GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

BildungsgerechtigkeitSchlusslicht in Sachen Chancengleichheit

Vor 20 Jahren schockten die Ergebnisse der ersten PISA-Studie die Öffentlichkeit. Eine neue Untersuchung belegt: In Sachen Chancengleichheit hat sich seitdem nichts verbessert.

12.11.2021 - Karl-Heinz Reith

Zwei Ergebnisse der ersten internationalen PISA-Studie, die im Dezember 2001 vorgestellt worden ist, standen besonders im Fokus der hitzigen öffentlichen Debatten. In den drei getesteten Bereichen Lesen/Textverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften lagen die Testwerte der 15-Jährigen in Deutschland deutlich unterhalb der jeweiligen Durchschnittswerte der 31 teilnehmenden Industrienationen. Und: In keinem der beteiligten Testländer war der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler und den von ihnen erworbenen Kompetenzen so ausgeprägt wie in Deutschland.

Das ernüchternde Resümee „Viel Chancenungleichheit – bei wenig Leistung“ stellte die deutsche Bildungspolitik vor eine bis dahin noch nie dagewesene Herausforderung. Hektisch wurden von den Kultusministerien der Länder sieben vordringliche Handlungsfelder benannt, die Entwicklung bundeseinheitlicher Bildungsstandards in Auftrag gegeben, Leistungsanforderungen in den Schulen deutlich verschärft sowie weitere regelmäßige nationale und bundesländerübergreifende Vergleichstests eingeführt. Zugleich entbrannte unter den Ländern ein Streit um die Vergleichbarkeit der Mittleren Reife sowie der Abiturzeugnisse.

Die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) mahnte die Länder eindringlich: „Wir müssen alle diejenigen, die beim Zugang zu Bildung und Ausbildung benachteiligt sind, besonders unterstützen.“ Dies sei nicht nur ein Gebot sozialer Gerechtigkeit, sondern mit Blick auf den Fachkräftebedarf der Wirtschaft eine ökonomische Notwendigkeit. Nur mühsam gelang es der damaligen rheinland-pfälzischen Kultusministerin Doris Ahnen (SPD), gegen das Widerstreben westdeutscher, von CDU/CSU regierter Bundesländer, Themen wie Ausbau der Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung in den Reformkatalog der Kultusministerkonferenz (KMK) einzubringen.

Kaum Fortschritte

Doch was hat sich seit dem PISA-Schock in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Sachen Chancengleichheit und sozialer Förderung wirklich verändert? Der Bildungsforscher Klaus Klemm analysierte jetzt im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) die Ergebnisse der diversen Schulleistungsstudien, die seitdem über die vielen Jahre hinweg in zeitlichen Abständen durchgeführt wurden. Für die Grundschulen zog Klemm dazu die IGLU- und die TIMS-Studien heran sowie die Untersuchungen des von den Kultusministern der Länder dafür eigens in Berlin gegründeten Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), für die weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I die PISA- und zudem die IQB-Studien. Die Ergebnisse der diversen Untersuchungen decken den Zeitraum von 2000 bis 2019 ab.

Das Urteil in Sachen Chancengleichheit und sozialer Förderung fällt dabei vernichtend aus. Echter Fortschritt sei über die vergangenen zwei Jahrzehnte hinweg nirgendwo zu erkennen – weder bei den Leistungsunterschieden in den Grundschulen zwischen Kindern aus der Oberschicht und Mädchen und Jungen aus einfachen sozialen Verhältnissen noch bei den Modalitäten des Übergangs aus den Grundschulen in die weiterführenden Schulen, heißt es in dem Klemm-Gutachten. Gleiches gelte für die weiterführenden Schulen, also die Schulen des gegliederten Schulwesens.

„Dieser Indikator sozialer Benachteiligung hat sich zwischen 2001 und 2016 kontinuierlich verstärkt: von 2,63 auf 3,37.“ (Studie)

In den Grundschulen sieht der Bildungsforscher bei den Leistungsabständen zwischen Kindern aus der Oberschicht und aus einfachen Verhältnissen über die zwei Jahrzehnte hinweg in den Disziplinen Lesen und Mathematik insgesamt „das Bild einer Stagnation, zum Teil aber auch das einer tendenziellen Verschärfung sozialer Ungleichheit“. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Naturwissenschaften, bei denen seit 2007 in den Grundschulen eine leichte Abschwächung der sozialen Disparität zu beobachten sei.

