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Kulturelle Bildung„Wo findest du die schönen Worte?“

Theater, Musik und Kunst können Kindern neue Welten öffnen. Aber es braucht besondere Ansätze, damit auch benachteiligte Kinder und Jugendliche von kultureller Bildung profitieren. „Es nützt nichts, einen Flyer auszulegen“, sagen Experten.

08.11.2019 - Katja Irle, freie Journalistin

Wenn Stefan Becker im Kasseler Stadtteil Bettenhausen unterwegs ist, kommt er nur langsam ans Ziel – zumindest, was den konkreten Ort betrifft. Der Theatermacher besucht heute die Kita Sonnenblume. Auf dem Weg dorthin liegt die Ganztagsgrundschule Am Lindenberg. Die Kinder erkennen ihn sofort und wollen wissen, wann er das nächste Mal zu ihnen kommt. Das dauert. Aber der Schauspieler hat es nicht eilig. Denn die Pausenhofgespräche zeigen ihm, dass er sein Ziel schon erreicht hat, nämlich Kindern eine Tür zu Kunst und Kultur aufzustoßen.

Becker und das Spielraum-Theater sind dort, wo viele Familien andere Sorgen haben als Karten für die nächste Opernpremiere zu bekommen oder Museumsbesuche zu organisieren. Die Documenta-Stadt Kassel hat erkannt, dass kulturelle Bildung zu den Menschen vor Ort kommen muss, nicht umgekehrt. Seit einem Jahr ist deshalb das Spielraum-Theater mit seinen Stücken an Ganztagsgrundschulen und seit elf Jahren in Kitas unterwegs, wobei der Fokus auf dem ländlichen Raum liegt. Es geht dabei nicht nur um Kulturvermittlung, sondern auch um Sprachförderung.

„Wir erzählen Geschichten. Das funktioniert wunderbar als gemeinsame Basis – egal ob ein Kind polnische Wurzeln hat, es vor kurzem aus Afghanistan gekommen ist oder Deutsch seine Muttersprache ist.“ (Stefan Becker)

„Wir erzählen Geschichten. Das funktioniert wunderbar als gemeinsame Basis – egal ob ein Kind polnische Wurzeln hat, es vor kurzem aus Afghanistan gekommen ist oder Deutsch seine Muttersprache ist“, sagt Becker. Das Stück für die Kita Sonnenblume („Von Kisten und Kissen“), gespielt von Gisela Honens und Jutta Damaschke, kommt völlig ohne Sprache aus, trotzdem verstehen selbst die Kleinsten sofort, worum es geht: um Spiel und Freundschaft, aber auch um das tägliche Aushandeln von Regeln.

In den Grundschulen sind die Stücke entsprechend dem Alter der Kinder anspruchsvoller, aber immer mit demselben Fokus: Emotionen wecken, Empathie stärken und Sprachanlässe schaffen. Becker ist überzeugt, dass sein Konzept funktioniert, denn er beobachtet seit Jahren die Reaktionen der Kinder. Kürzlich hat ihn ein Zweitklässler aus Syrien gefragt: „Du hast immer so schöne Worte in deinem Theater. Wo findest du die bloß?“

Niemand kann seriös vorhersagen, ob dieser Grundschüler später zum regelmäßigen Theaterbesucher wird. Aber das ist auch nicht das primäre Ziel. Es gibt viele Indizien dafür, dass Theater Sprache und Ausdrucksfähigkeit fördert – so wie Tanz die Motorik und Raumerfahrung unterstützt. Wie genau kulturelle Bildung aber auf welche Zielgruppe wirkt, ist eine sehr viel komplexere Frage.

„Es gibt klare Hinweise, dass kulturelle Angebote die Bildungsaspiration, also das Streben von Kindern und Jugendlichen nach Bildung positiv beeinflussen.“ (Vanessa Reinwand-Weiss)

„Wir können die Wirkung ja nicht im Labor beobachten“, sagt Vanessa Reinwand-Weiss von der Universität Hildesheim. Die Professorin für kulturelle Bildung spricht deshalb auch nicht von „messen“, wenn es um die Wirksamkeit kultureller Bildung geht. Was nicht heißt, dass es keine Effekte gibt: „Es gibt klare Hinweise, dass kulturelle Angebote die Bildungsaspiration, also das Streben von Kindern und Jugendlichen nach Bildung positiv beeinflussen.“

Allerdings profitieren Kinder und Jugendliche nicht in gleichem Maße von kultureller Bildung. Das zeigte unter anderem eine repräsentative, bundesweite Umfrage unter Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klassen, die der Rat für Kulturelle Bildung vor vier Jahren in Auftrag gegeben hatte. Das ernüchternde Ergebnis: Jugendliche aus bildungsfernen Familien haben zum Ende der Schulzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit sowohl weniger Kenntnisse als auch Interesse an Kunst und Kultur als Gleichaltrige aus Akademikerfamilien.

„Es nützt nichts, einen Flyer auszulegen, es geht nur mit aufsuchender Kulturarbeit. Das heißt: Eltern einbinden und kulturelle Bildung eng an die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen koppeln.“

Verstärkt also kulturelle Bildung den sogenannten Matthäus-Effekt? Wer schon hat, dem wir noch mehr gegeben? Professor Eckart Liebau vom Rat für Kulturelle Bildung warnte nach der Vorstellung der Studie: „Wir haben es mit großen Unterschieden zwischen den Schulformen zu tun, mit kulturellen Bildungsverläufen, die kaum durchbrochen werden können. Dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern den künstlerischen Vorsprung ihrer Altersgenossen in der Schule aufholen könnten, lassen die Daten nicht erkennen.“

Reinwand-Weiss war als Expertin an der Studie beteiligt. Sie nennt die Befunde „charakteristisch für das deutsche Bildungssystem“, bei dem soziale Herkunft und Bildungserfolg eng gekoppelt sind. Auch ein Großteil der Kulturangebote in Deutschland konzentriert sich ihrer Ansicht nach auf die Zielgruppe der bildungsnahen Akademikerschicht. „Sie wenden sich an das Publikum, das von sich aus ins Museum, Konzert oder Theater kommt.“

Für andere Familien sind die Hürden hoch. Das schicke Theater in der Innenstadt bleibt ihnen so fern wie Kafkas Schloss dem Protagonisten K. Um diesen Mechanismus zu durchbrechen, hat unter anderem das Bundesbildungsministerium 2013 ein neues Programm aufgelegt. „Kultur macht stark“ unterstützt außerschulische Kooperationen, die ihre Zielgruppe genau im Blick haben. Das A und O dabei: Zugänge schaffen. „Es nützt nichts, einen Flyer auszulegen, es geht nur mit aufsuchender Kulturarbeit“, sagt Reinwand-Weiss: „Das heißt: Eltern einbinden und kulturelle Bildung eng an die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen koppeln.“

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