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Expertengespräch des GEW-HauptvorstandesWelche Kinder tragen ein besonderes Risiko?

Learning Analytics, das Sammeln und Analysieren großer Datenmengen der Lernenden, sorge für „neue Selektivität“ und betone „Ungleichheit“. Davor warnte Privatdozentin Sigrid Hartong bei einem Expertengespräch des GEW-Hauptvorstandes.

24.09.2019 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

Ein Blick auf den Monitor – und die Lehrkraft sieht sofort, welcher Schüler heute keinen Bock auf Unterricht hat. Denn jeder in der Klasse trägt ein Headset, das die Hirnströme misst und den Grad der Aufmerksamkeit ermittelt, in Echtzeit. Szenen aus einem Videofilm, den die Privatdozentin Sigrid Hartong jetzt in Fulda präsentierte. „In einigen Ländern ist dies gang und gäbe oder zumindest auf dem Markt“, erklärte die Erziehungswissenschaftlerin, die an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg forscht. Sie sprach auf Einladung des GEW-Hauptvorstandes über „Learning Analytics. Künstliche Intelligenz und Big Data in der Bildung“.

Wer programmiert, legt viele Dinge fest

Ziel von Learning Analytics sei, das Lernen und die Lernumgebung zu optimieren, erläuterte die Hochschullehrerin. Dazu nutze Learning Analytics Algorithmen, also Computerprogramme. Vertreten werde die Idee, digitale Technologie nehme Arbeit ab, spare Zeit und ermögliche, „Lernmaterialien individueller zu verteilen“. Zudem gelte sie als „neutral“ – dem widersprach Hartong: „In jedem digitalen Lerntool, in jeder App, in jeder Schulverwaltungssoftware steckt eine bestimmte Modellierung der Realität.“ Das heißt: Wer programmiert, legt eine Menge Dinge fest. Beispiele laut Hartong: „Wann wird eine Aufgabe als schwierig oder leicht eingestuft?“ Oder: „Sorge ich dafür, dass ein Lernprogramm einem Mädchen etwas anderes zeigt als einem Jungen?“ Oder: „Gewichte ich etwas mit dem Faktor 2 oder mit dem Faktor 5?“ Die Hamburger Wissenschaftlerin betonte: „Politische Einflüsse, Einflüsse von Kultur, von Sprache, welche Werte man wichtig findet – all das fließt mit ein.“ Dateninfrastrukturen seien „hochkomplexe, wertebehaftete Apparate“. 

„Handlungsaufforderungen“ an die Lehrkräfte

Festgelegt sei zudem, wie Learning Analytics die analysierten Daten auf dem Bildschirm darstelle. Eine „eindeutige Story“ werde präsentiert - verbunden mit „Handlungsaufforderungen“, denen sich Nutzerinnen und Nutzer kaum entziehen könnten. „Würden Sie als Lehrkraft, die vielleicht noch unter Beobachtung der Schulleitung steht, einen roten Balken oder ein blinkendes rotes Ampellicht ignorieren?“, fragte die Erziehungswissenschaftlerin. „Ich glaube nicht.“

Auch Gesichtsausdrücke und Emotionen werden erfasst 

Sie warnte: Learning Analytics sorge für  „neue Selektivität“ und betone „Ungleichheit“. Digitale Tools legten mitunter fest: „Welche Kinder, welche Lehrer, welche Schulen sind besonders risikobehaftet?“. Und: „Sind sie das, so werden sie einer noch intensiveren Beobachtung unterzogen.“ Die Entwickler seien bestrebt, „immer mehr Bereiche“ zu erfassen, auch das Sozialverhalten oder den emotional-körperlichen Bereich der Lernenden. „Beinahe alles wird debattiert: Das Auslesen von Gesichtsausdrücken, die Emotion in der Stimme, Körperhaltung, die Art und Weise, wie Sie schreiben – bis hin zum Auslesen der DNA“. Und: Die Ausbreitung von Learning Analytics erfolge weltweit „in unglaublichem Tempo“.

GEW fordert pädagogische Konzepte

Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule, verwies auf möglichen „Missbrauch der Daten“. Die Industrie habe ein kommerzielles Interesse, digitale Tools in Bildungseinrichtungen zu verbreiten. Aus pädagogischer Sicht bestehe die Gefahr, dass man „in ein ‚Richtig-Falsch-Schema‘ zurückfällt“ – anstatt zu fragen, wie kommen Kinder zu ihren Lösungen. Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied Berufliche Bildung und Weiterbildung, forderte: „Vor der Einführung digitaler Technik brauchen wir pädagogische Konzepte.“ Nötig sei eine „politische Technikfolgenabschätzung“. Und: „Wir brauchen Räume, in denen ein unbeobachtetes Lernen und Arbeiten möglich ist.“

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