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AlphabetisierungWerke, die eine Brücke bauen

Mehr als 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können zwar einzelne Buchstaben erkennen und Wörter lesen, doch Sinnzusammenhänge zu erschließen, gelingt ihnen zumeist nicht.

17.09.2021 - Interview: Stephan Lüke, freier Journalist

Der Verlag Spaß am Lesen möchte durch Lektüre in einfacher Sprache dazu beitragen, diese Menschen zum Lesen zu ermuntern und Freude an Büchern zu entwickeln. Ein Gespräch mit Sönke Stiller, Büroleiter des in Münster ansässigen Verlages.

  • E&W: Die LEO-Studie 2018 „Leben mit geringer Literalität“* offenbart erschreckend hohe Werte: Welche Personengruppen der untersuchten 16- bis 65-Jährigen sind davon betroffen, nicht ausreichend gut lesen zu können?

Sönke Stiller: Pauschal kann man das nicht beantworten. Da sind diejenigen, die früher als funktionale Analphabeten bezeichnet und heute gering literalisierte Menschen genannt werden, da sind von Legasthenie Betroffene, Einwandererinnen und Einwanderer mit geringen Deutschkenntnissen, Menschen mit niedrigem Bildungsgrad oder auch Personen, die beispielsweise nach einem Schlaganfall das Lesen wieder mühsam lernen müssen.

  • E&W: Ihnen allen können die Bücher Ihres Verlages helfen?

Stiller: Alleine sicher nicht. Unsere Werke können eine Brücke bauen. Sie können neugierig machen. Im Zusammenwirken mit anderen Fördermaßnahmen der Erwachsenenbildung, die sich je nach Ursache für die geringe Literalität unterscheiden, entfalten sie ihre Wirkung. Wir müssen unterscheiden: Beherrscht jemand das Lesen in seiner Muttersprache gut, hat aber mit deutschen Texten Probleme? Hat jemand aus neurologischen Gründen Schwierigkeiten mit der Schrift? Oder gab es Brüche in der Bildungsbiografie? Die Bedürfnisse sind im Detail unterschiedlich. Trotzdem ist eine einfache, klare Sprache für sie alle hilfreich. Und um es gleich vorwegzunehmen: Bei unseren Büchern streben wir eine hierauf gerichtete stärkere Differenzierung an.

  • E&W: Was kennzeichnet einfache Sprache?

Stiller: Bislang existieren dazu keine einheitlichen Vorgaben. Ich wünsche mir, dass es eines Tages einen Studiengang mit klaren inhaltlichen Standards gibt. Der Verlag hat interne Richtlinien. Darin stehen Dinge wie: kurze Sätze, aktiv formulieren, schwierige Begriffe meiden oder notfalls erklären. Letztlich geht es aber nicht um einzelne Regeln, sondern darum, den inhaltlichen Kern zu erkennen und verständlich wiederzugeben.

  • E&W: Wie muss ich mir die Buchentwicklung vorstellen – werden Titel möglichst eins zu eins übersetzt?

Stiller: Drei Wege führen zum Buch in einfacher Sprache. Erstens: Unsere Autorinnen und Autoren schreiben ihre Geschichten in einfacher Sprache. Zweiter Weg: Wir übersetzen Werke unserer Partnerverlage in den Niederlanden und Großbritannien in einfache deutsche Sprache. Drittens: Lizenztitel werden entsprechend umgeschrieben. Das geschieht nicht eins zu eins. Die wesentliche Handlung bleibt jedoch erhalten. Grundsätzlich bemühen wir uns, den Sprachstil, also beispielsweise frech und jung im Jugendroman Tschick, beizubehalten. Das Werk richtet sich stark an die junge Generation, die bei LEO gar nicht unter die Lupe genommen wurde. Aber das Prinzip ist bei den Büchern für alle Altersgruppen dasselbe.

  • E&W: Wie erreichen Sie die Zielgruppe?

