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Frühe BildungWenn Bildung „plopp“ macht …

Kita-Fachkräfte erfüllen einen wichtigen Auftrag: Sie bilden und erziehen. Wie das aussehen kann, und was dabei berücksichtigt werden soll, regeln die Bildungs- und Erziehungspläne für Kinder im Alter von null bis zehn Jahren.

15.03.2021 - Stephan Lüke, freier Journalist

Herrn Fthenakis kennen die Kinder der städtischen Kita Dreieich im Landkreis Offenbach nicht. „Ist das der Papa von?“ und „Ich glaube, dem gehört der Kiosk“ grübeln sie mit neugierig blitzenden Augen. Nein, weder noch. „Ja, wer ist das denn dann?“, fragen sie interessiert. Dass Professor Wassilios Emmanuel Fthenakis ein in Griechenland geborener Pädagoge, Anthropologe, Genetiker und Psychologe ist, finden sie (noch) spannend („Da waren wir mal in den Ferien“). Dass der renommierte Wissenschaftler Anfang der 2000er-Jahre Bundesländer dabei unterstützte, der frühkindlichen Entwicklung und Bildung ein stärkeres Augenmerk zu widmen und als einer der Väter der Bildungs- und Erziehungspläne gilt, an denen sich deutsche Kitas in ihrer täglichen Arbeit orientieren sollen, ist den Kinder eher „schnuppe“.

Ali, Jasmin, Noura und Emelie* erleben die Folgen davon, dass sich auch auf politischer Ebene in den 1990er-Jahren die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass die Bildung des Kindes bereits unmittelbar nach der Geburt beginnt. Oder wie es im Vorwort des hessischen Bildungs- und Erziehungsplans heißt: „Das gesellschaftliche Ziel, das wir mit all diesen Anstrengungen verfolgen, ist die frühere, nachhaltigere, individuellere und intensivere Bildung der Kinder. Sie ist die zentrale Voraussetzung, um in der von kontinuierlichem Wandel geprägten Welt auch in Zukunft zu bestehen. Der Bildungs- und Erziehungsplan steht für eine Pädagogik, die das Kind mit seinen individuellen Lernvoraussetzungen in den Mittelpunkt stellt.“

„Wir nehmen die Kinder ernst. Wir betrachten sie nicht als Objekte, die belehrt werden müssen.“ (Randi Broisch)

Randi Broisch leitet die Kita mit ihren bislang 100 Plätzen seit rund anderthalb Jahrzehnten. Sie formuliert die Aufforderung des Bildungs- und Erziehungsplans etwas um: „Wir nehmen die Kinder ernst. Wir betrachten sie nicht als Objekte, die belehrt werden müssen.“ Denn sie weiß und erfährt jeden Tag, die Kinder können selbst lernen – wenn man ihnen die Möglichkeiten und die (Frei-)Räume dafür gibt. In der Kita in Dreieich finden sie beides.

An einem dunstigen Morgen, an dem es heißt, Abstand zu halten, werfen wir einen Blick über den Kita-Zaun. Fröhlich tummelt sich eine Schar Mädchen und Jungen auf dem 800 Quadratmeter großen Außengelände, liebevoll Zeisigpark genannt. Manche spielen, andere klettern, einige matschen, andere werken oder schauen beim Gemüsebeet nach dem Rechten. Bei ihnen treffen wir Patricia Weimar, die hier alle nur Patti nennen, die Erzieherin mit Fachgebiet Natur und Umwelt. Ihre Hauptaufgabe ist nicht die Aufsicht, sondern da zu sein, um Fragen zu beantworten. Raus dürfen die Kinder jederzeit, schließlich ist Weimar immer im Park.

