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Zickzackkurs in der Coronazeit„Das untergräbt unsere Glaubwürdigkeit“

Ein Interview mit Schulleiterin Silke Müller von der Waldschule Hatten über die Entscheidungen der Kultusminister, Schulschließungen und die Herausforderungen eines guten digitalen Unterrichts.

17.12.2020 - Christian Füller, freier Journalist

Um die Coronapandemie einzudämmen, sind deutschlandweit die Schulen geschlossen oder die Präsenzpflicht ausgesetzt worden. Schülerinnen und Schüler sollen während des Lockdowns von Zuhause aus lernen. Doch der Distanzunterricht stellt viele Schulen weiter vor große Probleme. Ein Interview mit Schulleiterin Silke Müller von der Waldschule Hatten (bei Oldenburg), einer Realschule, die digitalen Unterricht beherrscht.

  • Frau Müller, jetzt ist die Schulschließung doch da, sie kam überfallartig. Wie denken Sie über diesen Zickzackkurs? Und: Könnten Sie an der Waldschule so schnell hybrides Lernen anbieten? 

Silke Müller: Eigentlich ist es bei uns in Niedersachsen ja keine wirkliche Schließung, denn wir stellen um auf Distanzunterricht, das Lernen geht also weiter. Trotzdem war es ja eigentlich absehbar und hätte besser geplant werden können.

Das Jahr endet wie es begonnen hat: mit erratischen Entscheidungen, das schafft kein Vertrauen. Aber wir als Waldschule können in der Tat spontan umdisponieren. Wir garantieren, dass unsere Schüler im Fernunterricht die Lerngegenstände als gute Lernangebote bekommen - und dabei sicherer vor Corona sind als mit 25 Kindern im Klassenzimmer.

  • Wieso können Sie, was viele andere nicht können?

Müller: Wir können vielleicht nicht mehr, kochen aber eben schon etwas länger mit dem Wasser und wissen, wie es wann reagiert. Wir haben schon 2009 mit der Digitalisierung begonnen, damals mit der Anschaffung von Laptops und ab 2012 dann Tablets. Mit iserv haben wir auch eine funktionierende Lernplattform. Und seit Corona ist die Bereitschaft der Lehrkräfte zu Fortbildungen nochmal gestiegen. Mikrofortbildungen und Webinare machen es den Kollegen leicht. Nur hatten die Kultusminister in diesem Jahr auch hier gefühlt eine Kehrtwende vollzogen: Sie werteten zumindest in der Außendarstellung Distanzunterricht plötzlich als generell unzureichend ab.

  • Immerhin gibt der Bund sieben Milliarden für digitale Bildung aus. 

Müller: Aber eben eher präsenzorientiert, das ist zwar einerseits gut, wir wollen ja irgendwann zurück in die herrlich vollen Klassen mit den Jungs und Deerns. Wozu aber hat man zum Beispiel im Sommer 500 Millionen Euro Soforthilfe für Endgeräte von Schülern investiert, wenn man vom Distanzlernen nichts mehr wissen will? In der Schulpolitik sprach lange niemand mehr über diesen guten Ansatz aus dem Frühjahr. Es ist mir unbegreiflich.

  • Was macht das mit Ihrer Lehrerschaft?

Müller: Sie empfindet das, wie übrigens viele andere Lehrkräfte in unserem Schulnetzwerk mit anderen Schulen auch, als Geringschätzung und Herabwürdigung vieler Monate Arbeit. Die Lehrkräfte haben sich mit Siebenmeilenstiefeln auf den Weg gemacht, um ihren Unterricht auf digitales Lernen umzustellen. Dann wurde das monatelang praktisch untersagt. Nun wieder ein Richtungswechsel. Viele Kolleginnen und Kollegen sehen sich inzwischen als vergessenen Teil der Gesellschaft.

  • Na ja, es geht so viel um Lehrer wie lange nicht mehr.