Beim Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen sind die Ergebnisse dagegen nach wie vor alles andere als ermutigend. 2001 hatte ein Grundschüler aus der Oberschicht bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleichen Kompetenzen in Lesen und Textverständnis eine um den Faktor 2,63 höhere Chance, eine Empfehlung für den Gymnasialbesuch zu erhalten, als ein Kind aus einfachen Verhältnissen. „Dieser Indikator sozialer Benachteiligung hat sich zwischen 2001 und 2016 kontinuierlich verstärkt: von 2,63 auf 3,37“, heißt es in der Studie. Klemm: „Dieses eklatante Ausmaß schichtenspezifischer Benachteiligung wird in seinen Auswirkungen nur sehr geringfügig dadurch abgeschwächt, dass in den vergangenen Jahren die nicht gymnasialen Schulangebote, die auch zur Erlangung der Hochschulreife führen können, ausgebaut wurden.“

In den weiterführenden Schulen zeigen die Daten aus der Zeit der ersten Jahre unmittelbar nach dem PISA-Schock laut Klemm eine leichte Abschwächung der sozialen Ungleichheiten. „Dieser Reduzierung folgt dann bis 2018 eine überwiegend durch Stagnation beziehungsweise teilweise auch durch einen Wiederanstieg geprägte Phase, in der keine Zeichen eines weiteren Abbaus von sozialer Ungleichheit zu beobachten sind“, heißt es in der Untersuchung weiter.

Unter OECD-Schnitt

Beschämendes Fazit: In Sachen Chancengleichheit landete Deutschland 2001 abgeschlagen auf dem letzten Platz. Bei der jüngsten PISA-Studie 2018 gehörte die Bundesrepublik mit Platz 33 von 36 Nationen immer noch zu den Schlusslichtern beim Thema soziale Förderung der Schülerinnen und Schüler. Für die DGB-Vize-Vorsitzende Elke Hannack sind die Ergebnisse ein erneutes Alarmsignal: „Die soziale Spaltung bleibt die offene Wunde unseres Bildungssystems.“ Die Corona-Krise werde diese Entwicklung noch verschärfen.

Auch der jüngste internationale Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema Chancengleichheit in der Bildung und den äußerst geringen Berufs- und Verdienstchancen Niedrigqualifizierter in den wichtigsten Industrienationen. Während die meisten Staaten in den vergangenen Jahren jedoch den Anteil der Geringqualifizierten unter den Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren deutlich gesenkt haben, verharrt er in der Bundesrepublik weiterhin bei 13 Prozent. Zum Vergleich: In Südkorea liegt dieser Anteil inzwischen bei 2 Prozent, in der Schweiz bei 6 Prozent und in Österreich bei 11 Prozent.

Bezogen auf die Wirtschaftsleistung lagen die Bildungsinvestitionen in Deutschland nach den jüngsten OECD-Berechnungen mit 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts trotz einer Steigerung gegenüber den Vorjahren weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der Industrienationen von 4,9 Prozent. In vielen OECD-Ländern sind die Bildungsinvestitionen in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als in Deutschland.

„Wir müssen den dramatischen Lehrkräftemangel an Grundschulen, der uns insbesondere während der Pandemie auf die Füße fällt, konsequenter als bisher bekämpfen.“ (Anja Bensinger-Stolze)

Die GEW-Schulexpertin Anja Bensinger-Stolze sagte dazu, mit den bisher in Deutschland eingesetzten Mitteln werde es nicht gelingen, für mehr Chancengleichheit in der Bildung zu sorgen. Dies werde zum Beispiel bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich. Deren Lesekompetenz sei fast 20 Prozent geringer als bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Deshalb müssten die Länder endlich entsprechende Förderprogramme auflegen. Vordinglich sei auch eine Offensive, um mehr Lehrkräfte zu gewinnen. „Wir müssen den dramatischen Lehrkräftemangel an Grundschulen, der uns insbesondere während der Pandemie auf die Füße fällt, konsequenter als bisher bekämpfen“, fordert das GEW-Vorstandsmitglied.

Prof. Klaus Klemm: Alle Jahre wieder – zur Konstanz sozialer Ungleichheit in und durch Deutschlands Schulen, DGB-Expertise, September 2021.