Stiller: Das ist genau die zentrale Frage. Gering Literalisierte gehen eher nicht in Buchhandlungen und Bibliotheken. Wir sind auf Multiplikatorinnen und Multiplikatoren angewiesen. Auf solche, die Menschen mit geringer Literalität ansprechen, wenn diese an einem Punkt angekommen sind, an dem sie sich selbst sagen, so geht es nicht weiter. Viele spüren irgendwann, wie sie darunter leiden, nicht vollständig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, wie sie dadurch isoliert werden, weil sie an den kleinsten Dingen des täglichen Lebens zu scheitern drohen. Stellen Sie sich vor, Sie können den Busfahrplan nicht lesen oder müssen schweigen, wenn sich andere über Inhalte von Texten in Medien austauschen …

  • E&W: … und im Zweifelsfall keinen Job finden.

Stiller: Ja, das ist eine gravierende Folge. Die Betroffenen können nur Aufgaben übernehmen, bei denen sie nicht lesen müssen. Solche Arbeit wird immer seltener. Und dann handelt es sich oft um prekäre Jobs. Das hat für die Einzelnen persönliche Konsequenzen, aber auch für das Land. Wir verschenken Ressourcen, und das wird teuer.

  • E&W: Wer trägt dafür Verantwortung, dass diese Menschen zu wenig Unterstützung erhalten?

Stiller: Mit Schuldzuweisungen sollte man vorsichtig sein. Es wäre beispielsweise völlig falsch, generell den Schulen die Verantwortung zuzuschreiben, schließlich gibt es auch Ursachen jenseits des Bildungsweges. Wichtig ist der erste Schritt: Das Problem muss erkannt werden. In der Familie und der Schule. Es gibt mit Blick auf die Schule eine positive Tendenz. Der Anteil der Jüngeren, die als gering literalisiert gelten, sinkt. Man könnte daraus schließen, dass die individuelle Leseförderung Erfolge zeigt.

  • E&W: So wird dann also alles besser?

Stiller: Nicht von allein, es braucht eine gemeinsame Anstrengung von vielen Seiten: Politik, Schulen, Eltern, Verlagen wie uns. Wir sehen gewisse Erfolge, und die sollte man auch benennen. Beispielsweise steigt die Nachfrage der Schulen nach unseren Büchern. So, dass wir von der ursprünglichen Konzentration auf Erwachsene als Zielgruppe abgewichen sind und immer mehr Literatur für Jüngere veröffentlichen. Damit meine ich zum einen Jugendbücher wie Erebos oder unsere bildreiche und lebensnahe „Schnappschuss“-Reihe. Und zum anderen Bücher, die ihren Platz in der Schule schon längst haben und die wir auf einem einfacheren Sprachniveau anbieten. Etwa „Im Westen nichts Neues“ oder „Die Welle“ in einfacher Sprache.

  • E&W: Was bewirken die Bücher Ihres Verlags?

Stiller: Die Werke sind im Wesentlichen Erzählungen und Romane und keine Sachbücher. Diese sind spannend und interessant, fesseln im optimalen Fall die Leserschaft so, dass sie sich durch das Buch kämpfen. Wir nennen das Lesekilometer, die zurückgelegt werden. Plötzlich entstehen auch bei ungeübten Leserinnen und Lesern Bilder im Kopf. Etwas, was sie früher nicht kannten. Das weckt Freude am Lesen und wirkt extrem motivierend. Ich kenne Fälle, in denen Betroffene ein Buch erst in einfacher Sprache gelesen und schließlich zum Original gegriffen haben, um sich auch dort hindurch zu arbeiten. Das ist natürlich das Optimum. Wir sind uns bewusst, dass jeder Förderung Grenzen gesetzt sind, beispielsweise wenn neurologische Gründe die Ursache sind. Aber viele andere Menschen können lesen lernen, egal in welchem Lebensalter. Die wollen wir unterstützen.