Müller: Nein, es geht um Schule und Lernen, nicht um Lehrkräfte. Man redet vielleicht über sie, aber nicht mit ihnen. In der Argumentation der Politik geht zum Beispiel gerade ganz oft um Bildungsgerechtigkeit – aber Lehrerinnen und Lehrer werden dabei gar nicht erwähnt. Das ist sehr merkwürdig, denn das gehört doch zusammen, oder? Etwas Schlimmeres kann es gar nicht geben, als sich übersehen und allein gelassen zu fühlen.

  • Was würden Sie den Kultusministern raten? 

Müller: Freiheit und mehr Vertrauen in die eigenverantwortliche Arbeit von Schulen, die wie wir bereits fortgeschritten sind mit digitaler Bildung. Man könnte unsere Erfahrungen nutzen, um zu evaluieren und weiter zu entwickeln, wie guter digitaler Unterricht aussehen kann. Stattdessen erleben wir nun diesen Rückschlag.

  • Die Länder hatten den Grenzwert für Schulschließungen von 50 auf 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner angehoben. Wie denken Sie darüber?

Müller: Das ist aus pädagogischer Sicht höchst problematisch. Wir richten uns als Schule natürlich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das heißt, wir behandeln mit den Schülern der Sekundarstufe 1 natürlich auch die Notwendigkeit und Hintergründe der Vorgaben des Robert Koch-Institutes...

  • ... die besagen, dass bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche ein Wechselmodell anzuwenden ist, hybrides Lernen...

Müller: ...genau. Wir erklären, warum dieser Wert wichtig ist. Etwa damit die Gesundheitsämter Infektionsabläufe noch nachverfolgen können. Oder dass es genug Intensivbetten gibt. Schüler stellen nun aber fest, dass dieser Grenzwert für ihr persönliches Leben gar keine Rolle mehr spielt.

Epidemiologen und Virologen sind sich über den Kontrollwert einig – aber die Kultusminister erhöhen ihn. Willkürlich. Rein für schulische Abläufe. Wie sollen Schüler damit umgehen? Was sollen sie von uns Lehrerinnen und Lehrern halten – die wir ihnen die ganze Zeit einen anderen Wert als Stand der Wissenschaft gezeigt haben? Das Heraufsetzen des Grenzwertes untergräbt unseren Erziehungsauftrag – und unsere Glaubwürdigkeit.

  • Wie gehen Sie damit um? 

Müller: Das ist nicht einfach. Immerhin sind es unsere obersten Dienstherren, die den Grenzwert für sich angepasst haben. Es muss irgendwann einen Paradigmenwechsel gegeben haben. Distanzlernen, Homeschooling, hybrides Lernen – egal, wie sie es nennen – wurde zunächst hoch gelobt. An vielen Schulen hat es auch viel besser geklappt als erwartet. Aber dann zählte das alles nicht mehr. Das ist für uns Lehrer nur schwer nachvollziehbar. Und es sorgt dafür, dass vieles ins Rutschen kommt.

  • Was meinen Sie damit?

Müller: Das Durcheinander auf dem Land zum Beispiel. Im Landkreis Oldenburg und damit bei uns in Hatten herrschte die Pflicht zum Präsenzlernen aufgrund der Unterschiedlichkeit der Auslegung, was als schulische Infektionsschutzmaßnahme gilt bei Überschreiten der Inzidenz 100. Nur 20 Kilometer weiter in Cloppenburg oder Delmenhorst wurde aber bereits das Wechselmodell angeordnet. Das kann man niemandem erklären. Verständnis und die Solidarität im Bezug auf die Maßnahmen sinken deutlich. Und das mitten in einer Pandemie, die inzwischen täglich mehr als 500 Menschen tötet. Im Kollegium herrscht große Unzufriedenheit mit den unterschiedliche Wegen der Schulministerien. Freundlich gesagt.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten an ändern muss.

