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Weg vom Püppchenimage

Wie ist es, als Frau in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten? Die GEW NRW hat drei Frauen befragt: Fatiha Essinnou hat einen Metallhandel im Bergischen Land, Susanne arbeitet bei der Polizei, Lisa Kapteinat ist Politikerin im Landtag.

16.04.2018

  • Als Frau in der Politik: Lisa Kapteinat

„Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es nichts gibt, dass ich wegen meines Geschlechts nicht erreichen könnte. Lange waren deshalb Feminismus oder Gleichberechtigung keine Themen, mit denen ich mich beschäftigte. Ich würde sogar sagen, dass bei mir fehlendes Problembewusstsein vorlag. Das hat sich mit dem Einstieg in die Berufswelt geändert.

Im Studium war das Männer-Frauen-Verhältnis ausgewogen. Im Referendariat habe ich Sitzungsvertretung der Staatsanwaltschaft gemacht und erstmalig gehört wie ein Anwalt seinem Mandanten erklärte, dass die rechtliche Einschätzung der „Maus“ nicht richtig sei. Die Verspätung eines Bekannten, ebenfalls Politiker, wurde damit entschuldigt, dass er mich – eine junge, blonde Frau – mitgebracht habe und deshalb alles verziehen sei. Den abcheckenden Blick gab es gratis dazu. Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle.

Für mich ist in der #MeToo-Debatte zwischen tatsächlicher sexueller Belästigung und beruflicher Diskriminierung zu unterscheiden. Sowohl die Hand auf dem Hintern in der Disko, als auch das „auf die Pelle rücken“ im Gespräch kenne ich wie leider viele Frauen. Schlimmeres musste ich nie erleben. Das Gute an solchen Erfahrungen? Mein Problembewusstsein ist geschärft. Sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz ist kein Geheimnis. Wir müssen weiter aktiv dagegen vorgehen. Ich glaube #MeToo hat einen großen Teil dazu beigetragen, das Thema in den Fokus zu rücken und die Gesellschaft zu sensibilisieren.“

  • Als Frau bei der Polizei: Susanne

„Ich bin jetzt seit 25 Jahren bei der Polizei. Besonders am Anfang meiner Karriere war das als eine der wenigen Frauen nicht leicht. Als Frau wurde man zuerst nach dem Aussehen beurteilt. Wenn man blond war und große Brüste hatte, war das in den Augen der Kollegen erst einmal gut. Wenn das nicht der Fall war, mussten Frauen schon sehr kumpelhaft sein, um einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Ich kann mich auch an eine Situation erinnern, in der ein Kollege nach Feierabend einen zotigen Witz gemacht hat. Ich war die einzige Frau in der Runde und keiner meiner Kollegen hat etwas dazu gesagt. Im schlimmsten Fall sollte ich den Spruch sogar als Kompliment auffassen. Das war der Gipfel. In solchen Situationen wünsche ich mir mehr Unterstützung von meinen Kollegen, aber die Männer halten sich meistens dezent zurück.

Frauen werden oft vom polizeilichen Gegenüber nicht als Gesprächspartnerin gewählt, weil von männlichen Kollegen mehr Kompetenz erwartet wird. Wenn man als Frau das entsprechende Auftreten hat, relativiert sich das – auch mit zunehmendem Alter. Als junge Frau hat es mich gestört, wenn jemand anscheinend lieber mit meinem Kollegen gesprochen hat als mit mir. Mittlerweile stehe ich dadrüber, weil ich weiß, dass es nur etwas mit den privaten Erfahrungen der Menschen und nicht mit meinem Können zu tun hat. Heute hat sich schon viel verbessert und es ist in der Regel so, dass Kolleginnen nach ihrer Leistung beurteilt werden. Polizistinnen machen aber Erfahrungen, die sie nicht öffentlich erzählen können, weil sie nach Jahren noch Einfluss auf die Arbeit haben.

Die #MeToo-Debatte war aus meiner Sicht längst überfällig. Ich möchte einen großen Appell an die Männer richten: Wenn ihr das nächste Mal so eine Situation mitbekommt, sagt bitte etwas dazu! Denkt immer daran, dass ihr euch so einen Umgang auch nicht für eure Töchter oder Ehefrauen wünschen würdet.“

  • Als Frau im Metallhandel: Fatiha Essinnou

„Meine negativen Erfahrungen umfassen sowohl verbale als auch sexuelle Belästigung sowie körperliche Übergriffe. Die schlimmste berufliche Erfahrung zu diesem Thema musste ich schon sehr jung sammeln. Ich war 22 Jahre alt und besuchte einen Kunden, der im gesamten Gesprächsverlauf erkennen ließ, dass er lieber anderes täte, als über das Geschäft zu sprechen. Ich fühlte mich bedrängt und der Umstand, dass wir allein waren, machte mir zusätzlich Angst. Ich versuchte mehrfach das Gespräch zu lenken, jedoch vergebens. Als ich erkannte, dass die Situation zu kippen drohte, wollte ich gehen. Doch er packte mich, hielt mich in einer Umarmung gefangen und die andere Hand wanderte auf meinen Po. Er flüsterte mir dabei Dinge ins Ohr, die mich wohl zum Bleiben animieren sollten, aber ich schaffte es irgendwie, mich aus seiner Umarmung zu befreien und rannte hinaus. In Freiheit weinte ich aus Verzweiflung und Erleichterung zugleich.

Die #MeToo Debatte hat interessante, frustrierende, vorurteilsbehaftete, verständnislose, verständnisvolle, empörte und auch desinteressierte Reaktionen in meinem Umfeld ausgelöst. Eine Unterscheidung in eine typisch „männliche“ oder „weibliche“ Reaktion ist nicht möglich. Es ist die eigene Erfahrung, die einem als Basis für die subjektive Sichtweise auf die Debatte dient. Es ist immer richtig, Missstände aufzuzeigen, diese in das Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken, darüber zu diskutieren und vor allem Konsequenzen zu ziehen, die präventiv wirken.“

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