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Wenn Protest etwas bewirkt

In Burkina Faso haben die Regierung und der Dachverband der 15 Lehrkräftegewerkschaften am 27. Januar 2018 ein Abkommen unterschrieben, das die Arbeitsbedingungen im Bildungswesen verbessern soll.

07.05.2018 - Samuel Grumiau, Fachberater der Bildungsinternationale

„Für Lehrkräfte in Burkina Faso sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen sehr schwierig“, sagt Souleymane Badiel und nennt als Beispiel, dass Klassen mit mehr als 100, gelegentlich sogar über 200 Schülerinnen und Schülern keine Seltenheit seien. Der Generalsekretär des Verbandes der Nationalen Gewerkschaften der Beschäftigten in Bildung und Forschung (F-SYNTER) sorgt sich auch um das Ansehen des Berufs in seinem Lande. Ein Lehrkräftegehalt sei zum Leben zu wenig, sagt Badiel. So stehe das Lehramt mittlerweile in dem Ruf, nur noch für jene attraktiv zu sein, die sonst gar nichts mehr werden könnten.

Das Bildungsministerium in der Hauptstadt Ouagadougou stellte sich im vorigen Jahr monatelang taub, als die Gewerkschaften über diese und andere Themen ins Gespräch zu kommen suchten. Als sich zu Beginn des neuen Schuljahres im Herbst noch nichts bewegt hatte, und die Regierung den Gewerkschaften obendrein eine Demonstration am 5. Oktober, dem Welttag der Lehrkräfte, verbot, wechselten diese in eine schärfere Gangart. Die 15 in der Koordination der Bildungsgewerkschaften Burkina Fasos (Coordination nationale des syndicats de l´éducation, kurz CNSE) zusammengeschlossenen Organisationen einigten sich auf ein gemeinsames Aktionsprogramm. Protestmärsche, kurzzeitige Arbeitsniederlegungen, Sitzstreiks in den Schulen, schließlich ein Benotungsstreik ließen die Regierung mürbe werden.

Dabei war den Gewerkschaften nach Badiels Worten daran gelegen, nicht allein berufsständische Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten, sondern zugleich Forderungen zu formulieren, die auf eine bessere Qualität des Unterrichts und einen breiteren Bildungszugang zielten. Sehr bewusst verzichteten sie auch auf lang anhaltende Streiks, die den Unterricht zum Erliegen gebracht sowie Sympathie und Verständnis in der Bevölkerung gefährdet hätten. Am 27. Januar schließlich stimmte die Regierung einer Vereinbarung zu. Unter anderem sollen staatliche Stipendien für Schülerinnen und Schüler aller Stufen, die im Zuge von Sparmaßnahmen abgeschafft worden waren, wieder eingeführt werden. Für dieses Jahr seien bereits 1.800 Stipendien bewilligt, sagt Badiel.

Mehr Bildung für Mädchen

Vereinbart ist auch, die in der Vergangenheit im ganzen Land abgeschafften staatlichen Internate in allen 45 Provinzhauptstädten wieder einzurichten. Nach Badiels Worten ist dies von großer Bedeutung, um Mädchen aus ländlichen Regionen den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen. In den Dörfern gibt es in der Regel lediglich Grundschulen; öffentliche Verkehrsmittel in nahegelegene Städte sind nur unzureichend verfügbar. Viele Eltern scheuen sich aber, ihre Töchter in die Stadt ziehen zu lassen, wenn sie dort nicht sicher, also in einem überwachten Internat, untergebracht sind.

Bis 2021 soll zudem jede Schule in Burkina Faso ein warmes Mittagessen anbieten können. Dies werde zahlreiche Kinder, die dem Unterricht bisher fernbleiben, zum Schulbesuch motivieren, erwartet Badiel. Schulgebühren sind, wie die Gewerkschaften ebenfalls gefordert hatten, bereits in diesem Jahr ermäßigt worden; sie sollen schrittweise für alle Schülerinnen und Schüler im Alter von sechs bis 16 Jahren verschwinden.

Für die Lehrkräfte wurde im Januar eine Erhöhung des Wohnkostenzuschusses um 26 Prozent vereinbart. Diesen zahlt der Staat als Ausgleich, weil die Beschäftigten in den Schulen keine eigenen Büros haben. Eine Regierungskommission prüft derzeit weitere Forderungen der Gewerkschaften. Unter anderem, sagt Badiel, gehe es darum, dass künftig nur noch Lehrkräfte mit einer Mindestqualifikation eingestellt werden, an Primarschulen niemand mehr ohne Abitur, an Sekundarschulen niemand ohne einen universitären Masterabschluss.

Aus dem Französischen: Winfried Dolderer, Historiker und Publizist

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