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InterviewZuviel Autonomie kann schädlich sein

Der Erziehungswissenschaftler Wieland Wermke von der Universität Stockholm hat mit seinem Kollegen David Paulsrud Lehrkräfte aus Deutschland, Finnland und Schweden nach ihrem Verhältnis zur Autonomie befragt.

25.10.2019 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

  • E&W: Sie haben mit beachtlichem Aufwand die Autonomie von Lehrkräften in drei Ländern untersucht. Warum ist dieses Thema so wichtig?

Wieland Wermke: Zum einen wird, insbesondere in Schweden, intensiv diskutiert, inwieweit Lehrkräfte ihren Unterricht selbst gestalten können. Zum anderen zeigt die internationale Debatte nicht zuletzt dank des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, dass es für guten Unterricht letztlich auf die einzelne Lehrkraft ankommt. Also schien uns wichtig, einmal zu vergleichen, wie unterschiedliche Länder das Verhältnis des Staates zu den Lehrkräften regeln, mit anderen Worten, wie es um die Autonomie der Lehrkräfte in den drei untersuchten Ländern bestellt ist.

  • E&W: Ist unter „Autonomie“ nur die Frage zu verstehen, ob eine Lehrkraft ihren Unterricht frei gestalten kann?

Wermke: Nein, Autonomie zeigt sich in mehreren Dimensionen: in der angesprochenen pädagogischen, aber auch in einer sozial-erzieherischen, ebenso bei Fragen von Fortbildung und Schulentwicklung. Insofern bezieht sie sich sowohl auf die einzelne Lehrkraft wie auf das Schulkollegium. Und: Einerseits ist Autonomie eine wichtige Voraussetzung, damit Unterricht stattfinden kann. Andererseits ist sie nicht einfach positiv besetzt, nach dem Motto: je selbstbestimmter, desto besser.

  • E&W: Sondern?

Wermke: Wir wollten herausfinden, wie Staat Schule steuert. Autonomie ist ein analytischer, wertneutraler Begriff. Wir haben Lehrkräfte auch nicht gefragt, wie autonom sie sind. Sondern: welche wichtigen Entscheidungen in der Schule getroffen werden müssen, wer diese trifft und wer sie kontrolliert.

  • E&W: Und was haben Sie für Deutschland herausgefunden?

Wermke: Im Unterricht erleben sich Lehrkräfte als sehr unabhängig; dort benötigen sie ja auch eine hohe Autonomie, um die Komplexität der Interaktionen in der Klasse zu bewältigen. Geht es um die soziale Dimension, etwa um sozial- oder sonderpädagogische Maßnahmen, sagt die Mehrheit, diese würden vom Kollegium und mit der Schulleitung getroffen. Solche Entscheidungen – denken Sie nur an Schulverweise – sind ja häufig extrem risikobehaftet; trifft eine Lehrkraft sie allein, muss sie auch die Konsequenzen allein tragen. Das macht deutlich: Lehrkräfte sind gar nicht gut beraten, auf möglichst viel individuelle Autonomie zu bestehen.

  • E&W: Haben Sie in Unterrichtsfragen das Klischee der „Black Box Klassenzimmer“, von dem niemand weiß, was darin geschieht, bestätigt gefunden?

Wermke: Nein. Laut unseren Daten ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen eher Regel als Ausnahme. Sehr vieles wird zudem in Konferenzen vom Fachbereich oder dem gesamten Kollegium beschlossen. Richtig ist allerdings, dass Lehrkräften gemeinsame Beschlüsse unterschiedlich wichtig sind – und dass die „kollegialeren Entscheidungstypen“ sich an ihrem Arbeitsplatz etwas besser fühlen. Insgesamt ist das Klassenzimmer schon deswegen keine Black Box, weil die Schülerinnen und Schüler eine wesentliche Kontrollinstanz sind.

  • E&W: Was bedeutet das?

Wermke: Danach gefragt, wer ihre Entscheidungen kontrolliert, nennen Lehrkräfte zwei Gruppen: erstens Schüler und Eltern, professionstheoretisch also „die Klienten“; zweitens die Schulleitung. Wer die stärkere Kontrolle ausübt, hängt von der Schulstufe ab: In der Primarschule steht die Leitung an erster Stelle, in der Sekundarschule Schüler und Eltern.

  • E&W: Die Bildungsbehörden werden nicht als Kontrollinstanz gesehen?

Wermke: Sie werden so gut wie nicht genannt; das hat uns auch überrascht. Vermutlich – das ist jetzt eine Interpretation – sind sie von der Schule zu weit weg, um als kontrollierend empfunden zu werden. Das setzt wiederum die Schulleitung erheblich unter Druck: Ihr werden auch Entscheidungen zugeordnet, die sie schlicht auf Geheiß der Verwaltung umsetzt. Das ist eine Erkenntnis, die für alle drei Länder gilt. So auch für Schweden, wo das System Schule in den vergangenen Jahren mit weit stärkeren Umstrukturierungen konfrontiert wurde als in Deutschland. Das gilt für die Einführung von Maßnahmen wie Vergleichstests und Schulinspektionen, aber auch hinsichtlich der eingeführten Marktregulierung. Heute ist die Schulwahl hier völlig frei, die Privatisierung uneingeschränkt – sogar das Gehalt verhandelt die einzelne Lehrkraft selbst. Was die Autonomie angeht, ist eine paradoxe Situation entstanden: Die Lehrkräfte sind so autonom in ihren Entscheidungen, dass sie sich überhaupt nicht mehr als autonom empfinden. Einfach weil der Druck so immens ist, dass sie nicht die Zeit haben, all die Entscheidungen zu treffen, die von ihnen erwartet werden.

  • E&W: Was haben Sie mit Blick auf das als vorbildhaft geltende Finnland herausgefunden?

Wermke: Weitgehend hat sich das Narrativ der zufriedenen, selbstständigen Lehrkraft bestätigt – allerdings unter anderem aus einem illustren Grund: Finnische Lehrkräfte sind in ihren Entscheidungen kaum autonomer als deutsche, sie fühlen sich aber so. Das dürfte auch mit einem Echoeffekt zu tun haben: Wer etwas ständig hört, glaubt es schließlich selbst. Deutlich wurde aber auch, dass sich Lehrkräfte in Finnland sehr gut auf ihr Kerngeschäft – den Unterricht – konzentrieren können. Anders als in Deutschland gibt es ein ausgebautes Unterstützungssystem von Sonder- und Sozialpädagogen, das sofort aktiv wird, wenn es nötig ist. Das macht deutlich: Für Autonomie braucht es Ressourcen – und Strukturen, die dafür sorgen, dass Lehrkräfte nicht „aufgefressen“ werden.

Wieland Wermke, David Paulsrud: Autonomie im Lehrerberuf in Deutschland, Finnland und Schweden; Waxmann Verlag 2019, 133 Seiten. Für die Studie wurden in Deutschland 7.000, in Finnland 1.580 und in Schweden 700 Lehrkräfte befragt. Die GEW unterstützte das Vorhaben; alle Befragten in Deutschland sind GEW-Mitglieder.

 

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