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ReformenWie weiter mit Bologna?

Der Bologna-Prozess zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraums soll über 2020 hinaus verlängert werden. Das hat die Konferenz der europäischen Wissenschaftsminister im Mai in Paris beschlossen.

11.07.2018 - Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender und Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung der GEW

Ironie der Geschichte: Vor fast genau 50 Jahren erschütterte der „Pariser Mai“ die französische Hauptstadt. Im Zuge der 68er-Revolte gingen erst Studierende, dann auch Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Barrikaden – und stießen, wie auch Bewegungen in anderen Ländern, unter anderem eine Reform der verknöcherten Hochschulsysteme an. Im Mai 2018 saßen bei der Pariser Konferenz Studierende wie selbstverständlich mit am Tisch. Der Vorsitzende der europäischen Dachorganisation der Studierendenvertretung ESU (European Students’ Union), Helge Schwitters, hielt eine starke Rede für studentische Beteiligung und akademische Freiheit – der zeitgleichen Kaffeepause war es geschuldet, dass diese an vielen Ministerinnen und Ministern vorbei ging.

Ein Schwerpunkt des von den Ministerinnen und Ministern verabschiedeten Pariser Kommunikees ist die Qualität von Lehre und Studium. Die Hochschulen im Europäischen Hochschulraum sollen Lehrstrategien erarbeiten sowie innovative Lehr- und Lernmethoden einführen und weiterentwickeln; die Lehrenden sollen besser auf die Herausforderungen in der digitalen Welt vorbereitet werden. Weiter verlangt das Kommunikee die Aufwertung der Lehre in der akademischen Laufbahn und eine Verbesserung der Fort- und Weiterbildung. Damit wurden wichtige Punkte aufgegriffen, für die sich ETUCE stark gemacht hatte. Weitere Forderungen der Bildungsgewerkschaften etwa nach fairen Beschäftigungsbedingungen, verlässlichen Karrierewegen und mehr Dauerstellen für Daueraufgaben gingen nicht ins Kommunikee ein – und bleiben ein Thema für den Follow-up-Prozess zu Paris.

Bekenntnis zu Grundwerten

Das Kommunikee unterstreicht die „Grundwerte“ des Europäischen Hochschulraums, zu denen neben der Hochschulautonomie die Wissenschaftsfreiheit, die Partizipation von Studierenden und Beschäftigten sowie die öffentliche Verantwortung für das Hochschulwesen zählen. Das ist ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der massiv die akademische Freiheit verletzt wird, etwa in der Türkei, wo hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entlassen und zum Teil verhaftet und angeklagt wurden – nur weil sie einen Friedensappell gegen die Gewalt in den Kurdengebieten unterzeichnet hatten. Konkrete Maßnahmen zur Durchsetzung der Grundwerte wurden in Paris allerdings nicht verabschiedet. Lediglich für Weißrussland, das 2015 unter Auflagen in den Europäischen Hochschulraum aufgenommen worden ist, wurde die „Roadmap“ zur Überwachung der Auflagen verlängert.

Wellen hatte im Vorfeld die Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für die Schaffung von 20 bis 30 „europäischen Universitäten“ geschlagen, die durch die Europäische Union (EU) gefördert werden sollen. Anlass war der bevorstehende Brexit und der Wunsch, eine Liga von mit Oxford und Cambridge ebenbürtigen, in internationalen Rankings erfolgreichen Unis vorweisen zu können. Das Kommunikee nimmt positiv Bezug auf die Macron-Initiative, obwohl es für diese nach wie vor kein Konzept gibt. Sollen Hochschulen in den 28 Mitgliedstaaten der EU gefördert werden oder im gesamten Europäischen Hochschulraum, der weitere 20 Länder – auch Großbritannien nach dem Brexit – umfasst? Und soll es um Anreize für innovative Lehre, eine europäische Ausrichtung der Curricula oder um die Förderung von Forschung gehen?

Es fehlen Masterstudienplätze; vielerorts halten Eignungsprüfungen und Numerus clausus Studierende vom Masterstudium ab.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) machte sich in Paris explizit für die Macron-Initiative stark. Sie erhofft sich eine bessere Zusammenarbeit, um die Hochschulen fit für die Herausforderungen der Digitalisierung zu machen. Die GEW warnte gemeinsam mit dem deutschen Dachverband der Studierendenvertretungen fzs vor einer „europäischen Exzellenzinitiative“. Es wäre fatal, wenn sich die in einem Wettbewerb gekürten „europäischen Universitäten“ zwar untereinander die Anerkennung von Abschlüssen und Studienleistungen zusichern und Austauschprogramme organisieren, sich aber gegen alle anderen Hochschulen abschotten. Wir brauchen gute Lehre und gutes Studium in ganz Europa – nicht in einem ausgesuchten Klub von Eliteuniversitäten.

Ein großes Problem bleibt in Deutschland die Studierbarkeit der Bachelor- und Masterstudiengänge und die Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor zum Master. Bund und Länder haben die Bologna-Reformen genutzt, um das Studium zu verkürzen, zu verschulen und zu verdichten. So geht der Hochschulpakt 2020 von einer Übergangsquote von 50 Prozent vom Bachelor- zum Masterstudium aus, tatsächlich aber möchten deutlich mehr Studierende weiterstudieren. Die Folge: Es fehlen Masterstudienplätze; vielerorts halten Eignungsprüfungen und Numerus clausus Studierende vom Masterstudium ab. Fatal ist das insbesondere, wenn der Bachelor nicht wirklich berufsqualifizierend ist, wie es in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Fall ist. Ohne Masterplatz stehen Lehramtsstudierende mit einem halbfertigen Studium auf der Straße. Das ist nicht hinzunehmen, schon gar nicht in Zeiten eines massiven Lehrkräftemangels.

In Paris feierten die europäischen Wissenschaftsministerinnen und -minister den 20. Jahrestag der Sorbonne-Erklärung, eines von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien unterzeichneten Papiers, das den Anstoß für die Verabschiedung der Bologna-Erklärung 1999 gab. Die nächste Ministerkonferenz soll 2020 in Italien stattfinden. Welchen Einfluss die neue rechtspopulistische und europakritische italienische Regierung auf die Tagung nehmen wird, ist offen. Für die GEW steht fest: Der Europäische Hochschulraum hat dann eine Zukunftsperspektive, wenn er die Stärkung der sozialen Dimension, die Verteidigung der akademischen Freiheit und eine aktive Unterstützung der Lehrenden in den Mittelpunkt rückt.

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