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Bundestagswahl 2021„Wir brauchen einen Neuanfang“

Was muss sich nach der Corona-Pandemie in der Schulpolitik ändern? E&W hat bei Prof. Aladin El-Mafaalani, Erziehungswissenschaftler an der Universität Osnabrück, nachgefragt.

03.06.2021 - Klaus Heimann, freier Journalist

  • E&W: Haben wir eine Corona-Bildungskrise?

Prof. Aladin El-Mafaalani: Corona hat in der Bildung all das, was vorher schon nicht in Ordnung war, gnadenlos ans Tageslicht gebracht. Aber: Vieles, was jetzt aufgeploppt ist, war auch vorher schon bekannt. Die Mängel hat aber niemand wirklich angepackt.

  • E&W: Wie groß sind die Lernrückstände der Schülerinnen und Schüler?

El-Mafaalani: Bei Grundschülern sind diese gravierend. Kinder in diesem Alter lernen sehr viel in einem Jahr, ihnen fehlen jetzt schon mindestens 18 Monate. Und wenn man bedenkt, dass die Schule für viele der einzige Ort ist, an dem sie lesen und schreiben oder manche überhaupt deutsch sprechen, dann können wir erahnen, was Schulausfall bedeutet.

  • E&W: Aber Lernstände und damit auch Defizite könnte man doch ermitteln und aufholen?

El-Mafaalani: Viele Länder haben beschlossen, die Lernstandserhebungen in diesem Jahr auszusetzen. Für mich ist das der Super-GAU: Niemand weiß doch, wie Homeschooling die Wissensentwicklung in den Fächern Deutsch und Mathematik beeinflusst hat. Nebenfächer fanden so gut wie gar nicht statt. Im Herbst, mit dem Start des neuen Schuljahrs, haben wir dann keine Ahnung, wo die Schüler wirklich stehen. Vor Corona gehörten 20 Prozent der Grundschüler zur Risikogruppe für funktionalen Analphabetismus, jetzt könnten es wesentlich mehr werden – das würde ich aber gerne genau wissen.

  • E&W: Wie soll es denn im nächsten Schuljahr weitergehen?

El-Mafaalani: Die Schulverwaltungen, an der Spitze die Schulministerien, machen einen gravierenden Fehler. Sie glauben, im nächsten Schuljahr ist die Pandemie vorbei und sie können da weitermachen, wo sie vor Corona aufgehört haben. Das haben sie im Sommer 2020 auch geglaubt, mit verheerenden Folgen. Jetzt müssen wir Ideen und Konzepte entwickeln, wie wir mit den Auswirkungen der beiden Pandemie-Schuljahre umgehen. Doch da passiert nichts, das irritiert mich total. In der zentralen Zuständigkeit der Länder, der Bildung, gab es während Corona ein Komplettversagen, und das setzt sich im nächsten Schuljahr offenbar weiter fort.

  • E&W: Die Eltern haben kürzlich in einer Umfrage zu Protokoll gegeben, dass sie an der Schulpolitik verzweifeln.

El-Mafaalani: Ja, das verstehe ich. Viele Menschen vor Ort, auch diejenigen, die Verantwortung tragen, wussten ja angeblich nicht, dass es in Schulen kein warmes Wasser gibt, Fenster sich nicht öffnen lassen und die Toiletten eine Katastrophe sind. Hinzu kommt: Wenn wir uns mit anderen Staaten in der Pandemie vergleichen, schneiden wir ungewöhnlich schlecht ab. Das kommt, weil wir schon länger in einer fundamentalen Sackgasse stecken. Hätten wir ein gut funktionierendes Bildungssystem, dann wären wir in der Krise flexibler, innovativer gewesen und auch besser durchgekommen.

  • E&W: Wieso das?

El-Mafaalani: Ein System, das chronisch unterversorgt ist, das auf dem Zahnfleisch geht, kann nicht kreativ sein und klug improvisieren. Wir wussten doch schon vor der Corona-Krise, dass das Schulsystem nicht ausreichend auf digitales Lernen vorbereitet ist und viele Lehrkräfte diesbezüglich -Defizite haben. Sich dann zu wundern, dass Homeschooling nicht funktioniert, das überrascht mich.

  • E&W: Sie fordern für jede Schule multi-professionelle Teams, in denen Psycho-logen, Ärzte, sozialpädagogische Fachkräfte, Eltern und andere mehr die Arbeit der Lehrkräfte unterstützen. Wäre eine solche Schule besser durch die Pandemie gekommen?

El-Mafaalani: Da bin ich mir ganz sicher. Aus zwei Gründen: Interdisziplinäre Teams sind deutlich offener und interessierter am Einsatz digitaler Formate. Noch wichtiger ist aber: Schule hätte deutlich mehr über die Lebens- und Familiensituation der Kinder gewusst. Wenn Lehrkräfte nur darüber informiert sind, wer ein BuT-Kind ist – also Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabe-paket erhält – dann reicht das nicht. Die Lehrkräfte wissen nicht, welche Kinder ein eigenes Zimmer haben, einen Schreibtisch, Zugang zu Computer und Internet, in welchem Haushalt es einen Drucker gibt, um an die Lernmaterialien zu kommen. Für jede Art von Homeschooling sind das aber zentrale Punkte.

  • E&W: Hätten Lehrkräfte besser reagieren können?

El-Mafaalani: Lehrkräfte können individuell alles versuchen, letztendlich schaffen es aber auch die engagiertesten nicht, das institutionelle Versagen aufzufangen. Und: Flexibles und kreatives Handeln muss erst einmal ermöglicht werden. Jetzt hat auch der Letzte mitbekommen, wie schlecht es um die Schulen bestellt ist und wie die Schulbürokratie gängelt. Wir haben ein Schulsystem, das so nicht weitermachen kann.

  • E&W: Es muss sich also grundlegend -etwas ändern?

El-Mafaalani: Wir brauchen einen Neuanfang. Ich denke, die große Mehrzahl der Lehrkräfte wäre dabei. Es kann doch nicht sein, dass in 16 Ministerien bis ins Detail zentral entschieden wird, was die Schulen vor Ort zu machen haben. Das ist absurd. Schule hat hochqualifiziertes Personal – und dem erzählt man am Samstagabend, was es Montagmorgen machen muss? Unhaltbar. Hinzu kommt, dass die Vorgaben ungenügend sind, weil sie die örtlichen Bedingungen gar nicht einbeziehen können. Schulleiterinnen und Schulleiter sind so erzogen worden, dass sie möglichst keine Risiken eingehen oder Verantwortung übernehmen. Stattdessen warten sie darauf, dass aus Düsseldorf oder München Anweisungen kommen. Das ist aber genau das Gegenteil dessen, was wir brauchen. In Zeiten der Pandemie ist das eine Katastrophe.

  • E&W: Was können wir jetzt tun?

El-Mafaalani: Die heutigen Drittklässler sind noch lange genug im System, da können wir es schaffen, Leerstellen auszugleichen. Aber das funktioniert nur, wenn wir jetzt Veränderungen anpacken. Denn: Defizite auszugleichen, genau das konnte unser Schulsystem bislang nicht besonders gut. Trotzdem bin ich Optimist: Wenn die Schulverantwortlichen das wollen, ist das zu schaffen, wenn es scheitert, dann liegt es an ihnen. Fehlendes Geld oder eine Reformblockade der Eltern oder des Lehrpersonals wird es als Ausrede jedenfalls nicht mehr geben.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.