GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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Serie „30 Jahre Ost-West“Zähes Ringen um Gleichstellung

Die Wende in der DDR vor mehr als 30 Jahren und der nachfolgende Vereinigungsprozess führten zu tiefgreifenden Veränderungen im Bildungsbereich. Für Lehrkräfte und in der frühkindlichen Bildung Tätige in der DDR bedeutete das Umbrüche.

15.01.2020 - Interview: Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

Einschneidend war diese Zeit auch für die GEW; innerhalb weniger Monate wurde der Großteil der Mitglieder der DDR-Bildungsgewerkschaften in die Organisation aufgenommen. E&W sprach mit Thomas Lippmann, damals Lehrer an der Polytechnischen Oberschule (POS) „Karl Marx“ in Wallwitz (Bezirk Halle), später GEW-Vorsitzender in Sachsen-Anhalt und heute Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im sachsen-anhaltinischen Landtag, über diese Zeit.

  • E&W: Sie waren damals als Lehrer im Schuldienst, später auch als Schulleiter tätig. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit des Wandels?

Thomas Lippmann: Die Entwicklungen damals waren von einer Mischung aus Hoffnung und Verunsicherung geprägt, auch bei mir. Das gilt vor allem für das erste halbe Jahr zwischen Mauerfall, Wahlen in der DDR und den anschließenden Umbrüchen.

  • E&W: Welche Veränderungen waren für Sie besonders gravierend?

Lippmann: Vor und noch in der ersten Zeit nach der Volkskammerwahl im März 1990 war vieles ungewiss; ich hatte die Hoffnung, dass man für den Schulbereich aus den positiven wie auch negativen Erfahrungen der DDR lernen, im Osten etwas Eigenes auf die Beine stellen und so die Übernahme des gegliederten Schulsystems aus dem Westen verhindern kann. Diese Hoffnungen hatten viele andere Lehrkräfte auch. Wir wurden allerdings in Sachsen-Anhalt sehr schnell enttäuscht. Am Ende hatte ich als Schulleiter nur noch damit zu tun, das vom Westen übernommene System zu verstehen, umzusetzen und zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Das hat viel Zeit und Energie gekostet.

  • E&W: Also sind Sie gescheitert?

Lippmann: Das würde ich so nicht sagen. Wir haben es immerhin geschafft, dass die Einführung der Hauptschule in den ostdeutschen Ländern nach dem Vorbild des Westens weitest-gehend verhindert wurde. Hauptschulen gab es in den ersten Jahren nach 1990 zwar in Mecklenburg-Vorpommern, aber in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen setzte man auf ein zweigliedriges System aus Gymnasium und zusammengeschlossenen Haupt- und Realschulen. Allerdings wurde dieser Teilerfolg dadurch begünstigt, dass in den Bildungs- und Kultusverwaltungen im Osten letztlich die politische Kraft fehlte, dem Osten auch noch die „Hauptschule pur“ überzuhelfen.

  • E&W: Ein Konflikt ist bis heute geblieben: die Nichtverbeamtung der Lehrkräfte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Erst aufgrund des Personalmangels werden in den ostdeutschen Ländern nach und nach Lehrerinnen und Lehrer verbeamtet. Wäre es aus gewerkschaftlicher Sicht besser gewesen, schon vor 30 Jahren auf diesen Schritt zu drängen?

Lippmann: Sachsen-Anhalt hat lange Jahre nicht verbeamtet. Ich halte das auch für richtig. Die Position der GEW in Sachsen-Anhalt war da von Anfang an klar: Verbeamtung ist für den Staatshaushalt durch die Pensionszahlungen letztlich die teurere Variante. Lehrkräfte gehören meines Erachtens nicht zur Kernverwaltung eines Staates wie die Polizei. Heute wird bei Neueinstellungen im Schulbereich wieder verbeamtet. Das geschieht aber nicht aus ordnungspolitischen Überlegungen heraus, sondern weil Sachsen-Anhalt im Wettbewerb um Lehrkräfte aus anderen Bundesländern steht. Und dieser Wettbewerb ist letztlich auf ordnungspolitisches Versagen zurückzuführen, nämlich darauf, dass viele Länder in der Vergangenheit zu wenige Lehrkräfte ausgebildet haben und die Kultusministerkonferenz (KMK) die Hinweise der GEW und der Wissenschaft auf steigende Schülerinnen- und Schülerzahlen ignoriert hat.

