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FachkräftemangelWenn eine ganze Lehrkräftegeneration fehlt

Mecklenburg-Vorpommern hat über Jahre Lehrerstunden abgebaut und Schulen geschlossen. Angesichts steigender Schülerzahlen wird es nun eng. „Eine ganze Lehrergeneration fehlt in unseren Schulen“, klagt die SPD.

12.10.2018 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Eine Kleinstadt in schöner Landschaft, die polnische Grenze ist nicht weit – eigentlich ideal für junge, aktive Menschen, die gern in der Natur sind. Aber wenn sich Marlies Schuster (Name geändert) im Lehrerzimmer umschaut, sieht sie viele graumelierte Haare: „Wir sind alle alt“, sagt die Grundschullehrerin, die in der DDR ausgebildet und, wie viele Lehrkräfte ihrer Generation, in der Bundesrepublik nicht verbeamtet wurde. Trotz guter Arbeitsbedingungen und aller Anstrengungen der Schulleitung bleiben an ihrer Schule Stellen unbesetzt. Niemand wolle aufs Land, klagt die Lehrerin. In Bewerbungsgesprächen hätten sich die Verhältnisse umgekehrt: „Eine junge Kollegin, frisch aus der Ausbildung, forderte übertarifliches Gehalt, sonst würde sie nicht kommen.“

Ähnliche Probleme teilen viele der kleineren Standorte in Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Papier sind die meisten Stellen zwar besetzt: Das Bildungsministerium in Schwerin zählte landesweit im vergangenen Schulhalbjahr 60 vakante Positionen, und im Internet-Stellenportal waren Anfang August keine freien Referendariatsplätze gelistet. Aber aufgrund hoher Krankenstände und vieler Teilzeitbeschäftigungen fehlen im Unterricht Lehrkräfte. Dadurch kommt es zu Stundenausfällen, mancherorts in gravierendem Ausmaß.

„Eine ganze Lehrergeneration fehlt in unseren Schulen“, brachte Andreas Butzki, Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion, das Problem in der Parlamentsdebatte Ende Mai auf den Punkt. Die Wurzeln liegen in der Umbruchphase nach der Wiedervereinigung. Durch den Wegzug jüngerer Paare und die wirtschaftliche Unsicherheit sanken die Kinderzahlen innerhalb weniger Jahre dramatisch. Schulen schlossen, Lehrkräfte reduzierten zwangsweise ihre Stunden, um Entlassungen zu vermeiden. „Wir haben in Rostock und Greifswald immer ausgebildet, aber bis vor wenigen Jahren wurde kaum eingestellt“, sagt Butzki.

Heute besetzen die über 50-Jährigen rund 60 Prozent der Stühle in den Lehrerzimmern. Bis 2030 kommt mehr als die Hälfte der aktuell tätigen Lehrerinnen und Lehrer ins Pensionsalter. Laut einer Prognose zur Personalbedarfsentwicklung des Kultusministeriums für den Zeitraum von 2016 bis 2030 erreicht die Pensionierungswelle im Schuljahr 2020/21 ihren Höhepunkt: 503 Lehrkräfte gehen dann voraussichtlich in den Ruhestand.

Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) machte bei der Landtagssitzung einen feinen Unterschied: „Ja, wir haben Bedarf – aber wir haben noch nicht Mangel.“ Schließlich arbeite die Regierung stetig daran, neue Kräfte zu gewinnen. Dass es Fluktuation und freie Stellen in den Schulen gebe, sei „ein Dauerzustand. Lehrer werden krank, Schülerzahlen verändern sich. Den daraus resultierenden Bedarf zu decken, ist ein fortlaufender Prozess“, sagt Hesse, die 2016 ihrem Parteifreund Mathias Brodkorb als Bildungsministerin nachfolgte.

„Wir fahren unsere Lehrkräfte auf Verschleiß, und die Regierung steht am Spielfeldrand und schaut zu.“ (Simone Oldenburg)

Bedarf, aber kein Mangel? Simone Oldenburg, Bildungsexpertin der Linken im Schweriner Landtag, kann darüber nur den Kopf schütteln: „450 bis 500 Lehrkräfte fehlen ganzjährig“, sagt die Politikerin, die selbst als Lehrerin tätig war. „Wir fahren unsere Lehrkräfte auf Verschleiß, und die Regierung steht am Spielfeldrand und schaut zu.“ Bessere Ausbildung in Studium und Referendariat, Arbeitszeitkonten, die sich auf die Lebensarbeitszeit anrechnen lassen, und mehr Gehalt für die Grundschullehrkräfte sind einige der Forderungen der Opposition. „Aber alle Anträge werden abgelehnt“, kritisiert Oldenburg.

