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Zum Mord an Samuel Paty„Wer Lehrkräfte angreift, attackiert die Republik“

Am 16. Oktober wurde in der Nähe von Paris der Lehrer Samuel Paty ermordet. Zu den Angriffen radikaler Islamisten gegen Lehrkräfte, die Schule und den Laizismus befragte E&W in Paris die Sprecherin der Gewerkschaft SNES-FSU, Odile Cordelier.

 

07.12.2020 - Interview: Ralf Klingsieck, freier Journalist in Paris

Am 16. Oktober wurde in der 50 Kilometer nordwestlich von Paris gelegenen Stadt Conflans-Sainte-Honorine der Lehrer Samuel Paty unweit seiner Schule auf dem Heimweg ermordet. Der Täter, ein 18-jähriger Islamist, erklärte in einem Bekennervideo, er habe sich für die Beleidigung seines Gottes und aller Muslime gerächt. Paty hatte Tage zuvor im Unterricht anhand der Mohammed-Karikaturen der Zeitschrift Charlie Hebdo das Thema Meinungsfreiheit behandelt, wobei er muslimischen Schülerinnen und Schülern anbot, zuvor das Klassenzimmer zu verlassen. Zu den Angriffen radikaler Islamisten gegen Lehrkräfte, die Schule und den Laizismus befragte E&W in Paris die Sprecherin der Lehrergewerkschaft SNES-FSU, Odile Cordelier.

  • E&W: Wie haben die Lehrkräfte auf die Ermordung ihres Kollegen Samuel Paty reagiert? Haben sie mit so etwas gerechnet?

Odile Cordelier: Die gesamte Schulgemeinschaft, die mehr als nur die Lehrkräfte umfasst, hat mit Entsetzen auf diesen niederträchtigen Mord reagiert – und darüber hinaus die ganze Bevölkerung. Mit so etwas hatte niemand gerechnet – auch wenn es nicht an Angriffen fehlte, aber die kamen meist von Schülern, gelegentlich auch von Eltern, und blieben verbaler Art. Wie sollte man sich vorstellen, dass eine Lehrkraft für das ermordet wird, was ihre Aufgabe ist: unterrichten.

  • E&W: Sind die Lehrkräfte durch ihre Aus- und Weiterbildung auf eine solche Situation vorbereitet?

Cordelier: Seit Anfang September in Paris der Prozess gegen Helfer des Mordanschlags vom Januar 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo begann, waren eine angespannte Atmosphäre und eine gewisse Besorgnis zu verspüren. Immerhin hatte das Innenministerium eine erhöhte Gefährdungsstufe verkündet und den Prozessort massiv durch Polizei abgesichert. So etwas wirkt sich natürlich auf die Bevölkerung aus und nicht zuletzt auf die Lehrkräfte. Die wissen, dass sie bei der Verteidigung der Werte der Republik an vorderster Front stehen. Aber Furcht haben heute eher die Familien, die sich um ihre Kinder sorgen. Seit den Mordanschlägen von 2015 wissen wir, dass die Schule sowie Pädagoginnen und Pädagogen zu den wichtigsten Zielen der Dschihadisten gehören. Seitdem gibt es an den Schulen Sicherheitsvorkehrungen sowie Pläne, Weisungen und Übungen, wie man sich im Fall eines tätlichen Angriffs zu verhalten hat. In der Ausbildung und auch in der Fortbildung werden diese Probleme erwähnt, aber nur kurz und nicht gründlich.

  • E&W: Bislang waren diese Angriffe ja fast immer verbaler Art. Fühlen Sie sich im ideologischen Fadenkreuz der Islamisten?

Cordelier: Für uns gehört die Laizität, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, die den radikalen Eiferern ein Dorn im Auge ist, zu den Fundamenten unserer Arbeit. Wir machen bei den Schülerinnen und Schülern keinen Unterschied zwischen Muslimen, Christen, Juden und anderen Religionsgemeinschaften oder Atheisten. Das hat für uns keine Rolle zu spielen, und danach dürfen wir auch nicht fragen. Aufgrund mancher Meinungsäußerung ahnen wir natürlich oft, woher die Schüler stammen und welcher Religion sie angehören, aber das ist für uns kein Thema. Darauf gehen wir bei Diskussionen nicht ein. Das gehört zu den Grundsätzen der Laizität. Darum gibt es beispielsweise auch keine Statistiken über Religionen oder ethnische Herkunft. Die Republik kennt nur Französinnen und Franzosen.

  • E&W: Wie bewerten Sie die Angriffe auf Lehrkräfte, die Schule und den Laizismus?

