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Alltagserfahrungen von Frauen„Wer kümmert sich um was?“

Alleinerziehend, mit Frau oder Mann und Kindern – wenn sich Frauen für eine Familie entscheiden, sind Flexibilität, Pragmatismus, gutes Zeitmanagement, viel Arbeit und Unterstützung gefragt. Und eine hohe Frusttoleranz.

11.03.2019

  • „Sie sind ja keine Familie!“

Ramona Lenz, 43, Fachreferentin für Flucht und Migration bei medico international. Sie lebt mit ihrer Tochter Karla, 6, in Frankfurt am Main.

„Alleinerziehend war ich von Anfang an. Deswegen bekam meine Tochter mehrere Patinnen und Paten. Es sollten noch andere Bezugspersonen für sie da sein. Das sind sie, doch leider haben sie oft keine Zeit. Verwandte in der Nähe, die mal in Notlagen einspringen? Habe ich nicht. Großeltern? Die wohnen zu weit weg, in einem mittelhessischen Dorf, und sind zu alt, mich zu unterstützen.

Manchmal will ich nichts lieber als mal eine Stunde ohne Kind sein. Aber einen Babysitter bezahlen? Das überlege ich mir gut. Zehn, zwölf Euro pro Stunde sind nicht wenig. Wenn ich abends mal weggehe, kostet das schnell 40 bis 50 Euro. Und auf Karlas Vater kann ich nicht zurückgreifen, er lebt in Berlin. Manchmal besuchen wir ihn.

In der Schwangerschaft habe ich mich oft gefragt: ,Darf ich dem Kind einen Alltag ohne Vater zumuten?‘ Sobald Karla auf der Welt war, waren die Zweifel vorbei. Ich habe mich nur gefreut, dass sie da ist. Für mich ist es auch keine Katastrophe, alles allein entscheiden zu müssen. Über Fragen, wer übernimmt was, wer ist wann für was zuständig, muss ich mich nicht streiten. Doch es gab und gibt schwierige Momente. Als Karla mit zwei Jahren an Lungenentzündung erkrankte, war ich mit allem allein. Das war hart. Und als ich selbst einmal etwas länger krank wurde – Karla war noch ein Baby –, war ich am Rande meiner Kräfte.

‘Nicht vorüber geht die Angst vor einem möglichen Absturz – durch Krankheit oder Jobverlust.’

Doch das ging vorüber. Nicht vorüber geht die Angst vor einem möglichen Absturz – durch Krankheit oder Jobverlust. Dabei bin ich in keiner prekären Lage, mache eine interessante, ordentlich bezahlte Arbeit, wohne in einer geräumigen Altbauwohnung im Frankfurter Nordend. 800 Euro Warmmiete sind supergünstig für die teure Bankenstadt, aber nicht wenig, wenn man 2.000 Euro netto verdient. Deswegen umziehen? In eine WG? Wäre nicht schlecht. Aber wer in Frankfurt eine preiswerte Wohnung hat, gibt die nicht ohne weiteres auf.

Als Karla ein Kleinkind war, habe ich nur 25 Stunden gearbeitet, mittlerweile sind es 32 Stunden pro Woche, phasenweise mehr. Meine Arbeitszeiten sind zum Glück flexibel, ich kann abends zu Hause noch etwas tun. Generell allerdings müsste Familienzeit im Arbeitsleben stärker berücksichtigt werden. Das schadet dem Job nicht. Seit meine Tochter da ist, leiste ich nicht weniger als vorher, bin vielleicht sogar effizienter.

Mit den Kitas hatten wir immer großes Glück. Karla ist jetzt in einem evangelischen Kindergarten, in der Nähe unserer Wohnung. Wenn ich kurz vor 17 Uhr komme oder mal ein paar Minuten später, macht mir niemand Vorwürfe. Das macht vieles leichter.

