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SommertourWie eine Projektwoche eine ganze Schule verändern kann

Auf ihrer bundesweiten Tour "GEW in Bildung unterwegs" hat GEW-Chefin Marlis Tepe mit der baden-württembergischen Landesvorsitzenden Doro Moritz die Bergschule in Hohenhaslach besucht. Dabei staunten beide über die Entwicklung der Schule.

13.07.2018

„Durchgeschwitzt, das Gefühl gehabt zu haben, keinem Kind gerecht geworden zu sein und mich keinen Meter von meinem Tisch vor der Tafel wegbewegt zu haben“, so schildert Kerstin Vollmer ihre Eindrücke nach ihrem Unterricht in ihrem ersten Jahr als Lehrerin an der Grundschule. Die Klassenlehrerin der 3b der Bergschule in Hohenhaslach, einem idyllischen kleinen Ort, umgeben von Weinbergen und Feldern, in der Nähe von Ludwigsburg, war alles andere als zufrieden mit ihrer Arbeit. „Frau Vollmer, ich bin schon fertig – was kann ich als nächstes tun?“, „Frau Vollmer, ich verstehe diese Aufgabe nicht – können Sie mir helfen?“, „Frau Vollmer, der sowieso hat mich geschubst!“ – „Kaum habe ich das Klassenzimmer betreten und mich eingerichtet, standen die ersten Kinder schon bei mir vorne,“ erzählt Vollmer. „Ich bin überhaupt nicht dazu gekommen, mit den Kindern im Kontakt zu sein!“.

Eine Projektwoche in ihrem zweiten Schuljahr an der Bergschule sollte alles auf den Kopf stellen und die Pädagogik der Schule nachhaltig ändern. Ein Buch sollte in dieser Woche besprochen werden und Vollmer nutzte die Chance ihren Unterricht für diese Zeit umzustellen. Sie baute Lernstationen im Klassenzimmer auf, ließ den Kindern die Freiheit, mit welchem Material, sie sich dem Stoff nähern wollten. Es klappte. „Machen wir das jetzt immer so?“, fragten sie die Kinder danach. Die Schülerinnen und Schüler hatten den unbedingten Wunsch, weiter so lernen zu dürfen. Vollmer wurde stutzig. „Das kam für mich zunächst überraschend, aber es hatte so wunderbar gut in dieser Woche funktioniert“. Warum also nicht?

„Heute bin ich nach meinem Arbeitstag auch oft kaputt und verschwitzt, aber mit einem ganz anderen Gefühl als damals.“ (Kerstin Vollmer)

Als Marlis Tepe und Doro Moritz bei ihrem Besuch an der Schule gut sieben Jahre später durch das Klassenzimmer der 3b laufen, findet sie ein Konzept des individuellen Lernens vor, das komplett durchdacht und durchstrukturiert ist. Marlis Tepe, Doro Moritz, die geladenen Kommunalpolitikerinnen und -politiker und selbst die Elternvertreterinnen und -vertreter staunen über die diffizilen Arbeitsmaterialien, über die Lernatmosphäre der Kinder, die sich selbst von dem fast 10-köpfigen Erwachsenen-Besuch nicht stören lassen. Die „Lernregale“ sind gut beschrieben – darin befindet sich vom Solartaschenrechner, über selbstgebastelte Würfel, laminierte Kärtchen, alles erdenklich Kreative – immer verbunden mit einer Lernaufgabe. Die Schülerinnen und Schüler wissen genau wie das funktioniert, wo die Delegation nur staunend davor steht. „Heute bin ich nach meinem Arbeitstag auch oft kaputt und verschwitzt, aber mit einem ganz anderen Gefühl als damals“, lacht Vollmer.

Das Konzept, das Kerstin Vollmer gemeinsam mit Schulleiter Rainer Graef und ihren Kolleg/innen seit besagter Projektwoche entwickelt hat, trägt den etwas sperrigen Titel „Erfolgreiches Lernen in der Grundschule: Wertschätzender Umgang mit den Leistungen der Kinder im Rahmen individualisierter Lernprozesse“. Eckpfeiler des Konzepts ist zum einem die Orientierung für das Kind mittels individueller Lernziele und zum anderen die Leistungsrückmeldungen für die Eltern. Ziel ist es, mit dem Kind gemeinsam zu besprechen, wie es Dinge, die es noch nicht kann, am besten noch angehen kann. In Lernzielen auf Karteikärtchen wird alles gemeinsam festgehalten.