Cordelier: Wir vermitteln unseren Schülerinnen und Schülern, egal welcher sozialökonomischen Herkunft sie sind, vor allem Wissen, aber wir helfen ihnen zugleich, sich auf ihre Rolle als Staatsbürgerinnen und -bürger und auf ihr Berufsleben vorzubereiten. Dabei herrscht absolute Glaubens- und Meinungsfreiheit. Zur Formung eines aufgeklärten Geistes gehören die Debatte und die Toleranz gegenüber anderen Meinungen. Das ist die Rolle der öffentlichen Schule. Wer eine Lehrkraft und damit das Schulwesen angreift, attackiert die Republik. Die Schülerinnen und Schüler begreifen das sehr wohl. Für sie sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konkrete Werte. Probleme gibt es eigentlich nur mit den wenigen, die das nicht verstehen oder die durch ihre Eltern oder andere Leute negativ beeinflusst werden.

  • E&W: Welche Formen nehmen Angriffe des radikalen Islamismus gegen die Schule und den Laizismus an?

Cordelier: Von ihrem Wesen her ist die öffentliche Schule ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit oft ganz unterschiedlicher Herkunft, Überzeugung oder sozialökonomischem Status zusammenkommen. Da bleibt es nicht aus, dass es im Zusammenhang mit dem Glauben hie und da Probleme gibt. Ein Beispiel: Als nach dem Mordanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 an allen Schulen Frankreichs eine Schweigeminute eingelegt wurde, kam es an manchen Einrichtungen zu lautstarken Protesten und Provokationen. Das ging bis zur Äußerung, dass die Redakteure und Zeichner den Tod verdient hätten, weil sie mit ihren Karikaturen Mohammed beleidigt hätten. Mit solchen Fällen musste man sich auseinandersetzen. Später bei den Schweigeminuten zum Gedenken an die Opfer des Attentats vom November 2015 und jetzt nach dem Mord an Samuel Paty gab es dank besserer Vorbereitung durch die Lehrerinnen und Lehrer deutlich weniger Zwischenfälle.

  • E&W: Sind mit solchen Problemen alle Lehrkräfte konfrontiert? Wie werden sie von ihren Schulleitungen unterstützt?

Cordelier: Mit Angriffen auf die Laizität haben vor allem die Geschichts- und Geografielehrer zu tun, die auch das Fach Moral und Staatsbürgerkunde unterrichten. Gelegentlich gibt es auch in naturwissenschaftlichen oder anderen Fächern Zwischenfälle, wenn Inhalte in Frage gestellt werden, zum Beispiel die Darwinsche Evolutionstheorie. So etwas kommt aber mehr an Grundschulen vor als an Gymnasien. Mit dem Kopftuch, um das vor 20 Jahren heiß gestritten wurde und das seitdem als demonstratives Zeichen einer Religionszugehörigkeit an den Schulen verboten ist, haben wir heute keine Probleme mehr. Es gibt aber Versuche von Mädchen, nicht am Sport- oder Schwimmunterricht teilzunehmen, um sich nicht in „unzüchtiger“ Bekleidung zu zeigen. Den Schülerinnen und Schülern wird von den Lehrkräften meist schnell klar gemacht, dass alle den gleichen Unterricht bekommen und in ihrem eigenen Interesse keine Ausnahmen gemacht werden. Nur wenn es dabei keine Einsicht gibt, werden die Eltern von der Schulleitung vorgeladen. Von diesen geht ja meist auch der Druck aus. Das Problem wird mit ihnen diskutiert und zumeist beigelegt.

  • E&W: Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt fest, dass an Schulen mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft die besten Leistungen erzielt werden. Wie steht es damit in Frankreich?

Cordelier: Ethnische Mischung ist kein Thema, weil ja eine Unterscheidung nach Herkunft durch den Laizismus verboten ist, aber soziale Mischung ist ein großes Problem. Besonders gilt das für Sozialwohnsiedlungen am Rande der Großstädte oder in ärmeren Stadtvierteln, wo sich überdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler aus sozial schwierigen Verhältnissen konzentrieren. Dass Präsident Nicolas Sarkozy 2008 die Schulkarten „liberalisiert“ hat, war ein Drama. Früher legte die Wohnadresse fest, in welche Schule seines Viertels man zu gehen hat. Das wurde zwar auch gelegentlich umgangen, beispielsweise durch die Anmeldung mit der Adresse von Verwandten oder Freunden, um so an ein bekanntermaßen gutes Gymnasium zu kommen, aber das hielt sich in Grenzen. Doch seit der Freigabe konzentrieren sich Kinder bürgerlicher Familien in angesehenen Gymnasien und benachteiligte Kinder aus sozialökonomisch schwierigen Familien in anderen Schulen. Dort sind aber die Bedingungen schlechter und damit auch die Zukunftsaussichten der Schülerinnen und Schüler. Dabei setzen gerade solche Familien oft sehr große Hoffnungen in die öffentliche Schule, damit diese ihre Kinder befähigt, das Beste aus sich zu machen und sich über ihre Herkunft hinauszuheben.