Freitags ist mein freier Tag, den nutze ich für mich, gehe ins Café, zum Sport, erledige Sachen. Manches ärgert mich als Alleinerziehende. Zum Beispiel, dass es im Turnverein keinen Familientarif für Alleinerziehende gibt. Wenn ich nachfrage, heißt es: ,Sie sind ja keine Familie!‘“

Aufgezeichnet von Helga Haas-Rietschel, Redakteurin der „Erziehung und Wissenschaft“

  • „Kinderbetreuung verteilen“

Anya Grünewald, 52, Herstellungs-leiterin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, lebt mit ihrer Frau Lena Hatebur, 36, und Tochter Lovis, 2, in Werder/Brandenburg. Auch der biologische Vater Matthias Hofmann, 36, ist regelmäßig präsent.

„Ich habe zum Ende der Elternzeit eine familienbedingte Arbeitszeitverkürzung beantragt; als Mitarbeiterin einer familienfreundlichen Hochschule habe ich darauf Anspruch. Einen Kita-Platz zu bekommen, hat sich als ungeheuer schwierig herausgestellt: Wo wir leben, in Werder an der Havel, war nichts zu machen. Seit Jahren entstehen dort neue Wohngebiete; daran, Kitas und Schulen mitzuplanen, wurde lange viel zu wenig gedacht. So etwas muss zur Stadtplanung dazugehören – Menschen brauchen mehr als nur Wohnraum.

Bekommen haben wir einen Platz, als es höchste Zeit wurde, dank einer Kooperationsvereinbarung meiner Hochschule mit einer Kita. Vier Monate habe ich unsere Tochter nach Potsdam mitgenommen, vor der Arbeit abgegeben und danach abgeholt. Das war für niemanden optimal: für die Kleine nicht, die zusätzlich zu sieben Stunden in der Kita noch zwei im Auto sitzen musste; für mich nicht, weil es meinen Arbeitstag unflexibel machte; für die Familie nicht, weil meine Frau und ich uns die Kinderbetreuung 50:50 teilen wollen.

Bevor wir einen Kita-Platz in Werder bekamen, gab es noch eine Phase bei einer Tagesmutter. Damit hat unsere Tochter im Alter zwischen ein und zwei Jahren drei Einrichtungen besucht. Im Grunde ist so etwas eine Zumutung, an erster Stelle für das Kind, aber auch für die Eltern wegen der jeweils wochenlangen Eingewöhnungsphase.

‘Die Reduzierung von 40 auf 30 Stunden läuft stärker auf weniger Geld hinaus als auf weniger Arbeit.’

Heute teilen wir vier Tage in der Woche so auf, dass es mit unseren jeweiligen Terminen passt. Den fünften Tag, manchmal auch den Samstag, übernimmt der in Berlin lebende Vater, der dann oft auch bei uns übernachtet. Meine Frau und ich sind die Sorgeberechtigten – ich habe unsere Tochter adoptiert –, der biologische Vater ist zusätzlich präsent. Neben allen anderen Vorteilen ist natürlich toll, dass wir die Kinderbetreuung auf mehr Schultern verteilen können. Großeltern in der Nähe haben wir nicht.

Dennoch erlebe ich die Vereinbarkeit als Herausforderung: Die Reduzierung von 40 auf 30 Stunden läuft stärker auf „weniger Geld“ hinaus als auf „weniger Arbeit“. Früher konnte ich manche Themen „vordenken“, indem ich auch mal zehn Stunden gearbeitet habe, heute muss ich häufiger Dinge aufholen. Auch Termine werden immer wieder so angesetzt, dass ich nicht teilnehmen kann. An Tagen, an denen im Familienkalender steht, dass ich unsere Tochter abhole, muss ich um 15 Uhr gehen, damit ich um 16 Uhr in der Kita bin. Vereinbart sind acht Stunden Betreuungszeit. Mehr könnten wir uns bis maximal 17 Uhr zwar „erkaufen“, auch spontan. Das wollen wir aber nicht – die Kleine ist jetzt zweieinhalb, da sind acht Stunden eine lange Zeit.

