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"Wir brauchen eine Flüchtlingspädagogik"

Betriebe und Berufsschulen empfinden jugendliche Geflüchtete nach Einschätzung von Experten oft als Belastung - trotz einer positiven Grundeinstellung. Es fehle an flüchtlingspädagogischen Konzepten, kritisiert Migrationsforscher Philip Anderson.

18.10.2016

Bei der Integration von jugendlichen Geflüchteten wird es nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers Philip Anderson keine "kurzfristigen Erfolge" geben. "Aber wenn wir die Herausforderung als Chance begreifen, sind die Aussichten nicht schlecht, dass es nachhaltig wirkt", sagte der Migrationsforscher im Interview mit der "E&W". 

Eine Verbleibsstatistik gebe es zwar es nicht. "Wir kennen aber große Erfolgsgeschichten ehemaliger Hirtenjungen, die heute bei der Deutschen Bahn lernen oder den Mittleren Schulabschluss haben." Für die meisten gelte allerdings: Wenn die Ausbildung nicht professionell begleitet werde, hielten viele Jugendliche nicht durch.

Zwar stünden viele Ausbilder in kleinen und mittleren Unternehmen geflüchteten jungen Menschen positiv gegenüber und seien bereit, ein Stück weit zusätzliche Unterstützung zu bieten – "aber eben nur ein Stück weit. Betriebe wollen Asylverfahren in der Regel nicht begleiten".

Auch die Berufsschulen empfänden die neuen SchülerInnen oft als zusätzliche Belastung. Sie hofften, dass diese "irgendwie" mitliefen. "Das funktioniert aber so nicht", betonte Anderson. Er fordert Mentoren und Vermittler. "Vor allem fehlt es den Bildungseinrichtungen an neuen kultursensiblen Konzepten – das heißt: Wir brauchen eine regelrechte Flüchtlingspädagogik."

Bayern führte 2011 als erstes Land die Berufsschulpflicht für Flüchtlinge bis zum 21., in begründeten Fällen bis zum 25. Lebensjahr ein. Diese ist unabhängig vom Aufenthaltsstatus, gilt also auch, wenn ein Asylantrag noch nicht anerkannt ist. Mit der Novelle ging die Einführung spezieller Klassen einher. Ab dem Schuljahr 2016/2017 werden in diesen landesweit 22 000 Jugendliche unterrichtet; in berufsvorbereitenden Fächern, aber auch in Deutsch und Ethik.

Das gesamte Interview von Jeannette Goddar ist in der Oktoberausgabe der "E&W" abgedruckt.

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