem im Beruf hält – oder eben auch dazu gebracht hat, das Handtuch zu werfen.

Um gut arbeiten und ihrer pädagogischen Profession gerecht werden zu können, brauchen Lehrkräfte gute Rahmenbedingungen. Dazu zähle eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben, sagt Lehrerin Franziska Böhmer. (Foto: IMAGO/Funke Foto Services)

Ich hatte oft das Gefühl, in mein Lehramtsstudium eher hineingestolpert zu sein als mich bewusst dafür entschieden zu haben. Ein Grund dafür könnte meine soziale Herkunft sein. Mein Vater war Hauptschüler, meine Mutter hat das Gymnasium vor dem Abitur verlassen. Ich selbst ging auf eine Realschule, bevor ich zur Gesamtschule wechselte, um Abitur zu machen. Die Universität und alles, was damit zusammenhing, war daher eine völlig fremde Welt. Ich wusste nur: Der nächste logische Schritt wäre ein Studium. Aber was studieren, wenn man sich selbst und seiner Familie erklären soll, „was man später mal damit anfangen kann“? Ich sehnte mich in dieser neuen und einschüchternden Umgebung nach dem Bekannten, nach Sicherheit. Und so landete ich schließlich beim Lehramt: Die Schule kannte ich gut, da wusste ich, was mich später erwarten würde.

Die Motivation meiner Entscheidung vereint mich mit vielen angehenden Lehrkräften. Denn das Lehramtsstudium zieht vor allem junge Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis und dem Wunsch nach klaren Hierarchien an. Schließlich bietet es viele Vorzüge für all diejenigen, die das Vertraute suchen: Jede Lehrkraft, die vor einer Klasse steht, saß selbst mal auf der anderen Seite. Sie weiß, womit sie rechnen kann. Hinzu kommen verlockende Rahmenbedingungen, die eine stabile Zukunftsplanung ohne große Überraschungen versprechen. Allen voran natürlich die Verbeamtung, das gute Gehalt und die komfortable Pension. Aber auch häufige und lange Ferien und die planbaren Arbeitszeiten.

Der enge Kontakt mit Kindern und Jugendlichen im Alltag bringt für die eigene Persönlichkeitsentwicklung einen riesigen Mehrwert.

Ich habe aber schnell erkannt, was mich in dem Job wirklich motiviert: Der enge Kontakt mit Kindern und Jugendlichen im Alltag bringt für die eigene Persönlichkeitsentwicklung einen riesigen Mehrwert. Ihre Unterschiedlichkeiten kennenzulernen, einen Zugang zu jenen zu finden, die sich anfangs verschließen, ihnen Selbst-vertrauen zu vermitteln. Es gibt wohl wenige Tätigkeiten, die spannender und erfüllender sind.

Wenige Aufstiegsmöglichkeiten

Die Medaille hat aber wie immer zwei Seiten. Und für mich sind die Kehrseiten der Sicherheit und Planbarkeit der Grund gewesen, warum ich dem Lehrerberuf vorerst den Rücken gekehrt habe. Denn diese Sicherheit kann sich schnell wie ein allzu eng geschnürtes Korsett anfühlen. Die wenigen Aufstiegsmöglichkeiten sind wie eine Sackgasse. Die Hierarchien im Schulsystem sind steil, allerdings nicht an die „professionelle pädagogische Performanz“ geknüpft, wie es der Soziologe und Bildungsexperte Aladin El-Mafaalani in seinem Buch „Mythos Bildung“ formuliert. Das heißt konkret: In der Schule gibt es kaum Aufstiegsmöglichkeiten, auch wenn sich Lehrkräfte überdurchschnittlich engagieren. Und es bedeutet auch: Besonders gute Kolleginnen und Kollegen bekommen nicht mehr Wertschätzung als jene, die jahrelang nur das Nötigste in ihren Job investieren.

Idealisten behaupten, die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sollte all das aufwiegen. Ich finde diese Haltung fatal. Denn gerade an Orten wie der Schule, an der die Lehrkräfte tagtäglich pädagogisches und zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl beweisen müssen, sollten sie auch entsprechende Arbeitsstrukturen vorfinden und nicht nur von ihrem Idealismus leben.

An Schulen in Deutschland fehlt es an Selbstverständlichkeiten. Angefangen beim Personalmangel, der ja nicht nur Lehrkräfte einschließt, sondern auch anderes pädagogisches Personal.

Das Problem: An Schulen in Deutschland fehlt es an Selbstverständlichkeiten. Angefangen beim Personalmangel, der ja nicht nur Lehrkräfte einschließt, sondern auch anderes pädagogisches Personal. Von multidisziplinären Teams können die meisten Schulen nur träumen. Weiter über regelmäßige Supervisionen, die im pädagogischen Berufsfeld eigentlich Usus sind und bei denen Lehrkräfte einen geschützten Raum bekommen, sich ehrlich zu reflektieren. Hinzu kommt eine Kultur des Austauschs und der konstruktiven Kritik, die an vielen Schulen noch längst nicht etabliert ist.

Ich vermisse diese Strukturen und bewundere jede Lehrkraft, die trotz der Umstände tagtäglich mit Motivation und Engagement ihren Job macht. Dass die Politik sich auf das ungebrochene Engagement dieser Lehrkräfte verlässt und sie so die Lücken des Bildungssystems flicken lässt, finde ich nicht nur traurig, sondern geradezu verantwortungslos.