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Diskriminierungskritische Bildungsarbeit„Weiße Sichtweisen“

Schulbücher vermitteln zwischen den Zeilen oft rassistische Botschaften. Doch es geht auch anders: Das Beispiel eines Hamburger Gymnasiums zeigt, wie Schülerinnen und Schüler für das Thema sensibilisiert werden können.

02.12.2020 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Im Geschichtskurs spazieren die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe durch die Hamburger Innenstadt, vorbei an Denkmälern für Kolonialoffiziere mit Schnauzbart bis zum Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts: Neben einer Plastikpalme steht stramm eine Schaufensterpuppe mit aufgemaltem Oberlippenbart und Tropenhelm auf dem Kopf. „Spätestens bei diesem Anblick wird ihnen ganz schwummrig“, sagt die Geschichtslehrerin Imke Stahlmann vom Gymnasium Farmsen in Hamburg. Sie legt großen Wert darauf, ihren Schülerinnen und Schülern klar zu machen, wie stark die Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts bis heute fortwirkt – und rassistische Vorstellungen beeinflusst.

Eine Ausnahme. In den allermeisten Schulen kommt das Thema viel zu kurz. Mehr noch: Die Art und Weise, wie die Kolonialgeschichte im Unterricht behandelt werde, reproduziere häufig Rassismus, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Elina Marmer von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Schulbüchern komme dabei eine besondere Rolle zu.

Schulbücher seien „staatlich legitimiertes Wissen“, sagt Marmer, und hätten große Autorität. Die Kinder bekämen vermittelt: „Was da drinsteht, ist richtig.“ Viele Geschichtsbücher behandelten die Kolonialgeschichte unter der Überschrift „Entdecker und Eroberer“. Und romantisierten damit die Gewaltherrschaft zum Beispiel in „Deutsch-Südwestafrika“, heute Namibia. Es sei ein Schlag ins Gesicht, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Entdeckungslust zu verharmlosen, so die Wissenschaftlerin. Der Völkermord an den Herero und Nama werde meist nur am Rande erwähnt.

Rassistische Botschaften in nahezu allen Lehrwerken

Auch die Mitbegründerin des Instituts für diskriminierungsfreie Bildung in Berlin, Jule Bönkost, kritisiert, dass Schulbücher häufig relativierende und einseitige Darstellungen der Kolonialzeit enthielten, kurzum: „weiße Sichtweisen“. Die Perspektiven der kolonialisierten Bevölkerung und deren Widerstand gegen die Besetzung würden fast immer ausgelassen. Auch fehlten Bezüge zur Gegenwart. Rassismus werde kaum oder gar nicht thematisiert, so Bönkost.

Beide Expertinnen machen klar: Rassistische Botschaften stecken nicht nur in Geschichts- oder Sozialkundebüchern, sondern in nahezu allen Lehrwerken, von der Grundschule bis zur Oberstufe. Mal schnell zu erkennen, mal versteckt zwischen den Zeilen. So stellten Schulbücher schwarze Menschen meistens als „andere“ dar, als abweichend von der weißen Norm, erklärt Bönkost. Ihnen würden rassistische Stereotype zugeschrieben. Als Beispiel verweist Marmer auf ein Biologiebuch für die 9. Klasse: Ein weißes Hochzeitspaar stehe für Monogamie, ein anderes Foto zeige eine Vielzahl schwarzer Menschen als Beispiel für Polygamie. „Man sieht nur eine Masse, keine Gesichter“, sagt die Wissenschaftlerin. „Ich habe Zweifel, dass es sich tatsächlich um eine Familie handelt, wahrscheinlich wurde das Foto zufällig irgendwo aufgenommen.“

„Kinder lernen Rassismus in der Schule.“ (Elina Marmer)

Schulbücher vermittelten bis heute koloniales Gedankengut, welches rassistische Ideologien fortleben lasse, betont Marmer. So werde Afrika mit Natur gleichsetzt, mit Giraffen und Löwen, während die weiße, westliche Gesellschaft als Vorbild für Kultur, Demokratie, Bildung und Technik herhalte. Menschen aus Afrika würden meist als hilfsbedürftig dargestellt. Marmer ist überzeugt: „Kinder lernen Rassismus in der Schule.“ Selbst wenn Lehrkräfte die Kapitel nicht im Unterricht behandelten, so prägten sich die Bilder trotzdem ein. In ihrer Studie stellte sie fest, dass alle Schülerinnen und Schüler die Fotos von ausgezehrten, halbnackten schwarzen Kindern kennen. „Sie ekeln sich und lachen darüber“, so Marmer. „Ihre schwarzen Mitschülerinnen und Mitschüler fühlen sich gedemütigt.“

