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Zukunft durch gute Bildung: Stürmische Zeiten für Gewerkschaften

Der Sonntag war stürmisch: Durch Kapstadt wehte ein heftiger Wind und die Diskussionen um die Herausforderungen und Entwicklungen der Bildungsthemen weltweit gewannen in verschiedenen Foren an Fahrt.

24.07.2011 - Janis Klusmann

Foto: Manfred Brinkmann

Nach dem morgendliche Briefing der GEW-Delegation fanden heute im Kongresszentrum verschiedene Foren (‚breakout sessions,) statt. Einige GEW-Mitglieder entschieden sich für das Thema „Gemeinsam stärker – bessere Gewerkschaften aufbauen“ und einer Podiumsdiskussion mit TeilnehmerInnen aus Dänemark, Nigeria, Brasilien und Haiti. Der dänische Kollege berichtete über die Schwierigkeiten einer gemeinsamen Positionsfindung bei acht LehrerInnen-Gewerkschaften in Dänemark. Nach einem Fusionsprozess sind es nun nur noch vier Gewerkschaften, die gemeinsame Kommissionen und Institutionen aufgebaut haben, um z. B. in tripartistischen Verhandlungen mit einer Stimme zu sprechen. Auf die von den Gewerkschaften kritisierte Dezentralisierung der Verantwortung für Bildung in Dänemark, lautet deren Antwort: Dann zentralisieren eben wir uns und stärken unsere gemeinsame Zusammenarbeit! Aus Nigeria wurde dagegen über die großen Probleme berichtet, die eine Vielzahl von LehrerInnen-Gewerkschaften mit jeweils wenigen Mitgliedern mit sich bringt. Leider hat hier noch kein Bündelungsprozess stattgefunden, um gegen schlechte Schulausstattungen und geringe Bezahlung gemeinsam anzugehen. Die Vertreterin aus Brasilien berichtete über erfolgreiche Netzwerke von Gewerkschaften (vierzig Bildungsgewerkschaften mit insgesamt über 1 Million Mitgliedern) und Organisationen der Zivilgesellschaft, die es erreicht haben, dass unter der Regierung Lula eine Million neue Häuser gebaut wurden - natürlich nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder. Dennoch wurde vor den Gefahren der Abhängigkeiten von staatlichen Hilfsleistungen (Assistentialismus) gewarnt. Politische Unabhängigkeit und integratives Denken sind dafür essentiell. Die Generalsekretärin der LehrerInnen-Gewerkschaft aus Haiti berichtete, dass die Erdbeben-Katastrophe erhebliche Auswirkungen auf den Bildungsbereich gehabt hat und der Wiederaufbau nicht wirklich voran kommt. So waren vorher schon achtzig Prozent der Schulen in privater Trägerschaft. Dies hat sich nun noch weiter verstärkt, obwohl der neu gewählte Präsident sich im Wahlkampf für den Ausbau von öffentlichen Schulen ausgesprochen hatte. Neben dem Aufbau von Schulen durch Kredite von IWF und Weltbank sowie Unterstützung der UNESCO, aber auch der Bildungsinternationale und einiger Mitgliedsgewerkschaften, sieht die haitianische LehrerInnen-Gewerkschaft ihre Rolle vor allem darin, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Eltern ihre Kinder überhaupt in die Schule schicken.

Anschließend besuchte ich dann ein weiteres Forum zum Thema „Effektive Partnerschaften für gute Bildung“, wo erfolgreiche Beispiele der Zusammenarbeiten der Bildungsinsternationale und ihrer Mitgliedsgewerkschaften mit weiteren sozialen Organisationen und Akteuren dargestellt wurden. So zum Beispiel auch die Kooperation zwischen der BI und ihrer europäischen Regionalorganisation ETUCE mit dem Europäischen Zusammenschluss von Studierendenschaften (ESU) im Rahmen der Verhandlungen und Proteste zur Bologna-Reform. Hier wurde besonders herausgestellt, dass das Echo, insbesondere in den Medien, gemeinsam wesentlich größer war, als es jeweils individuell für sich gewesen wäre. Betont wurde auch, dass die jeweiligen unterschiedlichen Arbeitsgewohnheiten und Mentalitäten beachtet werden müssen, um Vertrauen, Bewusstsein und eine gemeinsame Zusammenarbeit auszubilden.

Ein weiteres positives Beispiel war die Globale Bildungskampagne, die ja gerade auch in Deutschland im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 mit der Kampagne ‚1GOAL – Bildung für alle’ viel Aufmerksamkeit erzielen konnte. Zur Verwirklichung des Millenniumentwicklungsziels ‚Bildung für alle’ bedarf es aber noch wesentlich mehr finanzieller Mittel, als bisher zur Verfügung stehen. Vor allem die staatliche Einnahmeseite müsse gestärkt werden - beispielsweise durch eine globale Finanztransaktionssteuer oder nationale Einkommens- und Erbschaftssteuern. Deshalb wurde zum gemeinsamen Kampf gegen die Austeritätspolitiken aufgerufen, um so weltweit jedem Kind einen Schulbesuch zu ermöglichen bzw. die nötige Bildungsinfrastruktur zu schaffen. Außerdem wurde ich an diesem Tag von der schwedischen Gewerkschaft Lärarforbundet interviewt, die in ihrem Magazin für Studierende und junge LehrerInnen (Auflage: 30.000 Exemplare) über den Kongress, die LehrerInnen-Ausbildung in Deutschland und Studierende in einer Bildungsgewerkschaft berichten wollte.

Im Vordergrund stand die Frage, wie zukünftige BildungsarbeiterInnen durch ihre Gewerkschaft am besten angesprochen und sie zur aktiven Mitarbeit gewonnen werden können. Nach einem Austausch über die jeweiligen Ansätze und Erfahrungen, berichtete die schwedische Kollegin auch über partizipative Gewerkschaftskongress-Modelle. So ist es bei Gewerkschaftstagen von Lärarforbundet möglich, während des Kongresses per Notebook Anträge digital zu diskutieren und Änderungen vorzuschlagen. Eine solche Methode wäre vielleicht auch eine gute Option für zukünftige BI-Weltkongresse. So bemerkten vor allem die jüngeren Mitglieder der GEW-Delegation beim BI-Weltkongress eine große Partizipationshürde. „Der Drang zur Transparenz hat sich uns nicht offenbart“, meinte dazu eine finanzerfahrende GEW-Kollegin. Auffällig war der sehr geringe Anteil junger Delegierter auf dem Kongress. Außerdem machten auch nur wenige Frauen (im Verhältnis zum großen Anteil weiblicher Bildungsbeschäftigter) mit ihrer Teilnahme am Weltkongress oder mit eigenen Redebeiträgen auf sich aufmerksam. Dies ist insofern sehr bedauerlich, da gerade die spanischen KollegInnen sich mit einem sehr interessanten Slogan Gehör verschafften: „La juventud no solo es el futuro sino tambien el presente“ („Die Jugend ist nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart!“)

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