GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Coronapandemie - eine ZwischenbilanzWG-Zimmer statt Hörsaal

Alle reden über die Folgen der Pandemie für Kleinkinder, Schülerinnen und Schüler. Wie sieht es aber mit den rund drei Millionen Studierenden aus?

15.04.2021 - Verena Kern, stellvertretende Chefredakteurin des Online-Magazins klimareporter°

Zwei Präsentationen an einem Tag, das kann im Studium von Sara Vetter schon mal vorkommen. Die 24-Jährige hat an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin den Studiengang „Erziehung und Bildung in der Kindheit“ belegt. Doch neulich, ausgerechnet an dem Tag mit den zwei Präsentationen, ging das Ladekabel von Saras Laptop kaputt. „Der Akku hatte nur noch 4 Prozent“, sagt sie. „Das hätte nicht gereicht, und ich hätte die Punkte verloren.“

Statt sich auf ihr Studium zu konzentrieren, musste Vetter erst einmal das technische Problem lösen. Zunächst konnte sie sich den Laptop ihrer Mitbewohnerin ausleihen, dann borgte ihr ein Nachbar ein Ladekabel aus. So schaffte sie ihre Präsentationen doch noch in letzter Minute.

„Die Lage ist insbesondere für Studienanfängerinnen und -anfänger schwierig.“ (Deutsches Studentenwerk)

Studieren in Corona-Zeiten, das ist alles andere als einfach. Viele Berichte, Studien und Befragungen aus dem vergangenen Jahr bestätigen dies. „Es ist während der Pandemie nicht einfach, sorgenfrei zu studieren“, heißt es beispielsweise in einer Analyse der FU Berlin im Auftrag der Juso-Hochschulgruppen. „Die Lage ist insbesondere für Studienanfängerinnen und -anfänger schwierig“, erklärt das Deutsche Studentenwerk (DSW). „Die Pandemie ist für die gesamte Gesellschaft eine enorme Belastung“, sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Doch was das für die Studierenden konkret heißt, geben die Berichte nur andeutungsweise wieder. Es bedeutet, dass plötzlich Probleme auftauchen, die die Studierenden kaum bewältigen können. Es bedeutet auch, dass die Ausstattung mit technischen Geräten entscheidend für den Studienerfolg werden kann. „Wenn man keine Nachteile haben will, braucht man einen Computer, der nicht zu alt ist“, sagt Vetter. Und eine gute Internetverbindung, damit man während des Seminars nicht rausfliegt und vieles nicht mehr mitbekommt.

Kein Kontakt zu Mitstudierenden und Lehrenden

Vetter gehört zu denen, die Studieren bislang nur als Online-Studium kennengelernt haben. Sie fing im Sommersemester 2020 an, nachdem sie eine zweijährige Ausbildung zur Sozialassistentin absolviert hatte. Als sie sich an der Alice-Salomon-Hochschule bewarb, entschied sie sich gegen das berufsintegrierende Studium, das auch möglich gewesen wäre, und ganz bewusst für das Präsenzstudium – das Corona nun verhindert. „Es ist traurig, dass das nicht geht“, sagt sie. „Alles, worauf ich mich gefreut habe, fällt weg – Leute kennenlernen, Pausengespräche, auch Partys.“

Die sehr kurzfristige Umstellung auf den digitalen Lehrbetrieb ab dem ersten Lockdown gilt zwar allgemein als relativ gut gelungen. „Nur wenige Studierende berichten, dass Lehrveranstaltungen in großem Umfang ersatzlos ausgefallen sind“, ergab etwa die Online-Befragung „Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie“, die das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Sommersemester 2020 durchgeführt hat. Die zeitliche Flexibilität, die digitale Lehrformate ermöglichen, wird von vielen demnach begrüßt. „Andererseits wird der Kontakt zu Mitstudierenden und Lehrenden vermisst.“

So geht es auch Vetter. Angefreundet hat sie sich bislang nur mit einer Kommilitonin, die sie aber auch fast nur online sieht. Und auf dem Campus ist sie kaum gewesen. Nur in der Bibliothek. „Man muss sich einen Termin buchen und hat dann 50 Minuten Zeit“, sagt sie. „Das reicht eigentlich nicht, wenn man etwas nachschlagen will.“

„Ich sitze mindestens 40 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm.“ (Sara Vetter)

Das Studium findet zu Hause statt. „Mein WG-Zimmer ist jetzt auch mein Arbeitsort.“ Komisch sei das, weil sich alles vermischt. Und auch anstrengend. „Ich sitze mindestens 40 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm.“ Manche Seminare dauern vier Stunden, andere sogar den ganzen Tag, mit mehreren 15-minütigen Pausen dazwischen, nicht lang genug für einen Spaziergang oder um sich etwas zu essen zu kochen.