  • E&W: Enttäuschungen mussten nach der Wende auch viele Erzieherinnen im Osten verkraften. 1991 entschied die KMK, die in der DDR erworbenen Berufsausbildungen teilweise nur bedingt anzuerkennen. Auch wenn Erzieherinnen in ihrer vier- bis fünfjährigen Ausbildung am Institut für Lehrerbildung Lehrbefähigungen für Fächer der Unterstufe erworben hatten, durften sie fortan nur noch im Schulhort eingesetzt werden. Erst fast 30 Jahre später – 2018 – kündigte das Bildungsministerium in Thüringen an, die DDR-Lehrbefähigung von Erzieherinnen anzuerkennen und sie im Unterricht an Grundschulen einzusetzen. Wirkt diese Degradierung noch heute nach?

Lippmann: Ja, wenn auch immer weniger. Die Gleichstellung der im Bildungssektor beschäftigten Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten war der Kern meiner fast 20-jährigen Tätigkeit an der Spitze der GEW in Sachsen-Anhalt. Wir haben nicht nur um die Anerkennung der Abschlüsse der Unterstufenlehrkräfte gekämpft, auch die tarifliche Gleichstellung der Ost-Lehrkräfte im TV-L (Tarifvertrag der Länder) war ein zähes Ringen. Sehr negativ in Erinnerung ist mir der, mit Verlaub, unglaublich bornierte Blick vieler politisch Verantwortlicher aus dem Westen auf die Qualität der Lehrkräfteausbildung in der DDR. Der Hinweis, dass in der DDR die Kolleginnen und Kollegen am Institut für Lehrerbildung und nicht an einer Universität ausgebildet wurden, diente in den Verhandlungen immer wieder als Totschlagargument, mit dem die Nicht-Gleichstellung begründet wurde. Zum Glück sind diese Vorurteile in den zurückliegenden Jahren allmählich verschwunden, allerdings nicht immer aus Einsicht, sondern zum einen durch die hartnäckige Politik der GEW und zum anderen begünstigt durch den Personalmangel in den Bildungseinrichtungen.

  • E&W: Der Vereinigungsprozess hat auch die GEW verändert. 1990 gehörten ihr rund 189.000 Mitglieder an, heute sind es fast 100.000 mehr; die Mitglieder der Gewerkschaften der DDR „Unterricht und Erziehung“ (GUE) sowie „Wissenschaft“ (GW) im staatlich gelenkten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) wurden zum großen Teil in die GEW aufgenommen. Gleichzeitig gründeten sich Anfang 1990 in einigen der späteren neuen Bundesländer unabhängige Landesverbände einer GEW (Ost), die sich explizit von den FDGB-Gewerkschaften abgrenzten. Wie haben Sie diese Entwicklung damals wahrgenommen?

Lippmann: Ich war als Mitglied des Zentralvorstandes der GUE, dem ich in der Wendezeit als junger Lehrer angehörte, an den Gesprächen mit der GEW West beteiligt. Klar war schnell, dass eine Fusion und Gründung einer neuen Gewerkschaft nicht in Frage kommt. Ansonsten gab es zwei parallele Entwicklungen: In Sachsen und Thüringen gab es Initiativen zu einer Neugründung einer Bildungsgewerkschaft, in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern herrschte eher die Tendenz vor, dass man mehr oder weniger geschlossen in die GEW eintritt. Beide Strategien – die Aufnahme von GUE- und GW-Mitgliedern in die GEW wie auch die Gründung einer GEW (Ost) waren letztlich erfolgreich, denn sie führten dazu, dass die ostdeutschen Landesverbände der GEW in den zentralen Bereichen komplett von Ostdeutschen aufgebaut wurden. Das wirkt bis heute nach.

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