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Arm und reich in DeutschlandUnterwegs im Paternoster

Die gesellschaftliche Spaltung und wie sie sich eindämmen lässt – dazu forscht Professor Andreas Reckwitz, Soziologe an der Humboldt-Universität Berlin.

08.11.2021 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

  • E&W: Ihre These lautet: Die ursprüngliche Mittelklasse der Nachkriegszeit existiert nicht mehr. Sie habe sich im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte aufgespalten. Wie sieht diese Spaltung aus?

Prof. Andreas Reckwitz: Aus der Erbmasse der nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist eine modernisierte, eine „neue Mittelklasse“ entstanden. Und eine „neue Unterklasse“. Wie in einem gesellschaftlichen Paternoster steht einer Aufwärts- eine Abwärts-Tendenz gegenüber.

  • E&W: Welche Mechanismen wirken hier?

Reckwitz: Da ist erstens die Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte. Sie hat zur Folge, dass die Gruppe mit höheren Bildungsabschlüssen gewachsen ist. Das sind heute 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft. Dieses Segment der Mittelklasse wurde nach oben transportiert. Der zweite Mechanismus ist der Wandel der ökonomischen Struktur. Die Zahl der Erwerbstätigen im klassischen industriellen Sektor ist geschrumpft, die Zahl der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor dagegen enorm gestiegen. Zu diesem Sektor gehören die neue Wissensökonomie, die sogenannten Knowledge Worker, vor allem Menschen mit Hochschulabschluss. Dazu gehören aber auch einfache Dienstleistungen, für Beschäftigte mit einfachen Bildungsabschlüssen. Diese „Service Class“ fährt tendenziell nach unten. Und drittens haben wir den Wertewandel: die Ausweitung der Selbstverwirklichung. Die Werte der alten Mittelklasse – Pflicht und Akzeptanz – sind so in die Defensive geraten.

  • E&W: Was sind die Merkmale und Werte der „neuen Mittelklasse“?

Reckwitz: Das sind Menschen, die häufig in der Wissensökonomie arbeiten; die oft in Metropolregionen leben; die großen Wert auf Selbstentfaltung legen, auf die Realisierung der eigenen Potenziale. Dort ist das kulturelle Kapital, das Bildungskapital hoch. Selbstentfaltung und sozialer Erfolg sollen Hand in Hand gehen, so das Lebensideal.

  • E&W: Sie schreiben ferner: Der Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit wurde abgelöst – durch einen „apertistischen“, also sich öffnenden Liberalismus. Was hat es damit auf sich?

Reckwitz: Parallel zum ökonomischen und kulturellen Wandel hat es seit den 1980er-Jahren einen politischen Wandel gegeben. Hin zu einer Politik, in der es darauf ankommt, die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Landes zu sichern, aber auch die Wettbewerbsfähigkeit der Individuen, die für sich selber sorgen sollen. Der ökonomische Neoliberalismus wurde dabei häufig kombiniert mit einem progressiven Liberalismus. Das war etwa während der Zeit der rot-grünen Bundesregierung der Fall.

  • E&W: Was hat der „apertistische“ Liberalismus mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus zu tun?

Reckwitz: Der Rechtspopulismus ist in Teilen der traditionellen Mittelklasse verankert und in Teilen der Unterklasse. Warum? Weil das diejenigen sind, die sich als Modernisierungsverlierer wahrnehmen. Weil es dort das Gefühl der kulturellen Defensive gibt oder ein sozialer Abstieg bereits stattgefunden hat. Der Rechtspopulismus steht dem Liberalismus diametral entgegen. Er ist zum Beispiel vehement gegen Globalisierung. Er will wieder Grenzen sichern, sowohl ökonomisch als auch kulturell.

  • E&W: Kritik an der „neuen Mittelklasse“ kommt auch von Links. Besonders deutlich formuliert von der Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke). Sie ist der Meinung: Diese Menschen seien Lifestyle-Linke, die sich vor allem für Gender-Fragen und Diversity interessierten. An den Interessen der Arbeiterinnen, Arbeiter und Armen gehe all dies vorbei. Was halten Sie von diesen Thesen?

Reckwitz: Aus meiner Sicht hat die „neue Mittelklasse“ gesellschaftlich positive Auswirkungen. Sie trägt den kulturellen Wandel in Richtung Geschlechter-Emanzipation, der Gleichberechtigung sexueller oder ethnischer Minderheiten und ist häufig stark für ökologische Fragen sensibilisiert. Es gibt aber auch eine Schattenseite: die Tendenz, die eigene, privilegierte Situation in der Gesellschaft zu übersehen. Dass man zum Beispiel zugunsten der eigenen Kinder sehr gewandt im Bildungssystem unterwegs ist oder in komfortablen Wohnumfeldern lebt. Mir scheint aber, dass durch die intellektuelle und politische Debatte über die „neue Mittelklasse“ sich dort eine größere Selbstreflexivität einstellen kann.

  • E&W: Wie könnte die von Ihnen beschriebene gesellschaftliche Spaltung überwunden werden?

Reckwitz: Das ist kein einfacher Prozess. Aber auf der Politik-Ebene ist der „apertistische“ Liberalismus schon seit einigen Jahren in eine Krise geraten. Man sieht, in welche Sackgassen er gerät. Etwa die Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, im Verkehrswesen. Man bekommt mittlerweile eine Sensibilität dafür, dass das eine Politik ist, die eine soziale Spreizung gefördert hat, etwa durch die Etablierung eines Niedriglohnsektors. Ein neues politisches Paradigma deutet sich an. Ich habe das „einbettenden“ Liberalismus genannt. Diesem geht es darum, die Märkte in Regeln einzubetten und die öffentliche Infrastruktur zu stärken. Was zum Beispiel bei Präsident Joe Biden in den USA ein großes Thema ist. Oder in der Diskussion um den Mindestlohn, die wir mittlerweile haben.

  • E&W: Wer ist Träger dieses Paradigmenwechsels? Anders gefragt: Wo sehen Sie Schnittstellen in den Interessen zwischen der „alten“ und „neuen“ Mittelklasse sowie einen gemeinsamen solidarischen Gedanken?

Reckwitz: Man könnte versuchen, Segmente der „alten“ und der „neuen Mittelklasse“ in einer Art historischem Kompromiss zusammenzubringen. Nach den Bundestagswahlen wurde begonnen, über eine Ampelkoalition zu verhandeln. Wenn man die soziale Basis der drei Parteien anschaut, könnte das in diese Richtung gehen. Bestimmte Segmente der traditionellen Mittelklasse sind eher bei der SPD zu Hause. Segmente der „neuen Mittelklasse“ sind bei den Grünen und der FDP zu finden. Wir werden sehen, welche Form diese Politik annimmt.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017, 480 S.