Schwierig macht Corona auch die Suche nach einem Praktikumsplatz. In Vetters Studium von sieben Semestern sind zwei Praktika von drei Monaten vorgesehen, plus zwei zehntägige sogenannte Berufsfeldtage. Normalerweise würden die Studierenden bei einer Praktikumsstelle zunächst einige Stunden hospitieren, damit man sieht, ob es passt. Das ist derzeit nicht möglich. Alles läuft online ab, es gibt viele Absagen. Die Hochschule hat auf das Problem reagiert und bietet nun die Möglichkeit an, Praxistage auch in den Semesterferien zu absolvieren. Doch damit bleibt den Studierenden weniger Zeit, um auszuspannen. Oder auch, um in den Ferien zu arbeiten und Geld zu verdienen – falls sie überhaupt einen Nebenjob finden.

An den -Hochschulen herrscht jetzt seit einem Jahr Leere. Die Lehre kommt durch das Angebot digitale Lernformate zwar nicht zu kurz, ein vollwertiger Ersatz für ein Präsenzstudium ist das aber nicht. Den Studierenden fehlen vor allem die sozialen Kontakte. (Foto: mauritius images/Olaf Doering/Alamy)

Steigende soziale Ungleichheit

„Zwei Drittel der Studierenden sind auf Nebenjobs angewiesen“, sagt Andreas Keller, GEW-Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung. Sehr viele haben durch Corona ihre Jobs verloren, etwa in der Gastronomie. „Teilweise ist das ganz dramatisch.“ Wie viele genau es sind, ist unklar. Im vergangenen Frühjahr machte die Zahl von 750.000 Studierenden, die ihre Jobs verloren haben, Schlagzeilen. Die DZHW-Umfrage ergab, dass 40 Prozent der erwerbstätigen Studierenden entlassen oder unbezahlt freigestellt wurden oder von Arbeitszeitreduzierungen betroffen waren.

„Manche jobbenden Studierenden haben alternative Erwerbsmöglichkeiten gefunden, zum Beispiel im Einzelhandel oder bei Lieferdiensten“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des DSW, auf Nachfrage. „Insgesamt trifft die Pandemie Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien wirtschaftlich härter“, sagt er. „Das bereitet uns Sorgen.“ Diese Studierenden denken auch häufiger über einen Studienabbruch nach, während dies bei ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen aus Akademiker-Familien kaum vorkommt. Hier kompensieren oft die Eltern die Verdienstausfälle mit höheren Unterstützungsleistungen. Corona verschärft so die soziale Ungleichheit.

„Die Umsetzung ist zu bürokratisch.“ (Andreas Keller)

Zwar hat die Bundesregierung nach einigem Zögern Überbrückungshilfen zugesagt. Ministerin Karliczek betont, die Hilfen würden „nahtlos auch über das gesamte Sommersemester 2021“ angeboten. Doch hört man sich bei Studierenden um, ist die Unzufriedenheit groß. Auf Kritik stößt vor allem, dass die Hilfen jeden Monat neu beantragt werden müssen. Und dass die Maximalsumme von 500 Euro nur gezahlt wird, wenn das Konto komplett leer ist. „Die Umsetzung ist zu bürokratisch“, kritisiert auch GEW-Vorstand Keller.

„Um angesichts entfallender Jobs Kosten zu sparen, sind während der Pandemie bis zu 20 Prozent der Studierenden ins Elternhaus gezogen oder gleich zu Hause geblieben“, sagt Meyer auf der Heyde. „In einer Phase, in der es um mehr Selbstständigkeit geht, halte ich dies jugendpolitisch für hochproblematisch.“ Das DSW fordert deshalb eine Reform der staatlichen Studienfinanzierung, um den Studierenden in dauerhaft prekärer Lage zu helfen.

„Es macht mir Sorgen, dass ich vielleicht nur zwei Präsenzsemester haben werde.“

Wie viele Studierende genau betroffen sind und was die lange andauernde Corona-Krise mit ihnen macht, wird die nächste DSW-Sozialerhebung zeigen. Die Befragung startet im Mai und nimmt damit nicht nur das Sommersemester 2020 in den Blick, wie die meisten bisherigen Untersuchungen. Die Ergebnisse dürften aber frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2022 vorliegen.

„Es macht mir Sorgen, dass ich vielleicht nur zwei Präsenzsemester haben werde“, sagt Vetter. Dass die Hochschulen in den Normalbetrieb zurückgehen, zeichnet sich nicht ab. „Dabei ist gerade bei uns in den sozialen Berufen, in denen man mit Menschen arbeitet, die Interaktion so wichtig“, sagt sie. „Das kommt im Moment viel zu kurz.“ Dass Friseure wieder öffnen dürfen, sie aber zu Hause sitzen muss, versteht sie nicht. „Was für ein Bild wird da vermittelt?“, fragt sie. „Wird Bildung nicht wichtig genommen?“