Dafür setzt das Land, das seit 2006 von einer Großen Koalition unter SPD-Führung regiert wird, auf andere Maßnahmen. Die wichtigste ist, dass seit einigen Jahren Beamten- statt Angestelltenverträge geschlossen werden. Bis zum 40. Lebensjahr wird verbeamtet, auch Quereinsteiger haben gute Chancen. Mit diesen Angeboten wirbt das „Land zum Leben“, so der Slogan Mecklenburg-Vorpommerns, in einer bundesweiten Kampagne um Fachkräfte.

Vor allem die ländlichen Schulen sollen attraktiver werden. Ein zweijähriges Modellprojekt, das der Landtag im Frühjahr beschlossen hat, will erforschen, ob Fahrtkostenzuschüsse, Baudarlehen oder Kita-Angebote mehr Junglehrkräfte in die Dörfer locken. Auch Gehaltsaufstockungen – „Buschzulage“, spottet die Opposition – sind möglich. Solche Sonderzahlungen seien bundesweit üblich und zählten zu den „besoldungsrechtlichen Möglichkeiten im Zusammenhang mit der Gewinnung von Lehrkräften“, so die Landesregierung.

Dennoch sei die Idee „ein Schlag ins Gesicht für alle Kollegen, die nicht mehr in den Genuss der Verbeamtung gekommen sind“, findet ein Grundschullehrer an einer ländlichen Schule. „Denn diese Kollegen haben solidarisch auf Gehalt und Rentenpunkte verzichten müssen, danach wurden sie mit Nichtverbeamtung abgestraft.“ Landtagsabgeordnete Oldenburg nennt das Programm „Quatsch“ und eine „Ungleichbehandlung derjenigen, die heute schon dort arbeiten“. Besser sei, Studierenden die Vorteile des ländlichen Raums schmackhaft zu machen, etwa durch Praktika im Dorf und Semestertickets, damit die Fahrten bezahlbar werden.

„Insbesondere in den ländlichen Räumen muss die Chancengleichheit auch in der Vielfalt der Angebote bestehen.“ (Annett Lindner)

Doch schon im Studium gibt es Probleme, die sich seit Jahren an hohen Abbrecherquoten zeigen. Zwar beginnen tendenziell immer mehr Nachwuchskräfte ein Lehramtsstudium, aber längst nicht alle beenden es auch. So schloss im Jahr 2016 nicht einmal die Hälfte des Jahrgangs erfolgreich ab. Das Land hat eine Studie in Auftrag gegeben, die bis Jahresende die Gründe klären soll. Vielleicht brächte eine Anfrage bei den Studierenden schon Aufklärung: 250 angehende Grundschullehrkräfte gingen im April in Rostock auf die Straße. Sie forderten unter anderem mehr Dozenten und eine bessere Ausstattung der Gebäude.

Der Lehrkräftebedarf wird absehbar weiter steigen, unter anderem, weil die Landesregierung das Nachmittagsangebot ausbaut. Fünf weitere Schulen stellten im August auf Ganztagsbetrieb um. „Ein Beitrag zur Chancengerechtigkeit“, erklärte Ministerin Hesse. Ziel sei, bis Ende der Legislaturperiode im Jahr 2021 bis zu 10.000 Ganztagsplätze zu schaffen. 2018 unterrichten bereits 338 Schulen im Ganztag – rund zwei Drittel aller staatlichen allgemeinbildenden Schulen. 26 Millionen Euro stellt das Land für Ganztagsschulen und volle Halbtagsgrundschulen pro Jahr bereit.

Die GEW im Land begrüßt diesen Schritt, auch wenn es bereits jetzt an Lehrkräften mangelt: „Angesichts der Fachkräftesituation wie das Kaninchen vor der Schlange zu verharren, ist keine Lösung“, sagt Landesvorsitzende Annett Lindner. Nun gehe es darum, gemeinsam mit allen Akteuren, auch außerhalb der Schulen, langfristig tragfähige Konzepte zu entwickeln. „Insbesondere in den ländlichen Räumen muss die Chancengleichheit auch in der Vielfalt der Angebote bestehen“, sagt Lindner.