So wie sich in jedem Raum eine Erzieherin aufhält, unterstützt von zwei Teilzeitkräften und vier Auszubildenden. Wer wo ist, hängt von der eigenen Profession ab. Im Atelier wartet Kerstin Ruhl, die Fachfrau für Kreatives. Hier können die Kinder mit wertlosem Material ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Im Spieleparadies ist Lisa Knorr, die Spezialistin für den Rollenspielbereich. Kollegin Christina Mavrodoglou agiert im Bauzimmer – sie ist eine Meisterin im Erschaffen von Bauwerken. Bei Jessica Schwarze, Expertin für Literatur, verweilen viele im Lesezimmer, vertiefen sich in die von ihnen selbst durch Symbole auf dem Buchrücken katalogisierten Bücher, genießen die Ruhe auf dem Sofa.

Marlene hat es diese Ecke besonders angetan. „Da finde ich tolle Bücher“, sagt die Fünfjährige und macht sich auf die Suche nach Barbara Nowicz. Die stellvertretende Kita-Leiterin soll ihr etwas vorlesen. Was aber, wenn Nowicz, deren Reich ansonsten die Küche und das „Restaurant“ ist, gerade „besetzt“ ist? „Dann halten es die meisten aus, dass ihr Wunsch erst später erfüllt werden kann.“ Und wenn nicht oder wenn aus anderem Grund einmal „Frust“ aufkommt? Dann heißt es, sich abzureagieren: durch Toben draußen oder durchs „platt schlagen“ von Kronkorken. Die werden gesammelt und nach dem „Aggressionsabbau“ zu schönen Vorhängen zusammengebunden.

Nachhaltigkeit leben

Im Zeisigweg wird Nachhaltigkeit gelebt, nicht gelehrt. Wöchentlich schütteln die Mädchen und Jungen Sahne mit mindestens 32 Prozent Fettanteil im Glas zu „ihrer“ Butter. „Woran merkt ihr, dass sie fertig ist?“, will ich erfahren. Melanie schaut ungläubig – das sollte ein Erwachsener doch wissen. „Na ja“, erklärt sie munter, „wenn‘s plopp macht, ist sie fertig.“ Plopp? „Klaro, wenn sie fest wird und ich schüttele, stößt der Klumpen an den Deckel – es macht plopp.“ Für so etwas brauche man keine „Unterrichtseinheit“ mit dem Inhalt „Butter herstellen“ sagt Kita-Leiterin Broisch. Und fügt hinzu: „Bildung und Erziehung gelingen auch ohne Gongschlag, der ankündigt, es sei Zeit, sich zum Rechnen zu treffen.“ Feste Termine gibt es dennoch. Sie werden am Morgen mit den Kindern verabredet, finden sich anschließend auf einer Litfaßsäule wieder. Sie sind verbindlich. Etwa der Ausflug zum Bauernhof oder das wöchentliche Aufräumen im Zeisigpark.

Plastik sucht man in der Einrichtung ebenso vergebens wie einen elektrischen Mixer. Teig wird mit einem Holzlöffel gerührt, Eischnee von Hand geschlagen. Vom Kind. Broisch: „Auch das ist Bildung. Diese Tätigkeiten in der Küche ersetzen Schwungübungen. Sie dienen der Lockerung der Handgelenke.“ Eine wichtige Basis fürs Schreiben und Zeichnen und ganz nebenbei eine Förderung der Motorik. Auch die Grundlagen fürs Rechnen werden spielerisch gelegt. Etwa wenn die Kinder freiwillig ihre große Knopfsammlung aus dem Regal nehmen und diese sortieren – der ist größer als der …

Randi Broisch (rechts) leitet die Kita mit ihren bislang 100 Plätzen seit rund anderthalb Jahrzehnten. Ihre Stellvertreterin Barbara Nowicz (links) ist für die Organisation der Küche verantwortlich. (Foto: Christoph Boeckheler)

