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TransidentitätWenn aus Ben Lisa wird

Während Transidentität früher als Erwachsenenthema galt, unterstützen heute bereits Eltern ihre Kinder, im passenden Geschlecht zu leben. Weil das Thema stärker in der Öffentlichkeit ist, wissen Betroffene früher, was mit ihnen los ist.

18.04.2019 - Eiken Bruhn, taz-Redakteurin

Seit den Herbstferien trägt der Regenwurm an Lisas* Garderobe eine Krone. Die Regenwurm-Prinzessin, Lisas Zeichen in einem Bremer Kindergarten, soll ausdrücken, dass etwas Wichtiges passiert ist. Denn aus den Herbstferien kam nicht Ben zurück, wie die Sechsjährige bis dahin im Kindergarten genannt wurde. Sondern Lisa. Und Lisa liebt Prinzessinnen.

„Ihre Spezialinteressen fielen sofort auf“, erzählt ihre Erzieherin Mara Jansen, die das Kind seit dreieinhalb Jahren kennt. „Sie wollte immer Rapunzel spielen und hat sich lange Haare aus Tüchern gemacht.“ Anfangs hielt Jansen das für einen „Tick“, wie sie es nennt. Aber Bens Vorliebe für alles, was er als Mädchensachen identifiziert hatte, wurde nur größer. Und dann sprach er seinen sehnlichsten Wunsch aus: „Wenn ich groß bin, kann ich ein Mädchen sein.“ Doch so lange musste er nicht warten. Nach einem Gespräch im vergangenen Sommer zwischen Eltern und Erzieherin und einer gemeinsamen Fachberatung sagten diese allen im Kindergarten Bescheid: Lisa, na klar, ist ein Mädchen.

Damit steht sie für eine neue Entwicklung. Während früher Menschen wie Lisa häufig tatsächlich erst als Erwachsene nach außen leben konnten, was sie im Inneren schon lange empfanden, nehmen heute immer mehr Eltern eine Transidentität ihrer zum Teil noch sehr jungen Kinder wahr – und unterstützen sie darin. Seit 2014 gibt es mit dem Trans-Kinder-Netz, abgekürzt „Trakine“, auch einen Elternverein. Dieser hat sich das Ziel gesetzt, mit Beratung und Fortbildung nicht zuletzt pädagogische Fachkräfte über Transidentität aufzuklären.

„Weil das Thema stärker in der Öffentlichkeit ist, wissen Betroffene früher, was mit ihnen los ist. Und sie trauen sich, das auszusprechen, weil die Akzeptanz gewachsen ist.“ (Birgit Möller)

Transident heißt: Jemand identifiziert sich nicht mit einem aufgrund körperlicher Merkmale zugeschriebenen Geschlecht. Das bedeutet: Ein Kind ist biologisch ein Mädchen, empfindet sich aber als Junge – und umgekehrt. Seltener kann es sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen oder wechselt zwischen den Geschlechtern. Das Empfinden, im falschen Körper zu stecken, kann bereits im Kindergarten- oder Grundschulalter entstehen – oder zu jedem anderen Zeitpunkt im Laufe eines Lebens, erklärt die Psychologin Birgit Möller. Und es sei keine freie Entscheidung: „Das kann man weder an- noch aberziehen.“

Möller leitet am Universitätsklinikum Münster die Sprechstunde für Transkinder und -jugendliche. Fünf solcher universitären Sprechstunden gibt es in Deutschland, alle verzeichnen eine wachsende Nachfrage, entsprechend lang sind die Wartezeiten. Mit einer Modeerscheinung, wie es einer ihrer Kollegen jüngst im Spiegel behauptet hat, habe das nichts zu tun, sagt Möller. „Weil das Thema stärker in der Öffentlichkeit ist, wissen Betroffene früher, was mit ihnen los ist. Und sie trauen sich, das auszusprechen, weil die Akzeptanz gewachsen ist.“

„Es befördert eher Diskriminierung, wenn die Kinder und Jugendlichen anders behandelt werden als die anderen.“ (Mutter)

Der heute 16-jährige Tim* etwa sah mit elf Jahren einen TV-Bericht über einen Transteenager in den USA und ahnte: „Das hat etwas mit mir zu tun.“ So erzählt er es beim Gespräch im Haus seiner Eltern in einer norddeutschen Kleinstadt. Seinen Eltern schrieb er einige Monate später einen Brief, in dem er sich als trans outete. „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt seine Mutter Inga Marxen*, die neben ihm sitzt. Wie viele Eltern von Transjungen dachte sie, ihre Tochter, die nur mit Jungs spielte und ausschließlich Hosen trug, sei einfach burschikos. „Alle fanden immer toll, dass sie nicht so mädchenhaft ist.“

Mit 13 vertraute sich Tim seinem Beratungslehrer am Gymnasium an. Gemeinsam mit dem Schulleiter erklärten sie seiner Klasse, was los ist. Die Reaktionen waren gut, sagt er. „Vorher kamen mal Sprüche wie ‚Willst du nicht doch ein Junge sein?‘“. Danach hätte das aufgehört. Seine Mutter erinnert daran, dass es nicht ganz reibungslos verlief. So schlug der Schulleiter erst vor, dass Tim auf die Lehrkräftetoilette geht und sich in einem Extraraum für den Sportunterricht umzieht. Aus Sorge vor Übergriffen durch Mitschüler. Doch Tim wollte Normalität. „Es befördert eher Diskriminierung, wenn die Kinder und Jugendlichen anders behandelt werden als die anderen“, sagt seine Mutter.

