GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

FR-GEW-Diskussion zu Fortschritt und Problemen der GanztagsschulenZu hohe Erwartungen

Mit der Einführung von Ganztagsschulen ist auch die Hoffnung auf mehr Chancengleichheit verbunden gewesen. Über die Entwicklung des Vorhabens haben Expertinnen und Experten am Mittwochabend in Frankfurt am Main diskutiert.

08.11.2019 - Valérie Eiseler (Frankfurter Rundschau, Printausgabe vom 8. November 2019)

Vor fast 20 Jahren wurde in Deutschland erstmalig über die Einführung von Ganztagsschulen gesprochen. Aber wie hat sich das Vorhaben seitdem entwickelt? Darüber diskutierten am Mittwochabend Ilka Hoffmann aus dem Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW), Bildungsforscher Klaus Klemm und der Ministerialdirigent des hessischen Kultusministeriums Wolf Schwarz (CDU).

Tatsächlich sei schon der Begriff der Ganztagsschule nicht klar definiert, stellte FR-Moderator Andreas Schwarzkopf gleich zu Beginn der Runde fest. Meist werde unterschieden zwischen offenen und gebundenen Modellen. Offene Ganztagsschulen bieten neben einem Mittagessen auch ein freiwilliges nachmittägliches Angebot, das je nach Schule sowohl aus Unterricht, als auch aus Betreuungsangeboten in AGs bestehen kann. In einer gebundenen Ganztagsschule muss der Nachmittag hingegen aus mehr Bildungsangeboten bestehen, die laut Ilka Hoffmann idealerweise mit dem Vormittag im Einklang stehen sollten. Unterricht und Entspannungsphasen lägen dabei über den Tag verteilt. „Ich würde immer zwischen Bildung und Betreuung unterscheiden“, betonte die Gewerkschafterin. Das Konzept eines „rhythmisierten Schultags“, mit ausgeglichenem Angebot an Vor- und Nachmittag sei in den Schulen noch nicht angekommen.

Auch der Bildungsforscher Klaus Klemm äußerte sich kritisch zum Status Quo. Aktuell seien 44 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Ganztagsangeboten untergebracht. Das werde als Unterricht oder Betreuung von mindestens sieben Stunden an drei Tagen pro Woche definiert. „Hinter den 44 Prozent verbirgt sich wenig von dem, was wir mit Ganztagsschulen gemeint haben“, mahnte er. Zum Großteil handele es sich dabei schlicht um eine Betreuung, die nichts mit Förderung zu tun habe. Daher blieben auch die erhofften Auswirkungen auf die Chancengleichheit aus.

Diese gehört mitunter zu den großen Vorhaben der Ganztagsschulidee. Das Projekt sei nach dem „Pisa-Schock“ im Jahr 2000 angestoßen worden. erzählte Wolf Schwarz. Damals hatten die Leistungen deutscher Schulen im internationalen Vergleich weit zurückgelegen. Die Ganztagsschule sollte die Unterschiede begleichen und für mehr soziale Gleichheit sorgen. „Die Erwartungen an die Ganztagsschule sind zu hoch“, warnte Schwarz daher. Auch Hoffmann und Klemm waren sich einig, dass diese gesellschaftliche Verantwortung nicht allein durch Schulen getragen werden könne. Vor allem nicht ohne angemessenes pädagogisches Personal.

Mangel an Quereinsteigern

Damit stand auch der Fachkräftemangel wieder im Zentrum der Debatte. Vor allem bei der Wirksamkeit von Quereinsteigern als Überbrückung äußerte Hoffmann Skepsis. Schulen könnten durchaus von ihnen profitieren, sofern sie sich für deren Kompetenzen öffnen würden. Es müsse aber auch attraktive Angebote geben, um die Leute zu halten, zum Beispiel der Erwerb des Lehramts. Klemm gab zu bedenken, dass selbst der Markt für Quereinsteiger mittlerweile leergefegt sei. Dabei würden diese angesichts des Lehrkräftemangels dringend gebraucht.

Um dem entgegenzuwirken, habe das Land Hessen einige Programme für Quereinsteiger auf den Weg gebracht, verkündete Schwarz, diese bräuchten aber ihre Zeit. Gleichzeitig müsse man die Studienplätze für Lehrämter an den Universitäten ausbauen.

„Warum hat man damit nicht schon vor zehn Jahren angefangen“, klagte Hoffmann. Man hätte schon früher für bessere Rahmenbedingungen an Schulen sorgen müssen, um für Lehrkräfte attraktiv zu bleiben. Auch im Publikum äußerten einige Lehrer und Lehrerinnen, viele davon gewerkschaftlich organisiert, ihren Missmut über die aktuellen Verhältnisse: belastende Klassengrößen, schlechte Bedingungen für Quereinsteiger und Kritik an der pädagogischen Grundlage der heutigen Ganztagsmodelle.

Die Klagen galten vor allem Wolf Schwarz als Vertreter des Kultusministeriums, der dann auf die zahlreichen Veränderungen verwies, die es im Schulwesen seit seiner Zeit als Lehrer gegeben hatte. Er hielt aber auch daran fest, nicht ein Modell der Ganztagsschule als „das richtige“ zu verordnen. Dafür gebe es schlicht zu viele unterschiedliche Forderungen von Eltern, Lehrkräften und Schulträgern.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

 

Zurück