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Coronapandemie„Wir müssen uns Stück für Stück dem Regelbetrieb nähern“

Hygiene- und Schutzmaßnahmen machen den bisher üblichen Kita-Alltag so gut wie nicht mehr möglich. Statt Bildung nur noch Betreuung? Fragen an Frank Jansen, Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK).

11.03.2021 - Interview: Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

  • E&W: Die Corona-Pandemie stellt die Kitas vor große Herausforderungen. Die Einrichtungen befinden sich im Notbetrieb beziehungsweise müssen besondere Vorschriften beachten, die pädagogischen Konzepten widersprechen: Frühkindliche Pädagogik setzt auf Nähe, nicht auf -Distanz. Kann die Kita ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag unter solchen Bedingungen überhaupt noch erfüllen?

Frank Jansen: Erst einmal möchte ich betonen, dass die Fachkräfte in unseren Kitas unter schwierigen Bedingungen die Kindertagesbetreuung aufrechterhalten und eine sensationelle Arbeit leisten. Mit zum Teil völlig umgekrempelten Konzepten versuchen sie dabei, ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag umzusetzen. Natürlich funktioniert das nicht in dem Maße, in dem wir es kennen. Der Ansatz der offenen Arbeit beispielsweise, der sehr stark auf der Partizipation und der Entfaltung der vielfältigen Talente und Interessen der Kinder beruht, muss dabei etwas zurückgefahren werden. Dennoch sind die Kolleginnen und Kollegen bemüht, im Kita-Alltag vieles möglich zu machen.

  • E&W: Kann das überhaupt funktionieren? Schließlich sind die Räumlichkeiten in den Kitas für eine bestimmte Anzahl von Kindern und Personal ausgelegt; unter den Bedingungen einer Pandemie mit der Anforderung, eine größere Dis-tanz zueinander einzuhalten und die Gruppengrößen zu beschränken, ist das eine große Herausforderung.

Jansen: Wir versuchen in den Einrichtungen die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass in kleineren Gruppen gearbeitet werden kann. Das ist angesichts der beschränkten Raumkapazitäten in den Kitas natürlich oft nicht möglich. Wir verhandeln daher mit den Kommunen, um auf öffentliche Räume ausweichen zu können, zum Beispiel auf Büchereien. Kleinere Gruppen bedeutet aber auch, dass wir mehr Personal benötigen. Wir wünschen uns daher, dass uns die Politik in dieser Frage entgegenkommt, etwa indem uns ermöglicht wird, unbürokratisch Aushilfskräfte einzustellen und diese von den Kommunen gegenfinanziert werden.

  • E&W: In der frühkindlichen Bildung ist nicht nur der Kontakt zwischen den Fachkräften und den Kindern, sondern auch die Beziehung zwischen Kita und Eltern wichtig. Unter den Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringt, ist eine herkömmliche Face-to-Face-Kommunikation nicht oder nur noch eingeschränkt möglich. Wie können Kitas dennoch den Kontakt zu den Eltern aufrechterhalten?

Jansen: In unseren Gliederungen wurden dafür viele Beratungs- und Fortbildungsangebote auf Online umgestellt. So haben wir beispielsweise als KTK-Bundesverband eine Corona-Plattform mit einem entsprechenden Informationsangebot eingerichtet. Eltern erhalten zum Beispiel Informationen und Tipps, wie digitale Medien pädagogisch sinnvoll genutzt werden. Die Online-Plattform enthält zudem Gesundheitsinfos und Verhaltenstipps, Impulse für pädagogische Fachkräfte und Eltern sowie Tipps für Einrichtungen, wie etwa Personalgespräche oder Online-Schulungen digital organisiert werden können. In vielen Einrichtungen werden auch die Morgenkreise online abgehalten, damit auch jene Kinder an ihnen teilnehmen können, die die Kita derzeit nicht besuchen.

