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„Welche Prozesse machten Entrechtung und Deportation möglich?“

Mit mehr Jugendlichen mit Migrationshintergrund könnte sich auch in den Lehrplänen für den Geschichtsunterricht etwas ändern. Bei der Vermittlung der NS-Zeit stünden Lehrkräfte vor großen Herausforderungen, sagt Expertin Sybille Steinbacher.

09.11.2017

In der Holocaust-Forschung bleiben nach Ansicht von Experten „die großen, zentralen Fragen“ wichtig. „Nach wie vor nicht in Gänze erschlossen ist die Frage: Welche gesellschaftlichen Prozesse machten soziale Ausgrenzung, Entrechtung, Ausplünderung und Deportation erst möglich? Wie ist zu erklären, dass diese Verbrechen von Deutschland ausgehen konnten, einem Land, das damals wirtschaftlich und kulturell florierte?“, sagte Sybille Steinbacher, Inhaberin des neuen Lehrstuhls zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, im Interview mit der „E&W“. „Große Fragestellungen zu entwickeln, kann verhindern, dass die Holocaust-Forschung zur verinselten Spezialforschung wird.“

In Zeiten zunehmenden Rechtspopulismus komme der Holocaust-Forschung eine noch stärkere Bedeutung zu, sagte Steinbacher. „Natürlich hatten NS- und Holocaust-Forschung immer eine politische und gesellschaftspolitische Bedeutung – in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus gilt das erst recht. Vor zwei Jahren habe ich in Dachau ein Symposium geleitet, bei dem offensichtlich wurde, dass von Seiten der Zeitgeschichte über die Entstehung und Entwicklung des Rechtsradikalismus in Deutschland noch Forschungsbedarf besteht.“

Angesichts der Tatsache, dass aktuell viele Jugendliche nach Deutschland kämen, die einen anderen kulturellen Hintergrund und Bezug zur deutschen Geschichte hätten als Jugendliche, die hier groß geworden seien, stünden Schulen wie auch Gedenkstätten vor großen Herausforderungen. „Das Ganze ist ein Prozess, von dem man noch nicht sagen kann, welche Lösungen es geben wird. Es müssen erst mal eine Debatte und ein Erfahrungsaustausch stattfinden“, betonte die Expertin. 

Das Interview von Nadine Emmerich ist in voller Länge in der Novemberausgabe der „E&W“ veröffentlicht. 

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