Zum Inhalt springen

Filmkritik

„Sie wirken leicht irre auf mich!“

Mitte Oktober startet in den deutschen Kinos der Film „Der Passfälscher“. Er porträtiert den Überlebenskampf eines jungen Juden im Berlin der 1940er-Jahre. Vorstellungen für Schulklassen sind ab Kinostart möglich.

Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) schafft es mit einer gehörigen Portion Chuzpe, der Deportation in die NS-Vernichtungslager zu entgehen. (Foto: DREIFILM)

Was für ein ungewöhnlicher Film: Schon die ersten Einstellungen, in denen der 20 Jahre alte Cioma Schönhaus durch eine riesige, verlassen wirkende Gründerzeitwohnung streift, verweisen auf den historischen Hintergrund. Ciomas Familie wurde „in den Osten geschickt“, wie die Eltern von Ciomas Freund Det, der bald darauf an der Tür klopft. Die beiden jungen Männer stellen das fest, als sei das eine läppische Randnotiz und nicht das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Cioma ist noch da, hütet die Wohnung, auf die das Nazi-Regime bereits Anspruch erhebt, und schuftet in der Rüstungsindustrie.

Ein Film über einen jungen Juden im Berlin der frühen 1940er-Jahre. Kennt man. Meint man. Doch in diesem Film (Regie: Maggie Peren) ist alles anders. Dieser junge Mann weigert sich, ein Opfer zu sein. Eine Mischung aus Naivität, jugendlicher Lebenslust, Keckheit und positivem Denken sorgt dafür, dass Cioma sich einfach nicht unterkriegen lässt. Mit seinem Freund Det macht er das Nachtleben unsicher, lernt eine junge Frau kennen und lieben, verkleidet sich auch mal als Wehrmachtssoldat, lässt sich als solcher von patriotisch gesinnten Gönnern das Essen ausgeben und gibt dabei den schneidigen Frontkämpfer. Angst scheint dieser fröhliche junge Mensch nicht zu kennen, der sich wie selbstverständlich unter den Augen der Nazis durch die Stadt bewegt.

Als ein Arbeitskollege ihm einen Job bei Regimegegner Franz Kaufmann vermittelt, wird Cioma zum Passfälscher, der Hunderten Verfolgten mit gefälschten Papieren das Leben rettet. „Wenn morgens die freundlichen Herren der Gestapo bei Ihnen klingeln“, sagt Kaufmann am Ende des Bewerbungsgesprächs, während er Cioma eine Krawatte reicht, „dann würde ich Sie sehr bitten, sich aufzuhängen.“ Kaufmann, als Oberregierungsrat einst stets ein treuer und loyaler Beamter des Staates, sieht sich angesichts der Nazigräuel „aus Anstand“ gezwungen, Widerstand zu leisten.

Erinnerungen von Cioma Schönhaus

Dabei kann Kaufmann den Leichtsinn Ciomas kaum ertragen. Er rät ihm, so unsichtbar zu bleiben wie nur möglich, nicht Straßenbahn zu fahren, nicht ins Kino zu gehen und natürlich niemanden in die Wohnung zu lassen, in der er die Pässe fälscht. Cioma lächelt, nickt, vergisst zu erwähnen, dass Det längst bei ihm wohnt und lässt anderntags eine mit Lebensmitteln bepackte Gruppe Marktfrauen in die Wohnung, die es auf die Möbel abgesehen hat. Doch diesen Deal verhindert die gestrenge Nachbarin Frau Peters. Eine von Nina Gummich herausragend als zerrissener Charakter dargestellte junge Witwe, die keine Rücksicht kennt, wenn es um ihren eigenen Vorteil geht, die im Kasernenton Befehle brüllt, sich ebenso schamlos Lebensmittelmarken verschafft wie sie sich schließlich das gesamte Mobiliar Ciomas unter den Nagel reißt. Am Ende des Films hilft sie ihm – offenbar ihren Gefühlen folgend – entscheidend, während sie ihm gleichzeitig barsch die Tür weist.

Der Film basiert auf den Erinnerungen von Cioma Schönhaus, der dank eines gefälschten Passes zunächst in Berlin untertauchte, dort Pässe für andere fälschte und schließlich mit dem Fahrrad quer durch Deutschland in die Schweiz flüchtete, wo er 2015 im Alter von 92 Jahren starb.

Louis Hofmann spielt diesen jungen Mann mit einem vom Ernst der Lage nicht zu löschenden Lächeln im Gesicht, als einen lebensbejahenden Menschen, der im Moment des Untertauchens erst mal „den herrlichen Tag“ preist und sich für das Ende des Krieges vornimmt, sagen zu können: „Alles ist gut.“ Kein Wunder, dass Frau Peters feststellt: „Sie wirken leicht irre auf mich!“