Bönkost sagt, dass People of Color sich in Schulbüchern oft in der Rolle des Opfers oder Außenseiters wiederfänden, sie bekämen vermittelt, nicht dazu zu gehören. Diese diskriminierenden Erfahrungen könnten negative Auswirkungen auf Lernmotivation und Leistung in der Schule haben. Lehrkräften komme eine wichtige Aufgabe zu, betont die Wissenschaftlerin. Doch in der Ausbildung werde der Umgang mit Rassismus weitgehend außen vor gelassen. Deshalb seien Lehrkräfte oft unsicher. Viele hätten Angst, etwas falsch zu machen. Marmer rät, rassistische Inhalte auf keinen Fall zu ignorieren. Möglich sei, bestimmte Seiten rauszureißen oder Wörter durchzustreichen, auf jeden Fall damit zu arbeiten. „Sonst bleiben die Bilder hängen.“

„Will man es richtig machen, muss man Geld in die Hand nehmen und Expertinnen und Experten aus entsprechenden Communities entscheidend beteiligen.“

So sieht es auch Lehrerin Stahlmann aus Hamburg. Mit ihrer 9. Klasse liest sie gerade einen Text zum Genozid an den Herero und Nama. „Die Infos sind für den Einstieg okay“, sagt sie. „Aber den Rest kann man nicht so stehenlassen.“ So würden im Text die Gewalttaten der deutschen Besetzer als logische Reaktion auf den Widerstand dargestellt. „Da stellen sich mir die Nackenhaare auf.“ Sie spricht mit ihren Schülerinnen und Schülern auch darüber, wie es sein kann, dass ein riesengroßer Kontinent wie Afrika immer mit einem negativen Fokus dargestellt werde. Der Lehrerin ist es wichtig, den Jugendlichen einen kritischen Blick zu vermitteln. „Dafür brauchen sie Anleitung.“

Marmer begrüßt es, wenn Verlage problematische Inhalte ändern. Aktuell kündigte zum Beispiel der Klett-Verlag an, nach Rassismusvorwürfen seine „Indianerhefte“ für die Grundschule in „Anoki-Übungshefte“ umzubenennen, auch die Bilder werden überarbeitet. Doch damit sei es nicht getan, sagt Marmer. In einem Lehrbuch sei in einer Bildunterschrift das „N-Wort“ durch „Sklave“ ersetzt worden, aber an der Darstellung habe sich nichts geändert. Schwarze Menschen würden in dem Buch weiterhin ausschließlich auf Opfer, Hilfsbedürftige, Versklavte oder Fremde reduziert. „Will man es richtig machen, muss man Geld in die Hand nehmen und Expertinnen und Experten aus entsprechenden Communities entscheidend beteiligen.“ Doch Menschen mit Rassismuserfahrung seien meist nicht diejenigen, die etwas in Verlagen oder Ministerien zu entscheiden hätten.

Schulen müssen sich öffnen

Die Wissenschaftlerin rät Schulen, sich nach außen zu öffnen. „Sie müssen nicht alles selber können.“ Auch Lehrerin Stahlmann organisiert die Stadtspaziergänge nicht selbst, sondern eine Künstlerin des Arbeitskreises Hamburg Postkolonial begleitet die Klasse. Solche Angebote gibt es in vielen Städten. Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen hinterlasse bei den Schülerinnen und Schülern tiefen Eindruck, sagt Stahlmann. Alle berichteten, auch privat viel über das Thema zu sprechen. Sie bekämen ein anderes Verständnis für Alltagsrassismus.

Dazu trägt auch ganz stark der Austausch des Gymnasiums mit einer Partnerschule in Tansania bei. Die Schülerinnen und Schüler reden über Privates, aber auch viel über die koloniale Geschichte ihrer Städte. Zweimal haben sie sich gegenseitig besucht, schreiben gemeinsam einen Blog. „Der Austausch ist für alle total beeindruckend“, sagt Stahlmann. „Eine gigantische Erfahrung.“