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Keine Demokratie ohne Demokratiebildung

Und was ist mit Mitbestimmung?

Demokratie lernen in der Offenen Jugendarbeit – wie sieht die Praxis aus? „E&W“ hat sich in zwei Jugendzentren im nordrhein-westfälischen Neuss umgehört.

Foto: Bert Butzke

Donnerstag, früher Abend. Tanztraining im Geschwister-Scholl-Haus, dem städtischen Jugendzentrum in der Neusser Leostraße. Gut 20 Mädchen haben sich versammelt, zwischen 12 und 18 Jahre alt. Aus den Lautsprecherboxen dringt laute Musik. „Dance Hall, jamaikanisch“, erklärt Affy Malemba (29). Als pädagogische Hilfskraft leitet sie die beiden Tanzgruppen im Haus. Malemba findet, dass einige das Training nicht ernst nehmen. Sie wird laut: „Entweder ihr macht mit – oder ihr geht.“ An eines der Mädchen gewandt: „Verkackst du heute das Training, dann Ciao!“

Klarer Fall, hier gelten Regeln. Und was ist mit Mitbestimmung? Welche Möglichkeiten haben die Jugendlichen im Geschwister-Scholl-Haus, sich einzubringen? Die 12-jährige Shawna erzählt, dass sich die Mädchen für ihre Tanz-Auftritte ein Kostüm wünschen. „Einen Body, dazu Camouflage-Hosen“, sagt Shawna. „Und da, wo die weißen Flecken sind, soll Gelb, Lila oder Pink hin.“ Shawna ergänzt: „Wir haben mit dem Werner schon gesprochen.“

„Der Werner“, das ist Werner Michels, Diplom-Pädagoge. Der 62-Jährige leitet das Geschwister-Scholl-Haus seit 1982. „Die besten Erfolge haben wir, wenn wir die Wünsche der Kinder und Jugendlichen mit ihnen zusammen verwirklichen“, erklärt Michels. Allerdings gebe es dafür im Haus keine Institutionen. „Wir haben kein Jugendparlament und keinen Wunschkasten.“ Das ergebe sich „aus dem Alltag“.

„Expertendemokratie“

Im Sozialgesetzbuch (SGB) VIII, Paragraf 11, steht: Die Angebote der Jugendarbeit „sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen“ und „von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden“. Doch Möglichkeiten zur Partizipation zu nutzen, fällt nicht jedem leicht. Daniela Strunk, Praktikantin im Geschwister-Scholl-Haus, berichtet: Wer mitbestimmen möchte, „kann zu Werner gehen und sagen, was er anders haben möchte“. Allerdings: „Manche Jugendliche trauen sich nicht. Deshalb gehen meist wir auf sie zu.“ Strunk erzählt von der Umfrage, die sie im Auftrag des Leitungsteams gemacht hat.

Das Ziel war herauszufinden, wie das Haus für Mädchen und Jungen ab 14 Jahren attraktiver werden könnte. Sie habe dafür „um die zehn ältere Jugendliche“ im Haus befragt. Ergebnis: „Ein neuer Basketballkorb wurde gekauft.“ Die Jugendlichen wollten außerdem, „dass das Haus bis 21 Uhr aufbleibt“. Und dass die unter 14-Jährigen um 19 Uhr gehen müssen. „Damit die Älteren unter sich sind.“ Ob sich das umsetzen lässt, sei noch nicht klar, erklärt Strunk. „Wir müssen das im Team besprechen.“

Moritz Schwerthelm, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, schreibt: Die Shell-Jugendstudie von 2015 weise nach, „dass das politische Interesse von Jugendlichen aus den sogenannten unteren Schichten geringer“ sei als das ihrer Altersgenossen, die höheren Schichten angehörten. Allen Heranwachsenden sei jedoch gemein, dass sie sich persönlich für eine konkrete soziale Sache im Nahumfeld engagieren wollen. Er dämpft allerdings allzu hohe Erwartungen an die Offene Jugendarbeit.

„Es geht uns um die Frage, wie Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gelingt.“ (Carmen Scholz)

Aus empirischen Studien lasse sich schließen, dass Jugendzentren vor allem als „Expertendemokratien“ verfasst seien. Fachkräfte bildeten die „Regierung“. Laut einer Studie von 2010 erklärten 60 Prozent der regelmäßigen Besucherinnen und Besucher, „dass über ihre Ideen gesprochen wird“. Doch nur 6 Prozent sagten, dass diese Ideen auch umgesetzt werden.

Das Jugendamt der Stadt Neuss startete im Dezember 2016 das Projekt „besser Mit Wirkung“. „Es geht uns um die Frage, wie Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gelingt“, erklärt Projektleiterin Carmen Scholz. Gut ein Jahr lang entwickelten Stadt, Jugendverbände sowie städtische und freie Träger im ersten Projektabschnitt gemeinsame Standards. Die stehen nun in einer Broschüre zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit. „Erwachsene und Kinder/Jugendliche handeln auf Augenhöhe“, ist dort zu lesen.

Besuch im „Upside Down“, dem evangelischen Jugendzentrum in der Neusser Drususallee. Elektronische Musik füllt den Kellerraum. Timo, Amelie, Daniel, Maximilian und Jolina, zwischen 15 und 17 Jahre alt, lümmeln sich auf den Sofas. „Wichtig ist mir die Gemeinschaft“, erklärt Amelie. Henry (17) hat etwas auszusetzen: Der Kicker habe seine besten Zeiten hinter sich. „Der fällt auseinander.“ Sie hätten bereits mit der Jugendleiterin entschieden, welcher neue Kicker für etwa 500 Euro angeschafft werde. „Das war vor einem Dreivierteljahr“, sagt Henry. „Das dauert.“ Jugendleiterin Mascha Degen (33) bestätigt: „Das ist wirklich lange her.“ Sie räumt ein: „Im Tagesgeschäft geht das unter.“

Mitsprache für „Teamer“

Auch Lara (18) hat Verbesserungsvorschläge. „Das Ding ist, dass jeden Freitag dieselben Leute kommen.“ Sie wünscht sich, dass sich das ändert. „Damit man neue Leute kennenlernt.“ Lara schlägt vor, das „Upside Down“ aufzuhübschen. Sie zeigt auf die Wände, die mit großformatigen Strichmännchen verziert sind, schwarz-weiß, im Stil des Pop-Künstlers Keith -Haring. „Ich sehe die seit sechs Jahren. Da könnte man was anderes Cooles hinmachen.“

Wer von den jungen Leuten im „Upside Down“ als „Teamer“ mitarbeitet und etwa hilft, das Sommerprogramm zu gestalten, hat zusätzliche Mitsprachemöglichkeiten: Auf der Teamsitzung, immer dienstags, gemeinsam mit Degen und deren Kollegin Bianca Linden. Degen ist sich ihrer Verantwortung bewusst: „Wenn ich nie machen würde, was sie möchten, dann kommt keiner mehr.“