„Die Eltern hatten anfangs sehr viel mehr Schwierigkeiten als ihre Kinder.“ (Rainer Graef)

Marlis Tepe und Doro Moritz sind beeindruckt. Sie fragen nach der Reaktion der Eltern. „Die Eltern hatten anfangs sehr viel mehr Schwierigkeiten als ihre Kinder von ihrer starren Notenvorstellung wegzukommen“, berichtet Graef. Heute, so die Vertreterin der Eltern Stephanie Hummel, sei sie dankbar über die viel differenziertere Rückmeldung zu den Fortschritten ihres Sohnes. „In allen Mitarbeitergesprächen und in der Qualitätsentwicklung im Arbeitsleben wird so gearbeitet.“, ergänzt sie. Für Friedrich Baumgärtner, CDU-Gemeinderat in Hohenhaslach, klingelt der Wecker seit seine Tochter auf dieser Schule ist deutlich früher, obwohl er nur einen Steinwurf entfernt wohnt. Seine Viertklässlerin will unbedingt das Angebot nutzen, möglichst früh in der Schule zu sein und ihre individuelle Lernphase in Ruhe zu beginnen – und vielleicht die beliebte Lehrerin auch für einen Moment für sich alleine zu haben. Sie stellte sich irgendwann einfach früher den Wecker als der Rest der Familie. Um gemeinsam zu frühstücken heißt es nun auch für Friedrich Baumgärtner früher aufstehen. Und das nur, weil seine Tochter unbedingt in die Schule möchte!

„Ein Unterricht und eine Pädagogik wie sie an dieser Schule gestaltet wird – so stellen wir uns die Schule der Zukunft vor“, sagt Marlis Tepe. „Und wir kämpfen weiter dafür, dass diese engagierten Lehrkräfte an den Grundschulen auch entsprechend nach A13 besoldet werden“, ergänzt Doro Moritz.

Ein Mittagessen mit dem gemeinsamen Kollegium der Berg- und der Kirbachschule, zu der auch eine Werkrealschule gehört, rundet den Besuch der Bundesvorsitzenden in Hohenhaslach ab. Mit dem Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg Prof. Martin Fix, Prof. Jörg Keßler, Professor an der PH und Prof. Wolfgang Mack, Dekan der Fakultät für Sonderpädagogik diskutierten Marlis Tepe und Doro Moritz die Studienplatzkapazitäten und die Ausstattung der Pädagogischen Hochschulen am Nachmittag. Tepe und Moritz sagten zu, die PHen in ihrem Wunsch nach mehr Praxis- und Profilforschung zu unterstützen.

„Ich möchte eigentlich etwas tun, aber bei meinen Kolleginnen und Kollegen fehlt oftmals der Mut.“

Bei Kaffee und Kuchen wartete auch schon das nächste intensive Gespräch auf die beiden Vorsitzenden. In einem sehr ehrlichen Austausch berichten GEW-Vertrauensleute aus der Grundschule von ihren Herausforderungen. „Die Probleme den Ganztag zu stemmen und die ständigen Vertretungen – das sind die beiden zentralen Themen“, fassen die Vertrauensleute zusammen. Eine Vertrauensfrau einer kleinen Grundschule erzählt: „Ich möchte eigentlich etwas tun, aber bei meinen Kolleginnen und Kollegen fehlt oftmals der Mut, Dinge anzusprechen, es bleibt beim Schimpfen. Die Kolleginnen und Kollegen haben Angst, benachteiligt zu werden“. Tepe und Marlis geben aus ihrer eigenen Erfahrung heraus lösungsorientierte und hilfreiche Tipps, um einen guten Weg zu finden, mit den Problemen umzugehen. „Gespräche führen und die GEW kontaktieren, wenn ihr euch nicht sicher seid, was man tun kann – das ist aus meiner Sicht der erste Schritt um voran zu kommen“, so Doro Moritz.

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