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GEW in Bildung unterwegsWo Kontraste aufeinanderprallen

Über die Situation der beruflichen Bildung in Rheinland-Pfalz informierte sich GEW-Chefin Marlis Tepe bei einem Besuch in Ludwigshafen. Die Berufsbildende Schule T 2 zeigt, unter welchen Bedingungen Lehrkräfte an Beruflichen Schule arbeiten.

07.09.2018 - Norbert Glaser

Moderne, großzügige Räume, professionelles Gerät, an dem Auszubildende auf künftige Aufgaben vorbereitet werden. Das „Testaurant“ sieht aus wie die Berufsschule eines Landes, das technisch an der Spitze mitspielt: Offiziell als „Ernährung und Gastronomie“ firmierend erfüllt das Gebäude der Berufsbildenden Schule (BBS) Technik 2 in Ludwigshafen alle baulichen Anforderungen, die eine moderne Pädagogik stellt. Köche, Metzger, Servicepersonal etc. werden hier ausgebildet. Marlis Tepe nickt anerkennend. „Ein herrliches Gebäude“, sagt Schulleiter Hubert Boßle. „Die Stadt hat es super ausgestattet.“

Leider funktioniert nicht alles wie es soll. Boßle beklagt: Undichte Leitungen, eine nicht funktionierende Klimaanlage, abgehängte Deckenverkleidung verweist auf weitere Probleme. Hier wäre es von großem Vorteil, wenn es ein funktionierendes und stetiges Gebäudemanagement gäbe, so der Schulleiter. Und doch: „Für Neubauten, die unsere Großeltern nicht als Lernorte wiedererkennen würden!“ Diese Forderung der rheinland-pfälzischen GEW trifft hier zu.

„Wir hatten in diesem Sommer Temperaturen bis 35 Grad in den Klassenräumen.“ (Hubert Bößle)

Im Gegensatz dazu die Anfang der 1970er Jahre errichteten Gebäude. In die Werkstätten regnet es herein. Etliche Oberlichter sind undicht. Um die Fenster breiten sich dicke Schimmelkolonien aus. In einem Büro schützt eine Holzplatte das Telefon gegen Feuchtigkeit von oben. Stühle und Schreibtisch sind aufgequollen. Der Verteilerkasten weist tiefbraune Spuren ständig eindringender Feuchtigkeit auf.

In der Kfz-Werkstatt lässt Fachlehrer Stefan Baumgärtner gerade einen alten Opel Vectra aufbocken. Die Schüler des Berufsvorbereitungsjahres, Schwerpunkt Metalltechnik sollen das Innenleben eines Autos kennenlernen. „Wir müssten bei den Sicherheitsstandards ein Vorbild sein“, sagt Baumgärtner. „Aber hier geht es nur mit Vertrauen und gegenseitiger Rücksichtnahme.“ Nur schwer lässt sich erahnen, dass dies die berufliche Schule eines „Exportweltmeisters“ ist.

Häufig funktionieren die Jalousien nicht mehr. „Wir hatten in diesem Sommer Temperaturen bis 35 Grad in den Klassenräumen“, erzählt Boßle. Wie unter diesen Bedingungen noch Unterricht möglich gewesen sei, will Tepe wissen. Er habe nichts dagegen gehabt, so Boßle, wenn die eine oder andere Lehrkraft den Unterricht ins Grüne verlegt habe.

Die rheinland-pfälzische GEW weiß, warum sie „Gute Akustik, Temperatur und frische Luft!“ fordert. Ihr Landesfachgruppenausschuss Berufsbildende Schulen tagt an diesem Tag an der BBS Technik 2. „Berufliche Bildung weiter denken“ steht auf der Tagesordnung. Passend dazu erinnert die stellvertretende Landesvorsitzende, Sabine Weiland, daran, dass der aktuelle Landeshaushalt einen Überschuss von 893 Millionen Euro aufweist. „Wir müssen die Situation nutzen, um die Landesregierung an ihre Verantwortung zu erinnern: Mehr Geld für Bildung, besser Arbeitsbedingungen, multiprofessionelle Teams – und zwar nicht additiv, sondern inklusiv.“

