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LehrkräftebildungZu kurze Fortbildungen, unübersichtliche Strukturen

Eine Arbeitsgruppe um den Tübinger Professionsforscher Colin Cramer hat im Auftrag der GEW das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte in Baden-Württemberg untersucht. Es ist die erste umfassende Untersuchung dieser Art für ein Bundesland.

27.05.2019 - Katja Irle, freie Journalistin

  • E&W: Sie haben sich fast 10.600 staatliche Fortbildungen in Baden-Württemberg angeschaut. Was sind die Top-Themen?

Colin Cramer: Bei rund 40 Prozent der Angebote geht es um didaktische und methodische Fragen, also um unterrichtsbezogene Themen. Daneben gibt es Trends wie den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg. Fortbildungen zu Themen wie Heterogenität, Umgang mit Vielfalt und Inklusion kommen vor, jedoch deutlich seltener.

  • E&W: Als Schlüssel für guten Unterricht gilt laut Bildungsforschung unter anderem eine effiziente Klassenführung. Welchen Stellenwert hat das Thema bei den Fortbildungen?

Cramer: Es wird angeboten, spiegelt sich aber in der Breite nicht wider. Sinnvoll wäre eine gute Balance zwischen zentralen, übergreifenden Themen wie Klassenführung, Digitalisierung und Inklusion auf der einen Seite. Auf der anderen Seite müssen Fortbildungsangebote aber auch spezifische Interessen einzelner Schulen und Lehrpersonen berücksichtigen.

  • E&W: Zu welchen weiteren Ergebnissen hat Ihre Studie geführt?

Cramer: Die meisten Angebote haben zwar ein klares Thema, werden aber für die Zielgruppe nicht genau genug beschrieben. Nehmen wir zum Beispiel die Rechtschreibung: Lehrerinnen und Lehrer können der Ausschreibung oft nicht genau entnehmen, für welche Schulform, Klassenstufe oder welches Fach sich die Fortbildung eignet. Ein weiteres Ergebnis: Die Struktur der Fortbildungsanbieter ist schwer zu durchschauen, die Kommunikation untereinander eher gering. Hier ließe sich das System effizienter gestalten. Eingesparte Ressourcen könnten dann in die Qualität der einzelnen Fortbildungen fließen.

  • E&W: Sie haben auch 865 Lehrkräfte befragt. Wie zufrieden oder unzufrieden sind diese mit den Angeboten?

Cramer: Wir haben Lehrerinnen und Lehrer vor und direkt nach ihrer Fortbildung befragt. Zwar äußerten einige Kritik, wenn Erwartung und Inhalt nicht übereinstimmten. Aber im Großen und Ganzen waren die Teilnehmenden sehr zufrieden und erlebten die Fortbildung als Gewinn.

  • E&W: Heißt das, dass die Qualität der Angebote stimmt?

Cramer: Nicht automatisch. Auch in anderen Branchen ist die Zufriedenheit mit Fortbildungen recht hoch. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Inhalt und Ertrag zu einer Qualitätsentwicklung in Schule und Unterricht führen. Viele Lehrpersonen sind einfach froh, Abstand vom Berufsalltag und neue Anregungen zu bekommen.

  • E&W: Die meisten der von Ihnen untersuchten Fortbildungen dauern nicht lange. Welche Wirkung haben Kurzzeitseminare?

Cramer: Das Gros der Angebote in Baden-Württemberg dauert tatsächlich nur einen halben oder einen ganzen Tag. Aus der Forschung wissen wir aber, dass kurze Fortbildungen kaum nachhaltig wirken. Einen großen Wissenszuwachs und direkte Effekte auf den Unterricht kann man dann nicht erwarten.

  • E&W: Ist es Ressourcen-Verschwendung, kurze Seminare anzubieten?

Cramer: Auch kurze Fortbildungen sind nicht völlig ohne Effekt: Lehrerinnen und Lehrer profitieren vom fachlichen und sozialen Austausch mit anderen. Das „Netzwerken“ sollte man nicht geringschätzen. Natürlich wäre es sinnvoll, die Ressourcen besser zu nutzen. Also: weniger, dafür längere Fortbildungen.

  • E&W: Warum geschieht das nicht?

Cramer: Den Verantwortlichen ist das Problem durchaus bewusst. Fortbildungen von mehreren Tagen mit Verpflegung und Übernachtung sind aber sehr teuer. Außerdem fehlen Lehrerinnen und Lehrer dann im Unterricht – gerade mit Blick auf den Lehrermangel an vielen Schulen lässt sich dieses Dilemma nicht so leicht lösen.

  • E&W: In anderen Branchen ist es durchaus üblich, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Fortbildungen teilweise in ihrer Freizeit besuchen. Ist das Lehrkräften nicht zuzumuten?

Cramer: Das entscheiden nicht wir Wissenschaftler, das entscheidet nur der Dienstherr. Lehrpersonen bilden sich auch jenseits der Fortbildungsangebote selbst weiter, etwa mit Fachliteratur. Pädagogen und Pädagoginnen arbeiten an ihrer Professionalität in vielfältiger Weise informell, genauso wie es andere Berufsgruppen tun – auch außerhalb der offiziellen Dienstzeit.

  • E&W: Wie qualifiziert sind die Fortbildner?

Cramer: Darüber wissen wir leider sehr wenig. Es gibt keine allgemein gültigen Definitionen, was Qualität im Fortbildungssystem bedeutet und wie Fortbildner selbst ausgebildet sein sollten. Das müsste sich ändern.

  • E&W: Wenn Sie selbst eine Fortbildung entwickeln sollten, wie würde diese aussehen?

Cramer: Idealerweise müsste sie eine zentrale Frage mit „Ja“ beantworten: Ist das Konzept wirklich relevant für die Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern? Aber auch die Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssten eine Rolle spielen, damit Inhalte der Fortbildung im Unterricht bedeutsam werden oder relevant für die Schulentwicklung sein können.

Colin Cramer ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Tübingen. Er ist Professor für Professionsforschung mit dem Schwerpunkt Fachdidaktiken. Sein Team und er untersuchen, unter welchen Bedingungen Lehrerinnen und Lehrer arbeiten und wie sie sich professionalisieren.

Konsequenzen aus der Studie

Nach Ansicht der GEW bietet die Untersuchung der Tübinger Bildungswissen-schaftler die Chance, Defizite bei der Lehrkräftefortbildung zu beheben und in die Qualität von Schulen zu investieren. Die Vorsitzende der GEW Baden-Württemberg, Doro Moritz, fordert eine „bessere und systematischere Qualifizierung der Fortbildner“. Außerdem gebe es zu wenig Qualifizierungsangebote für die aktuellen Herausforderungen an den Schulen: Klassenführung, Diagnostik, Heterogenität. Auch Angebote zur Didaktik der Rechtschreibung müssten ausgebaut werden. Moritz setzt zudem auf nachhaltigere und längere Fortbildungen: „Es gibt kaum Angebote, bei denen ganze Teams kontinuierlich qualifiziert werden. Dafür brauchen wir mehr Zeit – und damit Geld.“

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