Beim Verein Trakine melden sich auch viele Eltern, die weniger gute Erfahrungen gemacht haben. Sie berichten von Lehrkräften, die sich weigern, den selbst gewählten Namen eines Kindes zu verwenden, oder Erzieherinnen, die ein Kind zwingen, den Rock aus- und eine Hose anzuziehen. „Viele Eltern müssen sich dafür rechtfertigen, dass sie ihr Kind unterstützen“, erzählt die Vereinsvorsitzende Karoline Haufe. Und: „Es gibt Eltern, die wurden zu einer Art Tribunal zitiert.“ Dort hätten ihnen Leitung, Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher sowie manchmal sogar der Autismusbeauftragte der Stadt veraltete medizinische Leitlinien vorgelesen, nach denen ihr Kind nicht der Norm entspricht, aber keinesfalls transident sei. Manchmal würden Pädagogen auch versuchen, den Gegenbeweis anzutreten, nach dem Motto: „Aber er spielt doch auch mit dem Schwert, das kann kein Mädchen sein!“

 

„Nicht freiwillig“

Dabei glauben viele offenbar, damit im Interesse des Kindes zu handeln. Oft werde den Eltern vorgeworfen, sie würden ihrem Kind schaden, sagt Haufe. Oder es sogar in die gegengeschlechtliche Rolle drängen. „So einen Weg sucht man sich nicht freiwillig aus“, sagt Tims Mutter. „Dafür ist der zu steinig.“

Da ist zum einen die Angst davor, das Kind könnte diskriminiert werden oder gar körperliche Gewalt erfahren, etwa, wenn es ungeoutet in die Schule geht und Mitschülerinnen und Mitschüler sein „Geheimnis“ entdecken. Zum anderen wollen viele ihr körperliches Erscheinungsbild dem Wunschgeschlecht angleichen. Wenn Jugendliche in der Pubertät gegengeschlechtliche Hormone bekommen, ist ihnen ihr Geburtsgeschlecht nach kurzer Zeit nicht mehr anzusehen. Aber: Sie müssen die Hormone ihr Leben lang einnehmen und tragen die Risiken für Nebenwirkungen. Auch geschlechtsangleichende Operationen sind möglich.

Und für alles, auch für eine Änderung des Vornamens im Personalausweis, müssen sie in aufwändigen Verfahren nachweisen, dass ihr Wunsch nicht vorübergehender Natur ist. Eine Garantie dafür, dass ihnen geglaubt wird, gibt es nicht: Das Urteil von Gutachtern wiegt oft schwerer als das der Betroffenen. Dabei seien die Folgen dessen, wenn transidente Menschen ihre Identität unterdrücken müssen oder Ablehnung erfahren, in Studien gut dokumentiert, sagt Psychologin Möller. „Depressionen, Angststörungen, Suizidalität“, zählt sie auf.

„Es war klar, dass es so nicht weiterging.“ (Katja Held)

Auf der Homepage von Trakine berichten viele Eltern von Todeswünschen ihrer Kinder. Auch Lisa wollte, als sie noch Ben hieß, sterben, erzählt ihre Mutter Katja Held*. „Um als Mädchen wieder geboren zu werden.“ Die Helds leben in einem Einfamilienhaus am Rand von Bremen. Im Esszimmer hängen lauter Fotos von Lisa und ihrer drei Jahre älteren Schwester. Auch Lisas Eltern hatten lange gedacht, Bens Vorliebe für alles, was rosa ist und glitzert, sei nur eine „Phase“. Doch im vergangenen Sommer wurde ihr Kind immer unglücklicher. „Es war klar, dass es so nicht weiterging“, sagt Held.

Jetzt, ein halbes Jahr nach Lisas „Coming-out“ im Kindergarten, ist ihr davon nichts mehr anzumerken. Fröhlich springt sie beim Abholen durch die Garderobe und zeigt ihre Sachen. Lila Gummistiefel, rosa Hausschuhe. „Sie hat einen richtigen Sprung gemacht“, sagt ihre Mutter, „als habe sie jetzt erst den Kopf frei, sich zu entwickeln.“

*Alle Namen der Kinder und Mütter sind geändert.

Die Ursachen für Transidentität sind nicht bekannt, ebenso, wie viele Betroffene es gibt. Sicher ist, dass die Zahl derjenigen, die ihre Transidentität leben, wächst. So hat sich zwischen 2008 und 2017 die Zahl derer, die aufgrund des Transsexuellengesetzes ihren Vornamen geändert haben, mehr als verdoppelt. Aktuelle Erfahrungen aus Transambulanzen sprechen gegen die verbreitete Annahme, es gebe mehr Transfrauen (Mann-zu-Frau) als umgekehrt. Der Begriff „transsexuell“ wird nicht mehr verwendet, weil er impliziert, es ginge um Sexualität.

 

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