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Zukunft durch gute Bildung: Ein langer Tag in Kapstadt

Darf man Studiengebühren ins Ausnahmefällen akzeptieren? Darüber wurde am zweiten Tag des Weltkongresses heftig gestritten. Der Abend endete mit einem rauschenden Fest.

23.07.2011 - Doris Lohmann

Foto: Manfred Brinkmann

Samstag Morgen, 7.30 Uhr: Die GEW Delegation trifft sich im Hotel zur täglichen Vorbesprechung für den anstehenden Tag. Draußen ist es noch dunkel: Trotz der ungewöhnlich warmen Temperaturen erinnert man sich so daran, dass es Winter in Südafrika ist. Es liegt ein langer Tag mit Antragsberatungen vor uns, doch ein Thema bestimmt zunächst den morgendlichen Beginn: Die Wahlen zum Vorstand der Bildungsinternationale. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne kandidiert für seine Wiederwahl. Wir begrüßen deshalb vor Beginn des Tagesprogramms die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses mit einem Flugblatt, auf dem sich Ulli für seine Kandidatur vorstellt. Gleichzeitig verteilen wir GEW-Anstecker mit dem Motto „proud to be a teacher“. Unsere Aktion trifft auf große Begeisterung. Viele Delegierten sind selbst Lehrerinnen und Lehrer und freuen sich über die wertschätzende und anerkennende Haltung der GEW. Das eigentliche Tagesprogramm ist jedoch zunächst durch die furchtbaren Anschläge in Oslo am Vortag geprägt. Die Kongressdelegierten legen eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer ein. Haldis Holst, eine der Vizepräsidentinnen der Bildungsinternationale, stammt aus Norwegen. Obwohl ihr die Trauer anzumerken ist, stellt sie den Finanzbericht des BI gefasst vor. Spannend an diesem Tag ist die Debatte um den Leitantrag des Kongresses. Insgesamt ein ausgewogenes Papier, das deutlich Position für Bildungsqualität bezieht. Ein Punkt sticht allerdings kontrovers heraus: Studiengebühren werden abgelehnt, jedoch wird gleichzeitig zugestanden, dass in Ausnahmefällen ein gewisser Betrag akzeptabel ist. Dem widersprechen neben der GEW auch andere Delegationen. Wir lehnen Studiengebühren grundsätzlich ab. Nach längerer Debatte entscheidet sich das Präsidium der BI tatsächlich dafür, den entscheidenden Satz aus dem Antrag zu streichen und auf die vielen Widersprüche einzugehen. Ein Erfolg!

In der Mittagspause treffen sich die jungen Delegierten der GEW mit Delegierten aus der Türkei und Holland, um sich über Erfahrungen auszutauschen, wie junge Mitglieder aktiviert und eingebunden werden können. Die türkische Bildungsgewerkschaft Egitim Sen ist daran interessiert, von unserer Arbeit zu lernen. Für das kommende Jahr verabreden wir einen gemeinsamen Austausch in der Türkei. Beim BI-Weltkongress sind wir mit drei jungen KollegInnen der GEW bei weitem die jüngsten Delegierten. Unter den fast 1.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben wir kaum jemanden unter 45 Jahren getroffen. Hier zeigt sich, dass das Thema Generationswechsel in der GEW hohen Stellenwert genießt. Auch am Nachmittag finden weitere Beratungen statt. Spannend sind die jeweiligen Änderungsanträge der Mitgliedsorganisationen, da wir bei der Begründung einen Eindruck von der Situation in den Ländern und deren politischen Schwerpunkten bekommen. Am Abend findet ein Fest unter dem Motto „A taste of the Cape“ statt. In einem Freizeitpark bekommen wir einen Eindruck von südafrikanischer Lebensart. Zwar ist die Umgebung etwas gewöhnungsbedürftig und bei der Musikauswahl orientiert man sich eher am scheinbaren Geschmack von Europäern, jedoch wird es eine rauschende Party. Bei ausgelassener Stimmung ist es möglich, sich mit anderen Delegationen außerhalb des formalen Rahmens zu unterhalten. So kommt beispielsweise eine spannende Diskussion mit einem Delegierten aus Simbabwe zustande, mit dem wir über die Stellung der Gewerkschaften in seinem Land sprechen, und seinen Eindruck der Situation in Deutschland erfahren. Dieses Gespräch ist äußerst beeindruckend, da sein Land eine ähnliche Entwicklung wie Südafrika in den 1980er Jahren erlebte, jedoch in vielen politischen Bereichen seitdem eine Stagnation stattfindet. Er meint, dass die Demokratie zwar erkämpft, jedoch nicht in das Bewusstsein seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger übergegangen ist. Deshalb sieht er es als zentrale Aufgabe der Gewerkschaften in seinem Land, die Beschäftigten darin zu bestärken, für ihre Anliegen zu streiten und ihre demokratischen Rechte einzufordern. Spät in der Nacht geht ein vielseitiger und aufregender Tag zu Ende, der uns die internationale Gewerkschaftsarbeit als lebendigen Austausch weltweiter Erfahrungen der Mitgliedsorganisationen der Bildungsinternationalen eröffnet hat!

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