„Wir sind froh über jeden, der den Weg zu uns findet.“ (Marlies Schuster)

Um die zusätzlichen Stunden für den Ganztagsbetrieb abdecken zu können, setzt das Kultusministerium auch auf Kooperationspartner, etwa Sport-, Umwelt- oder Kulturvereine. Dafür erhalte jede Schule zusätzliches Geld, heißt es auf der Homepage des Ministeriums. Basis sei ein „Grundbudget“ von 2.500 Euro, eine Aufstockung sei möglich.

Das laufende Schuljahr begann für das Kultusministerium jedenfalls mit einer Erfolgsmeldung: 639 Lehrkräfte konnte das Land einstellen, davon 475 unbefristet. 186 neue Lehrkräfte sind Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger. Deren Anteil liegt damit bei fast 30 Prozent. „Wir können mit den Zahlen alles in allem zufrieden sein“, sagt Ministerin Hesse. Damit sei der Unterricht nach der Kontingentstundentafel gesichert: „Eine weitere gute Nachricht“, fand die Ministerin.

Ein zusätzliches neues Werkzeug im Maßnahmenkasten der Regierung, um Lehrerinnen und Lehrer zu gewinnen, ist ein dritter Einstellungstermin für Berufseinsteiger, die nicht mehr nur zu Beginn der Halbjahre, sondern auch zum 1. Oktober in die Klassen kommen sollen. Ob das etwas bringt? Lehrerin Schuster lacht: „Unsere Stellen sind seit Jahren frei, da können Neue kommen, wann immer sie wollen.“ Etwaige Zugänge im laufenden Schuljahr brächten zwar auch Durcheinander: „Im August strickt der Schulleiter einen Stundenplan, an den sich alle gewöhnt haben – und dann wird alles neu durchgewürfelt.“ Trotzdem wäre es großartig, wenn sich jemand angesprochen fühlte: „Wir sind froh über jeden, der den Weg zu uns findet.“

Zahlen in Mecklenburg-Vorpommern
  • Rund 11.400 Lehrkräfte unterrichten an den öffentlichen Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, davon 10.200 an den allgemeinbildenden und 1.200 an den beruflichen Schulen. 1.700 Lehrkräfte sind an privaten oder freien Schulen tätig.
  • Rund 500 allgemeinbildende öffentliche Schulen gibt es im dünn besiedelten Flächenland. Hinzu kommen rund 100 Schulen in privater oder freier Trägerschaft.
  • Knapp 150.000 Kinder und Jugendliche besuchen zurzeit die allgemeinbildenden Schulen – ihre Zahl steigt seit einigen Jahren wieder.
  • In den nächsten fünf Jahren erreichen laut Berechnungen des Bildungsministeriums rund 2.000 Lehrkräfte die Altersgrenze für die Pensionierung. Bis 2030 gehen 50 Prozent der heutigen Lehrkräfte in Ruhestand.
  • Aktuell zählt das Statistische Bundesamt rund 4.900 Lehramtsstudierende in Mecklenburg-Vorpommern. Im Jahr 2016 legten von den ursprünglich 733 Studierenden dieses Jahrgangs nur 330 einen Abschluss hin.

Unterrichtsausfall vorprogrammiert

„Der Unterricht nach Stundentafel ist abgesichert“, heißt es vom Land derzeit. Das Signal: Es gibt kein Problem. Zwar ist die Lage angespannt, immerhin habe man aber mit 639 Neueinstellungen so viele Lehrkräfte wie noch nie verpflichten können.

Der Teufel steckt im Detail. Fast 30 Prozent der Neueinstellungen sind Seiteneinsteiger. Absicherung laut Kontingentstundentafel bedeutet: Pflichtaufgabe erledigt. Alles, was an Leistungen für Inklusion, Ganztagsschule, Weiterbildungen etc. noch „oben drauf“ käme, muss bei Mangel gespart werden. Und es bedeutet: Unterrichtsausfall ist vorprogrammiert. Das Land rechnet mit einer Versorgung von knapp 100 Prozent. Wir fordern mindestens vier Prozent mehr. Rund 500 Lehrkräfte fehlen damit schon systembedingt. Und die Jahre, in denen ein Großteil der Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand geht, kommen erst noch.

Annett Lindner, Vorsitzende GEW Mecklenburg-Vorpommern

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