Wenn Pippi ruft

Im gelebten Alltag wird die Vorgabe des Bildungs- und Erziehungsplans umgesetzt, dass die gesamte Kindergartenzeit Bildungszeit sei. Kinder, so sieht es die Leitlinie des Hessischen Kultusministeriums vor, sollen nicht nur Basiswissen und Grundfertigkeiten in der Kita erwerben. Sie sollen selbstständig werden und Verständnis für Demokratie gewinnen. Deshalb und damit das Zusammenleben gelingen kann, gibt es klare Regeln. Etwa, dass die Stöcke, die auch dazu dienen, das Weidenhaus zu bauen oder so zum Igelhaus zu stapeln, dass ein stacheliger Zeitgenosse nur noch einziehen muss, nicht zum Schlagen eines anderen Kindes benutzt werden dürfen. Paul* schmunzelt: „Und wenn es doch einer macht, reden wir zusammen mit den Erzieherinnen mit ihm. Und wenn er dennoch weiter haut, bringen wir ihn rein.“ Die Regeln werden akzeptiert. Schließlich haben sie die Kinder selbst verabredet und festgelegt, was passiert, wenn es zu Verstößen kommt.

Während uns Paul das erzählt, erschallt von drinnen „Hey, Pippi Langstrumpf“. Im Sekundentakt kommen Kinder aus allen Richtungen herbeigeströmt. Ein wenig verwirrt ob des Testrufes. Es ist doch gar nicht früher Morgen, wenn das Lied täglich zur „Hallo-guten-Morgen-Runde“ ruft. In ihr werden die wichtigsten Dinge des Tages besprochen, Vorfälle diskutiert, „Beschwerdemanagement“ eingeübt („Das fand ich nicht schön …“) und auch abgestimmt, welche Kleidung heute angesagt ist, wenn es raus geht. Henriette Hosenträger, eine deutlich sichtbare Puppe, wird dann symbolisch entsprechend angezogen und alle wissen, welche Kleidung angesagt ist. Heute sind es bei rund 5 Grad eine
dicke Jacke und Mütze.

„Natürlich treffen wir Entscheidungen. Aber wir hören die Wünsche und nehmen sie ernst. Und erfüllen damit auch den Auftrag, Kinder je nach ihrem Entwicklungsstand in alle Belange einzubeziehen.“

Henriette Hosenträger steht an der Rezeption. Bis hierhin dürfen Eltern ihre Kinder begleiten. Aber sie dürfen sie nicht auf die Holzbänke stellen, um ihnen aus der Jacke zu helfen. „Im Winter kriegen wir doch sonst einen nassen Popo und dreckige Hosen“, erklärt ein Fünfjähriger. Er ist froh, dass die Kinder diese Regel aufgestellt haben. Entscheiden die Drei- bis Sechsjährigen am Zeisigweg alles? Sind sie damit nicht überfordert? Geht es deswegen chaotisch zu? Alle drei Fragen kann mit „nein“ beantworten, wer sich einmal dort aufgehalten hat. „Natürlich treffen wir Entscheidungen. Aber wir hören die Wünsche und nehmen sie ernst. Und erfüllen damit auch den Auftrag, Kinder je nach ihrem Entwicklungsstand in alle Belange einzubeziehen.“

Das gilt auch für die Frage, was auf den Tisch kommt. Sei es beim Frühstück, dem Mittagessen oder dem Snack, der jenen angeboten wird, die das „Ganztagsangebot“ nutzen und erst um 17 Uhr abgeholt werden – zehn Stunden nach Öffnung der Kita. Zubereitet wird das Essen von Nebahat Celik. Natürlich unter Berücksichtigung der Kinderwünsche. Ausgewogen und mit maximal zweimal Fleisch pro Woche. Oft mit Zutaten aus dem eigenen Gemüsegarten. Immer aber aus regionalen und möglichst biologischen Produkten, beispielsweise vom benachbarten Bauernhof, den die „Minimäuse“ (drei bis vier Jahre), „Lernzwerge“ (vier bis fünf) und „Lernriesen“ (fünf bis sechs) regelmäßig besuchen. Ob es geschmeckt hat, erfährt Celik, die ganz nebenbei den Kindern auch vermittelt, wie Wäsche gewaschen, aufgehängt und wenn erforderlich „gezockt“ wird, unmittelbar: Heute finden sich alle Bewertungskastanien mit einer Ausnahme im Lach-Smilieglas. Es gab Pellkartoffeln mit (selbstgemachtem) Kräuterquark und einen süßen türkischen Nachspeisegruß.

* Namen von der Redaktion geändert