  • Die Kultusminister tragen ein starkes Argument für anhaltende Präsenz vor: Bildungsgerechtigkeit. Sie verlangen, die Schüler so lange wie möglich ins Klassenzimmer zu holen. Können Sie das verstehen? 

Müller: Jein. Chancengleichheit ist ein hohes Ziel. Aber die Gesundheit der Schüler und Lehrer doch auch! Ich trage als Schulleiterin die volle konkrete Verantwortung – für beide.

  • Wollen Sie bestreiten, dass beim Homeschooling Kinder vom Radar der Lehrer verschwunden sind?

Müller: Natürlich nicht. Ich habe damit ja jeden Tag zu tun. In der öffentlichen Debatte kommt es mir aber eher wie Augenwischerei vor. Probleme wie Schulabstinenz entstehen doch nicht durch digitales Lernen oder Corona. Ich kann ihnen viele schulbiographische Gründe nennen, warum Schulabsentismus seit Jahren deutlich zunimmt. Draußen nimmt das leider kaum jemand wahr.

  • Die häusliche Gewalt ist seit Corona angestiegen.

Müller: Corona wirft auch da den Scheinwerfer darauf. Endlich guckt die Gesellschaft hin! Ich habe - verzeihen Sie - nur das Gefühl, als wäre eine schnelle Schlagzeile mehr Wert als das echte Leben.

  • Einfach auf Homeschooling umschalten hilft sicher auch nicht. Wie kann eine Schule dem vorbeugen, dass Kinder verloren gehen?

Müller: Ich schicke meine Schüler nicht einfach nach Hause in die Videokonferenz. Das heißt, erstens, haben Schulen wie die meine sehr differenzierte Konzepte für hybrides Lernen. Meine Lehrer wissen genau, auf welche der 800 Schüler wir ein Auge haben müssen. Wer pädagogische Begleitung besser von Gesicht zu Gesicht bekommt – oder sogar Schutz benötigt. Dazu brauchen wir, zweitens, feste Sozialarbeiterstellen für Schulen und auch eine Schulpsychologie, die diesen Namen verdient. Gerade im Bereich Oldenburg haben wir solche Schulpsychologen, die zeigen, wie es richtig geht. Das ist klasse. Die brauchen alle Schulformen übrigens schon lange. Die Grundfrage, vor der wir stehen, ist dabei noch gar nicht angesprochen.

  • Welche ist das? 

Müller: Unser ganzes Koordinatensystem muss neu justiert werden. Wenn die Kultusminister etwas Nachhaltiges tun wollten, dann würden sie genau jetzt Demokratiebildung, Werte und Medienkompetenz in den absoluten Fokus der Tagesordnung setzen.

  • Das ist jetzt aber ein sehr weiter Sprung, Frau Müller.

Müller: Nein, das ist ein großes Problem. Wir merken doch, dass wir mit dem Schulsystem, das uns jahrhundertelang gut gedient und gebildete Kinder hervorgebracht hat, an einer Grenze angekommen sind. Diese Grenze hat etwas mit der Digitalisierung zu tun. Mobbing zum Beispiel wird anders und größer – durch soziale Netzwerke. Bildung wird nicht etwa gerechter – sondern die Schere zwischen den Milieus geht weiter auseinander. Wir und die Schüler müssen das durchschauen lernen. Medienkompetenz und politische Bildung hängen in meinen Augen ganz eng zusammen.

  • Und was bedeutet das jetzt konkret für die Schulpolitik?

Müller: Wir dürfen den Zug der Digitalisierung, den wir im Frühjahr mit Hochdampf haben abfahren lassen – übrigens unter großem Druck der Kultusminister – jetzt nicht einfach irgendwo im Neuland anhalten und stehen lassen. Wir müssen uns weiter um sinnvolle digitale Lernformate kümmern, um Prävention – und um die große Frage: Welche Schule brauchen die Schüler in einer digitalen Welt? Es macht sich sonst ein Gefühl des Stillstandes breit. Wer so mit Schule umgeht, verliert die Lehrkräfte als Akteure des Wandels.