Außerdem gilt, bei allem Lamento: Ich verbringe unheimlich gern Zeit mit unserer Tochter. Und ich finde, wir leben ein ideales Modell: Meine Frau und ich entwickeln uns beruflich weiter – und wir verbringen beide qualitativ hochwertige Zeit mit unserer Tochter.“

Aufgezeichnet von Jeannette Goddar, freie Journalistin

  • „Kita ist eine Befreiung“

Vanessa Enriquez, 45, ist Künstlerin und Grafikerin. Sie lebt mit Mann Paul, 38, und Sohn André, 6, in Berlin.

„Vor zehn Jahren bin ich aus Mexiko-Stadt nach Berlin gekommen, verliebt in diese Stadt und ihre wilden Freiheiten. Einen Monat später lernte ich Paul in einer Kreuzberger Bar kennen – mein Mann fürs Leben. Aber Kinder? Wir konnten uns das erst noch nicht vorstellen. Er war damals 27, acht Jahre jünger als ich. Als Freunde und Geschwister Kinder bekamen, wuchs Pauls Lust auf eigenen Nachwuchs. 2013 kam André zur Welt.

Wer kümmert sich um was? Wir haben keine großen Pläne gemacht. Nur eines war von Anfang an klar: Den Löwenanteil würde erst mal ich übernehmen. Als freiberufliche Künstlerin und Grafikerin bin ich flexibel. Paul hat einen festen Job als Architekt. Also nahm ich nach der Geburt ein Jahr Elternzeit, währenddessen bekam ich Geld von der Künstlersozialkasse. Spazierengehen, Spielplätze, Babyschwimmen – es war eine schöne Zeit. Wenn André schlief, habe ich ein wenig gearbeitet. Ich wollte mich künstlerisch weiterentwickeln und die Verbindung zu meinen Kunden nicht verlieren. Mit einem Jahr kam unser Sohn in die Krippe, der Kontakt zu anderen Kindern war uns wichtig. Heute geht er von 9 bis 16 Uhr in die Kita, Paul bringt ihn hin, ich hole ihn ab.

‘Ich arbeite 40, 50 Stunden in der Woche. Weniger kommt für mich nicht in Frage. Wir brauchen das Geld.’

Die Kita ist eine Befreiung. Ich kann endlich mehr arbeiten. Ich gehe so viel wie möglich ins Atelier, von meiner Kunst möchte ich mal leben können. Zum Glück habe ich im vergangenen Jahr ein Stipendium bekommen, sodass ich mich jetzt mehr auf meine Kunstwerke konzentrieren kann. Trotz Kita ist mein Alltag oft hektisch. Schnell einkaufen, Haushalt, ins Atelier, schnell an den Computer, Publikationen und Websites gestalten, André abholen, kochen. Paul übernimmt so viel es geht: Wäsche waschen, kochen, mal einkaufen, aber er ist eben von 9 bis 18 Uhr im Büro. Oft bleibt mir nichts anderes übrig, als mich abends noch mal für Entwürfe an den Computer zu setzen oder ins Atelier zu gehen. Wenn ich wichtige Kunstausstellungen habe, nimmt sich Paul auch mal frei. Ich arbeite 40, 50 Stunden in der Woche. Weniger kommt für mich nicht in Frage. Wir brauchen das Geld. Und die Kunst zurückfahren? Ausgeschlossen!

Im August kommt André in die Schule. Die Ganztagsschule geht zum Glück bis 16 Uhr. Trotzdem ist nicht alles möglich. Ich würde gern häufiger Vernissagen besuchen, als Künstlerin ist das wichtig. Aber Paul kommt meist zu spät aus dem Büro, und einen Babysitter können wir uns nur manchmal leisten. Andererseits will ich auch Zeit für mein Kind haben. Es ist eine Entscheidung. Ich denke, man ist nicht weniger erfolgreich als Künstlerin – zwei meiner Lieblingskünstlerinnen machen es vor: Julie Mehretu und Teresita Fernández sind sowohl erfolgreiche Künstlerinnen als auch Mütter.

Samstags ist Papa-Tag. Im Moment gehen die beiden am Liebsten in die Skatehalle. Ich habe etwas Zeit für mich, zum Beispiel für Yoga. Um 17 Uhr stoße ich meist zu den Jungs. Dann ist Familienzeit.“

Aufgezeichnet von Anja Dilk, freie Journalistin

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