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Turnaround-ProgrammZum Guten gewendet

Wie gelingt es, von einer Brennpunkt- zu einer Vorzeigeschule zu werden? Die Refik-Veseli-Schule in Berlin-Kreuzberg hat genau das geschafft. Die „E&W“ hat die Schule besucht.

10.09.2018 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Der kleine Zeiger auf der Uhr steht gerade erst auf der acht, da ist in Downtown Kreuzberg schon richtig was los. Bela, 14, übt ein ums andere Mal die Begrüßung: „Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Gäste“; wenig später kommen die Schulklassen in die Turnhalle gestapft – zum Sound des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan: „One day baby, we´ll be old, oh baby.“ An der Technik steht Lehrer Hannes Hauenschild, am Rand sitzen unter anderem Pädagoginnen und Pädagogen, die sich für eine Stelle an der Refik-Veseli-Schule interessieren. 

Dass sich Lehrkräfte – wie auch Schülerinnen und Schüler – hier freiwillig melden, wäre früher undenkbar gewesen. Zu Beginn des Jahrtausends machte die Eberhard-Klein-Hauptschule, aus der zusammen mit einer weiteren Hauptschule 2010 eine Sekundarschule wurde, als „erste Schule ohne deutsche Kinder“ Schlagzeilen, später noch einmal wegen Messerstechereien. Und auch wenn das natürlich nicht Alltag war, sagt Schulleiterin Ulrike Becker: „Einige aus dem Kiez haben sich hier eigentlich nicht hin getraut.“

Heute bekommen die Gäste in der 45-minütigen Schulversammlung einen vielseitigen Eindruck davon, was die Schule nun ausmacht. Schülerinnen und Schüler berichten aus einem Graffiti-Workshop oder führen Physik-Experimente aus dem Profilunterricht vor; es gibt Infos der Schülervertretung sowie zum Ganztag und ein Quiz, bei dem Lehrkräfte gegen Schüler antreten. Am Ende stehen Nachrichten – von Donald Trump bis zur Anti-Gentrifizierungs-Demo um die Ecke, „damit sich auch die Ärmeren das Leben hier weiter leisten können“. Moderiert wird das alles von Bela und einigen Mitschülern. „Ich bin über eine Klassenpräsentation in das Team gekommen“, erzählt Bela, „mir macht es Spaß, Sachen vorzustellen.“ Und er sagt, dass ihm und seinen Eltern diese weiterführende Schule nach einem Besuch der Schulversammlung am besten gefallen hat.

„Eine heterogene Schülerschaft ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Aber sie muss eben auch heterogen sein.“ (Ulrike Becker)

Wie ist so ein Wandel von einer Schule, vor der alle weglaufen, zu einer, in die alle strömen, möglich? An der Refik-Veseli-Schule kam einiges zusammen: Ein Generationenwechsel unter den Lehrkräften führte ebenso zu einer Aufbruchsstimmung wie ein neues Schulprogramm mit der Aussicht, das Abitur anzubieten. Mit Schulleiterin Becker wurde zudem eine habilitierte Sonderpädagogin mit jahrelanger Erfahrung in Inklusion nach Kreuzberg gelockt. Sie wäre nicht gekommen, wenn der Wandel nicht von außen unterstützt worden wäre: Seit 2013 erhält die Refik-Veseli-Schule Gelder aus dem Bonusprogramm der Berliner Senatsverwaltung. Aus diesem können Theater-, Sport- und Sprachförderprojekte ebenso finanziert werden wie Lerntherapeuten oder Sozialarbeiterinnen und -arbeiter. „Unsere Priorität war, Schülerinnen und Schüler nicht scheitern zu lassen“, erklärt Becker. Droht ein Schüler, den Abschluss nicht zu schaffen, bekommt er einen Lerncoach – meist Lehramtsstudierende.

Entscheidend war auch, dass die Schule in das Turnaround-Programm für „Schulen in kritischer Lage mit besonderen Herausforderungen“ von Robert-Bosch-Stiftung und Berliner Senatsverwaltung aufgenommen wurde. Dieses förderte von 2013 bis 2017 berlinweit zehn Schulen, die seit Jahren – oder Jahrzehnten – mit niedrigen Anmeldezahlen, Schulabbruch, schwachen Schulabschlüssen und Unterrichtsausfall kämpften. Im Fokus standen Unterrichtsentwicklung, Schulmanagement, Schulkultur und Leistungsergebnisse; um das Programm zu begleiten, wurde eine Stelle im Haus der Bildungssenatorin geschaffen.

„Turnaround“, erzählt Becker, verschaffte unter anderem die finanzielle Freiheit, die Schulentwicklung voranzubringen: Es war Geld für eine Hospitationsreise zu einer Schule da, die den Deutschen Schulpreis erhalten hat – der Max-Brauer-Schule in Hamburg –, für Fortbildung zu Inklusion und Montessori, für Prozessbegleitung. Letztere ist integraler Bestandteil von Turnaround und wurde hier von einem pensionierten Schulleiter übernommen – und zwar von einem, der eine der Schulen leitete, an die Eltern ihre Kinder lieber schickten. „Wer könnte einen besseren Blick darauf haben, was dort besser läuft?“, fragt Becker. „Ihn ins Boot zu holen, war ganz wichtig.“ Auch weil, wie Lehrer Hauenschild sagt, „der Blick von außen auf Prozesse im Kollegium enorm wichtig war“. Denn auch dort wurde vieles verändert: weg vom Frontalunterricht, hin zum selbstorganisierten Lernen. Dabei kam dem Kollegium zugute, dass die Lehrkräfte schon seit den 1980er-Jahren in enger Zusammenarbeit mit Sonderpädagoginnen und -pädagogen Team-Teaching praktizieren.

„Schulen in sozialen Brennpunkten brauchen Unterstützung. Die bekommen sie viel zu selten.“ (Becker)

Zentral für das neue Image und den neuen Schwung, sagen sie an der Refik-Veseli-Schule, sei auch, neue Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. „Eine heterogene Schülerschaft ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil“, betont Becker. „Aber sie muss eben auch heterogen sein.“ Um das zu erreichen, hat sich die Schule in Vereinen und Projekten vorgestellt, Eltern eingeladen. Die Zusammenarbeit mit den umliegenden Grundschulen wurde ausgebaut. Ein Riesenschritt sei zudem gewesen, so die Schulleiterin, dass die Einrichtung einer Oberstufe genehmigt wurde. „Die Perspektive Abitur ist für viele Eltern sehr wichtig.“

Dass so eine Umstrukturierung ein Kraftakt ist, streitet niemand ab. Allerdings: „Schulentwicklung mitzugestalten, ist eine große Chance“, sagt Hauenschild. „Nicht eine hohe Arbeitsbelastung führt zu Unzufriedenheit, sondern das Gefühl, über nichts mitentscheiden und nichts bewegen zu können. „Selbst entschieden“, fügt Becker hinzu, habe die Schule auch, welche Schritte sie innerhalb des Turnaround-Programms geht: „Die Steuerung lag zu 100 Prozent bei uns“, erklärt die Schulleiterin. „Andernfalls hätten wir nicht mitgemacht.“ So aber zählt für sie vor allem: „Schulen in sozialen Brennpunkten brauchen Unterstützung. Die bekommen sie viel zu selten.“

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