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Was Lehrerinnen und Lehrer in inklusiven Schulen können müssen

Alle Bundesländer propagieren derzeit ein inklusives Schulwesen. Im ­Detail leben aber die althergebrachten Differenzen zwischen eher selektions- und eher integrationsorientierten Sys­temen wieder deutlich auf. Welche Schritte eingeleitet werden müssten, welches Rüstzeug Lehrkräfte bräuchten, damit sich Schulen in Richtung Inklusion bewegen, beschreibt die ­Wissenschaftlerin Ursula Carle in ihrem Fachbeitrag.

03.02.2011 - Ursula Carle

Ein Umbau des selektiven Schul­systems zu einem inklusiven muss auf allen Ebenen gleichzeitig angestoßen werden: in den Ministerien, bei der Schulaufsicht, in der Lehreraus- und -weiterbildung, in der Schulverwaltung der Träger, in Schulen, Elternhäusern und bei den Schülerinnen und Schülern. Wenn sich nur das pädagogische Handeln der Lehrkräfte ändert, brächte das alleine keinen nachhaltigen Erfolg. Eine anfängliche Motivation würde irgendwann an politischer Missachtung zerbrechen.

Wandel im Klassenzimmer

Die größten Anforderungen stellen sich allerdings dort, wo am meisten getan werden muss und das Gelingen zuerst sichtbar wird: im Klassenzimmer. Und dafür sind vor allem die Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich. Sie sollten den Unterricht offener gestalten. Kein Lehr-Lern-Kurzschluss, kein Diagnose-Behandlungs-Modell für die nötige Binnendifferenzierung und auch keine punktgenau erwarteten Lernergebnisse. Vielmehr sollten Schülerinnen und Schüler Zeit und Unterstützung für ihre eigenen Lernprozesse erhalten und zunehmend für ihre persönliche Entwicklung wie für die Entwicklung der Klasse zur Lerngemeinschaft Verantwortung übernehmen. Auch mehr Gelassenheit, mehr Freundlichkeit, mehr Solidarität miteinander – das heißt, ein stark ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl macht eine gute Klassenatmosphäre aus.

Das alles zu entwickeln, stellt eine große pädagogische Herausforderung dar und ist dennoch eine unabdingbare Grundlage – vielleicht sogar das Wesen von Inklusion. Nicht alle Kinder lernen schnell, nicht allen fällt es leicht, sich in einer Gruppe zu integrieren. Manche sind zu passiv, zu schüchtern oder zu impulsiv. Wichtig ist zudem die Anerkennung des besonderen Förderbedarfs von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Situationen oder Entwicklungsphasen, in denen z. B. bestimmte Begabungen oder einfach große Differenzen zum größten Teil der Gruppe zutage treten. Klassen sind immer heterogen, deshalb kann dies auch kein Argument sein, warum sie sich nicht zu einer Lerngemeinschaft entwickeln können. Erst wenn jeder Schüler in das normale Zusammenleben im Schulalltag einbezogen ist, wird es möglich, dass ein Kind mehr Zuwendung bei der Bewältigung einer Aufgabe erhält als das andere, dem vielleicht ein Hinweis genügt.

In einer inklusiven Klasse darf kein Kind ausgeschlossen oder abgestuft werden. D. h., Lehrkräfte müssen das Lernangebot so gestalten, dass jedes Kind mit seinen sich zudem ständig wandelnden Voraussetzungen optimal gefördert wird. Auch dann, wenn die Klasse extrem unterschiedlich zusammengesetzt ist. Es gilt, das Material, die Lernaufträge, die Hilfestellungen so zu gestalten, dass jedes Kind damit gewinnbringend arbeiten kann. So kann von allen z. B. die gleiche Geschichte gelesen werden, wenn der Text in verschiedenen Schwierigkeitsgraden vorliegt. Um jedoch Aufgaben so zu gestalten, dass sie an jeden die richtigen Anforderungen stellen, ist es nötig, mit den Kindern zusammen zu arbeiten, ihre Lösungswege bei Aufgaben zu verstehen, die richtigen Impulse zu geben. Das Ziel: angebotene Hilfen systematisch zu verringern bis hin zum Transfer des Gelernten. Das setzt Phasen individueller Zusammen­arbeit zwischen Lehrkraft und Kind voraus. Es bedingt, die Fähigkeit zu beobachten, entwicklungsbezogenes Hintergrundwissen, didaktische Kreativität und vor allem die Kompetenz, Lernprozesse angemessen (sprich: minimal) zu unterstützen durch Arbeitsaufgaben, die das Denken anregen. Dabei ist das Ziel immer die wachsende Selbstständigkeit, die Fähigkeit, Gelerntes ohne Hilfe mit eigener Erfahrung zu kombinieren und so selbstständig Probleme lösen zu lernen. So kann das Kind gleichzeitig ein positives Selbstwertgefühl und ein Gefühl der eigenen Wirksamkeit entwickeln. Zunehmend sollte die Lerngemeinschaft dazu übergehen, dass sich die Kinder untereinander in ihrem Lernprozess unterstützen.

Zauberwort Teamarbeit

Ein Zauberwort in der Entwicklung dieser Unterrichtsform ist Teamarbeit. Pädagoginnen und Pädagogen verschiedener Spezialisierungen arbeiten im Unterricht zusammen und entwickeln gemeinsam die Voraussetzungen für gelingende Lernprozesse in heterogenen Gruppen. Es gibt jedoch bislang kaum Modelle und noch weniger Anleitungen, wie Teamarbeit entstehen und funktionieren kann. Dabei wird vor allem deutlich, dass sie auch eine der zentralen personellen und finanziellen Ressourcen ist, die in einem inklusiven Schulwesen zur Verfügung stehen muss.

Es könnte allerdings sein, dass der Schwung, mit dem endlich auch in Deutschland in Richtung inklusiver Bildungsinstitutionen gedacht wird, abebbt, bevor die nötigen Mittel beschafft und die Kompetenzen der Lehrenden entsprechend ausgebildet sind. Derzeit werden Pädagogen noch viel zu wenig für die neuen Anforderungen aus- und fortgebildet. Entsprechende Kompetenzen und Ressourcen fehlen nicht nur in Schulen, sondern auch in Universitäten und der Fortbildung.

Große Entwicklungsschritte, die ein ganzes Land betreffen, können nur gelingen, wenn alle, die die Veränderung wollen, an einem Strang ziehen. Das ganze Schulsystem muss im gleichen Rhythmus schwingen, damit ein systematischer Wandel über alle Ebenen hinweg in Gang kommt: ein gigantisches Entwicklungsprojekt, das einer flexiblen Leitung bedarf, damit unterwegs das Ziel nicht aus den Augen gerät, der Weg aber variabel bleibt. Wesentlich für den Erfolg wird zudem die Lernzeit sein, die dem Wandlungsprozess zugestanden wird. Der zusätzliche Arbeitsaufwand für die neue Entwicklung muss zeitlich und pekuniär obendrauf gerechnet werden. Am Anfang wird man deshalb sehr viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit überhaupt die Rahmenbedingungen für eine inklusive Schule geschaffen werden können. Fest steht: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, vom Anspruch ins Tun zu wechseln.

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