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Zwangsweise in der „Schonraumfalle“ - Wie ein behinderter Schüler in Hessen ausgesondert wird

Mehr als 4.000 Schüler in Deutschland besuchen Sonder- und Förderschulen, mit Resultaten, die den Titel Schulabschluss nicht verdienen. Fast 80 Prozent schaffen – nach Angaben der KMK - keinen Hauptschulabschluss, nur ganze 0,2 Prozent das Abitur.

04.03.2009 - Jeannette Goddar

Die frühe, selektive Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen führt zu Diskriminierung und Marginalisierung armer Kinder, Kinder mit Behinderungen, aus Migrationsfamilien, von Flüchtlingen und Statuslosen. Behinderte Schüler, wie im Fall des 14-jährigen Philipp aus Hessen, landen zwangsweise in der Förderschule, einer so genannten „Schonraumfalle“, wie sie der Erziehungswissenschaftler Hans Wocken bezeichnet.

So mancher dürfte vor Neid erblassen, wenn er hört, was Philipp schon geschafft hat in seinem jungen Leben: Bei einer Europameisterschaft (EM) Fußball gespielt zum Beispiel - bei der EM der Integrationsschulen in Österreich im vergangenen Jahr. Kaum beneiden kann man den 14-Jährigen um den jüngsten Knick in seiner schulischen Karriere: Sechs Jahre besuchte der Junge, der mit einem Down-Syndrom zur Welt kam, eine Schule für alle Kinder in Gießen. Er verbrachte den Tag mit ganz unterschiedlichen Kindern; sein bester Freund war ein Hochbegabter. In einer Integrationsklasse lernte er, was er lernen konnte, in seinem Tempo und mit Hilfe eines Sonderpädagogen. In der Pause bolzte er mit seinen Kumpels auf dem Schulhof, und wenn er nachmittags nach Hause kam, verdiente er sich gern mit Autowaschen oder Gartenpflege ein paar Euro dazu. Nicht selten staunten Philipps Eltern, wie selbstständig ihr Sohn dabei mit ihnen verhandelte.

„Kümmerfaktor“ ist hoch

Heute besucht Philipp eine Schule, auf der er nicht einmal alleine zur Toilette gehen darf: eine Förderschule für praktisch Bildbare in Hommertshausen bei Marburg. Alle Jugendlichen in der Klasse haben eine Behinderung. Der „Kümmerfaktor“ der Lehrer und Pädagogen ist hoch, vieles, was dort passiert, für den pubertierenden Jungen völlig ungewohnt. Neulich zum Beispiel feierte die siebenköpfige Klasse den vierzehnten Geburtstag einer Mitschülerin – mit Topfschlagen. Das Kindervergnügen musste ohne den neuen Mitschüler vonstatten gehen – Philipp wollte, ganz altersgemäß, nicht mitspielen.

Die Anekdote mit dem Topf ist so ziemlich das einzige Lustige an Philipps Geschichte. Was er und seine Eltern durchmachen, um ihm altersgemäße und angemessene Bildung zukommen zu lassen, ist alles andere als amüsant. Nur im Kindergarten konnte Philipp ohne Probleme mit den Kindern aus der Nachbarschaft lernen. Dass sich am Ende alle Kita-Eltern dafür aussprachen, dass der Junge mit seinen Freunden zusammenbleiben kann, nützte nichts: Die Grundschule im Ort verfügte weder über Erfahrungen im Umgang mit Down-Kindern noch über Integrationsklassen. Gegen den Willen der Eltern wies das Schulamt Philipp einer „Schule für Praktisch Bildbare“, einer Einrichtung nur für Behinderte, zu. Philipps Eltern pochten auf das Recht auf Bildung in einer normalen Umgebung und klagten. Weil die Aussicht auf Erfolg mäßig war, schulten sie ihren Sohn schließlich in eine private Integrationsschule ein.

Extra-Stunden abgelehnt

Nach dem Ende der Grundschulzeit machte die Familie sich erneut auf die Suche – und fand eine Gesamtschule, die ihn gern aufgenommen hätte. Günstig wäre, sagte der Schulleiter, wenn der Junge ein paar sonderpädagogische Förderstunden mit an die Schule brächte. Das Schulamt Marburg lehnte nicht nur die Extra-Stunden ab, sondern den ganzen Aufnahmeantrag. „Wieder sagte man uns, Philipp solle auf eine Förderschule gehen; für Integration gäbe es keine Mittel“, erzählt seine Mutter. Die Familie klagte erneut. Auch ein halbes Jahr nach dem ihr Sohn zwangsweise an einer Förderschule untergebracht wurde, gibt es noch nicht einmal einen Termin für das Hauptverfahren.

Philipps Eltern sind nicht willens, aufzugeben: „Der Junge braucht Vorbilder, an deren Sprache und an deren Lernen er sich orientieren kann“, sagt Vater Herbert Koch, „und eine Schule, die ihn so selbstständig wie möglich macht.“ Nichts wünschen sich die Eltern mehr, als dass ihr Sohn später nicht auf die Rundum-Betreuung der Behindertenhilfe angewiesen sein muss. „Auf die bereitet seine Förderschule ihn aber gerade vor“, sagt Koch, „so wird ihm ein Leben vorbestimmt, von dem ich nicht glaube, dass er es so führen will.“

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