  • E&W: In der Corona-Pandemie zeigt sich, dass viele Schulen in Deutschland unzureichend auf die Digitalisierung vorbereitet sind. Es fehlt an Endgeräten und der Infrastruktur. Wie sieht es in den Kitas aus?

Jansen: Wir haben festgestellt, dass es in vielen Einrichtungen an der digitalen Technik mangelt und es den Kitas daher schwerfällt, den Kontakt zu den Familien aufrechtzuerhalten, deren Kinder nicht mehr in die Einrichtungen kommen. Zum Teil greifen die Fachkräfte auf private Geräte zurück, etwa bei den Online-Morgenkreisen. Wir brauchen deshalb nicht nur einen Digitalpakt Schule, sondern auch eine entsprechende Bund-Länder-Vereinbarung für die -Kitas.

  • E&W: Die Pandemie mit all ihren Auswirkungen wird uns voraussichtlich noch lange beschäftigen. Was muss die Politik tun, damit ein Kita-Betrieb flächendeckend wieder möglich ist?

Jansen: Das Bild, dass die Kitas während des Lockdowns geschlossen sind, verzerrt die Wirklichkeit. 80 Prozent unserer Einrichtungen waren im Februar mit einer Ausnutzung zwischen 35 und 50 Prozent geöffnet. Dennoch halte ich es für wichtig, dass wir uns Stück für Stück dem Regelbetrieb nähern. Das setzt aber neben den erforderlichen Schutz- und Hygienemaßnahmen unter anderem voraus, dass die Erzieherinnen und Erzieher bevorzugt getestet werden, um Infektionen frühzeitig erkennen zu können.

  • E&W: Viele Erzieherinnen und Erzieher gehören Risikogruppen an. Eine Studie der AOK ergab, dass Kita-Beschäftigte von März bis Oktober 2020 am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen waren; krankheitsbedingt fehlten sie mehr als doppelt so häufig an ihrem Arbeitsplatz wie der Durchschnitt aller Berufsgruppen. Könnten die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas besser geschützt werden, indem sie bei der Corona-Schutzimpfung vorgezogen werden?

Jansen: Da bin ich zurückhaltend, weil ich einen Verdrängungswettbewerb befürchte. Der Vorschlag und die Diskussion darüber, die pädagogischen Fachkräfte in der Impfreihenfolge vorzuziehen, zeigen jedoch, dass die Bedeutung der frühkindlichen Pädagogik auch in der Politik anerkannt wird. Wenn die Erzieherinnen und Erzieher an der Reihe sind, dann bedarf es einer gut strukturierten Vorbereitung der Impfmaßnahmen; dazu gehören umfangreiche Informationen, eine koordinierte Terminvergabe und mobile Impfteams.

Der KTK-Bundesverband mit Sitz in Freiburg im Breisgau ist Teil des Deutschen Caritasverbandes. Er ist mit derzeit über 8.000 Einrichtungen mit mehr als 100.000 pädagogischen Fachkräften einer der größten Trägerverbände in der frühkindlichen Bildung.

Für die Kitas verlangt die GEW, die individuellen Gefährdungsbeurteilungen nach Arbeitsschutzgesetz umzusetzen. Jede Kita braucht passgenaue und wirksame Hygienepläne. „Die Regelungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) für Kitas zum Infektionsschutz sind zu beachten und umzusetzen. Weiter müssten alle Kitaträger Betriebsmediziner einsetzen, diese sollten die Risikogruppen bei den Beschäftigten beraten und im Einzelfall von der Arbeit in der Kita freistellen“, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. Sie regte zudem an, freiwillige, kostenfreie Coronatests sowie eine Grippeschutzimpfung für die Beschäftigten anzubieten.

  • Freiwillige, kostenfreie Coronatests sowie eine Grippeschutzimpfung für die Beschäftigten
  • Passgenaue und wirksame Hygienepläne für jede Kita
  • Umsetzung der Empfehlungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) an Kitas
  • Risikogruppen von Betriebsmedizinern beraten lassen und im Einzelfall von der Arbeit an der Kita freistellen

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.