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Wirtschaft muss Perspektiven beruflicher Ausbildung bieten

Mit dem Wunsch nach Aufstieg steigt die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger kontinuierlich. Arbeitgeber sind gefordert, statt über einen Fachkräftemangel zu klagen, die berufliche Ausbildung attraktiver zu gestalten.

05.10.2017 - Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung

Seit Jahren gibt es eine Dynamik in der beruflichen Ausbildung. Die Berufsbildungspolitik würdigt gemeinsam mit den Wirtschaftsverbänden und Industriegewerkschaften das Flaggschiff der Berufsbildung in Deutschland, das duale System, und unterstützt es mit Pakten und Allianzen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Ausbildungsverträge und immer mehr Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück. Erstaunlich: Da bedauern die Akteure aus Politik und Wirtschaft öffentlich, dass immer weniger junge Menschen im dualen System ausgebildet werden – allein zwischen Mitte des vergangenen und Mitte dieses Jahrzehnts gut 37.000, das sind 7,2 Prozent. Aber sie erkennen nicht, dass im selben Zeitraum die Zahl der jungen Menschen, die sich für eine vollzeitschulische Berufsausbildung in den Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialberufen entscheiden, um knapp 32.000 (= 22,2 Prozent) gestiegen ist! Auch für diese zukunftsentscheidenden Dienstleistungsberufe – hier arbeiten überwiegend Frauen – brauchen wir Allianzen und Pakte, um die Qualität der Ausbildungs-, Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen zu verbessern!

Die Öffentlichkeit nimmt im Wesentlichen wahr, dass immer mehr junge Menschen studieren. Die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger ist zwischen Mitte des vergangenen und Mitte dieses Jahrzehnts um knapp 145.000 junge Menschen, das entspricht fast 40 Prozent (!), gestiegen. Für die Bildungsgewerkschaft ist das jedoch kein Beleg, dass berufliche Abschlüsse entwertet werden. Diese Entwicklung ist vielmehr eng mit dem individuellen Wunsch der Lernenden nach gesellschaftlichem Aufstieg zu erklären. Hier sind vor allem die Arbeitgeber gefordert, statt über einen Fachkräftemangel zu klagen, gute Beschäftigungs- und Aufstiegsperspektiven für beruflich Qualifizierte zu bieten und die berufliche Ausbildung attraktiver zu gestalten.

„Der seit Jahren bestehende Lehrkräftemangel an berufsbildenden Schulen dürfte sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen.“

In der Debatte um die sogenannte Akademisierung dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass nach wie vor mehr als 1,9 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss haben. Der sogenannte Übergangsbereich, der nicht auf einen Berufsabschluss abstellt, ist bis zum Jahr 2013 kleiner geworden. Seitdem ist die Zahl junger Menschen, die hier landen, jedoch wieder auf knapp 300.000 angewachsen. Dies macht deutlich, dass wir dringend eine Ausbildungsgarantie brauchen, wie sie die GEW seit langem vorschlägt. Unser Nachbar Österreich zeigt bei sonst ähnlichen Bildungsbedingungen, dass die Umsetzung einer solchen Garantie ohne revolutionäre Veränderungen möglich ist.

Die im internationalen Vergleich als erfolgreich geltende berufliche Bildung in Deutschland braucht qualifizierte Beschäftigte, um zukunftsfähig zu bleiben. Der seit Jahren bestehende Lehrkräftemangel an berufsbildenden Schulen dürfte sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen, wenn die zuständigen Länder – wie von der GEW seit Jahren angemahnt – nicht entschieden gegensteuern: Wenig Nachwuchs und hohe Pensionierungszahlen bilden ein hochexplosives Gemisch. Woher soll der Nachwuchs kommen, wenn die Arbeitsbedingungen und der Verdienst, insbesondere im Vergleich mit der privaten Wirtschaft, immer unattraktiver werden? Die GEW macht sich für eine deutliche Verbesserung sowohl der Arbeits- als auch der Ausbildungs- bzw. Studienbedingungen stark, damit die wichtige berufspädagogische Arbeit in den berufsbildenden Schulen wieder als lohnende berufliche Perspektive geschätzt wird.

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