„Bildung müsse sich gerade auch um jene kümmern, die nicht die besten Startchancen hatten, sagt Marlis Tepe auf der Tagung. Sie unterstreicht die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung: „Berufliche Bildung und Weiterbildung darf nicht schlechter gestellt werden.“ Viele Politiker hätten keinen Bezug zur beruflichen Bildung, klagt Giorgina Kazungu-Haß (MdL, SPD). Sie sei für sie „terra incognita“. Daniel Köbler (MdL, Grüne) hebt vor dem Hintergrund der Ereignisse von Chemnitz die Bedeutung des Sozialkundeunterrichts in der beruflichen Bildung hervor. SPD-MdL Anke Simon verweist auf die enormen Herausforderungen für die Kommunen angesichts der notwendigen Sanierungen.

„Man sieht überall, dass der Stadt das Geld fehlt.“ (Klaus-Peter Hammer)

„Wir sind Dienstleiter für Handwerk und Industrie“, betont Boßle. „Wir strengen uns an, um jungen Menschen eine guten Start ins Berufsleben zu geben.“ Das gelinge aber nur ansatzweise angesichts des Sanierungsstaus. Sorge bereitet ihm auch der Lehrernachwuchs. „Viele Kolleginnen und Kollegen gehen altersbedingt in den nächsten Jahren ab. Wir brauchen neue Lehrkräfte, die mit viel Herzblut dabei sind, Fachlehrer, die die notwendige Fachpraxis haben, die wissen, wovon sie reden.“

Die Kosten für Sanierung und Modernisierung der BBS Technik 2 beziffert Schulleiter Boßle auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Eine Kommune könne so etwas alleine nicht leisten. Bund und Land seien ebenso gefordert. Aus Tepes Sicht erweist sich hier der Föderalismus als Problem: „Er macht es schwer, an einem Strang zu ziehen.“ Im Fall von Ludwigshafen kommt hinzu, dass die Kommune ziemlich alleine dasteht. „Man sieht überall, dass der Stadt das Geld fehlt“, findet der GEW-Landesvorsitzende Klaus-Peter Hammer. „Ein Weltkonzern wie BASF zahlt heute in Deutschland kaum noch Steuern.“

Die BBS Technik 2 ist eine von sechs berufsbildenden Schulen in Ludwigshafen. 2100 Schülerinnen und Schüler besuchen die T2. 120 Lehrkräfte unterrichten hier. Neben verschiedenen Berufsschulen gehören zu ihr auch 12 Klassen in der Berufsvorbereitung und Berufsfachschulen. Tepe interessiert, wie die Integration jugendlicher Flüchtlinge gelingt. Boßle spricht von vier bis fünf Jahren, bevor diese eine Ausbildung antreten können. „Ein Großteil der Jugendlichen ist jahrelang nicht beschult worden. Viele wollen keine Ausbildung machen, sondern möglichst schnell Geld verdienen, das sie nach Hause schicken können.“

„Wir brauchen gleiche Startchancen für alle Kinder, unabhängig davon, wo sie leben.“ (Marlis Tepe)

Zusätzliche Mittel – etwa für den Spracherwerb – könnten die Eingliederung beschleunigen. Doch wenn es ums Geld geht, stehen die berufsbildenden Schulen ganz hinten. Hinzu kommt: 300 Millionen Euro liegen in Rheinland-Pfalz für die Schulen auf Halde. Die Kommunen haben sie nicht abgerufen. „Vielen fehlt inzwischen das Personal, um das Geld einzusetzen“, erklärt Klaus-Peter Hammer. Und Tepe ergänzt: „Der Geburtsort darf nicht darüber entscheiden, wie gut eine Schule ausgestattet ist. Es muss einen Ausgleich zwischen den Kommunen geben. Wir brauchen gleiche Startchancen für alle Kinder, unabhängig davon, wo sie leben.“

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