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GEW in Bildung unterwegsVormittags wie nachmittags

An Geld kann es eigentlich nicht mangeln, weder im Freistaat Bayern noch in München und Nürnberg. Dennoch fehlt es in der Bildung an vielem. Deutlich wird bei der Reise der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe aber auch: Mit politischem Willen geht vieles.

05.10.2018 - Jeannette Goddar

Es gibt Schlagworte, die dürfen in keiner Bildungsdebatte fehlen. „Ganztag“ ist so eines – das zugleich so tut, als ob sich ein längerer Tag in einer Schule ganz automatisch positiv auswirke, auf die mangelnde Chancengerechtigkeit im deutschen Schulsystem zum Beispiel. Wie erratisch mit dem Ganztag umgegangen wird, wurde zuletzt deutlich, als der Sprecher der für den Nationalen Bildungsbericht zuständigen Autorengruppe Prof. Kai Maaz bei dessen Vorstellung im Juni mahnte, die Politik solle sich entscheiden, was mit der Ganztagsschule vor allem erreicht werden solle: „Betreuung oder sozialer Ausgleich? Auf diese Frage gibt es keine Antwort.“

An der Adam-Kraft-Realschule in der Nürnberger Südstadt, die Marlis Tepe in der letzten Septemberwoche besuchte, hat man sich entschieden: Statt um Betreuung geht es um rhythmisiertes Lernen für alle, in einer sogenannten gebundenen Ganztagsschule – in Bayern eine noch größere Ausnahme als in anderen Bundesländern. „Hier gibt es keinen Unterschied zwischen vormittags und nachmittags, und auch nicht zwischen mehr und weniger wichtigen Fächern“, erklärt die Schulleiterin Margit Vestner-Prölß beim Rundgang mit der GEW-Vorsitzenden. Tepes „GEW in Bildung unterwegs“-Reise führte sie hier einmal nicht in die große Masse von Schulen, in die jene, die über Bildung entscheiden, ihre Kinder zu häufig gar nicht schicken – sondern in ein Best-Practice-Modell.

„Man lernt mehr – und auch, seine Zeit besser einzuschätzen.“ (Eren)

Die Realschule hat, außer einem Konzept, an dem das Kollegium, wie hier alle versichern, lange und intensiv gearbeitet hat, vieles, was man sich in der Breite wünschen würde: einen dreistöckigen lichten Anbau zum Beispiel, mit dessen Hilfe Platz geschaffen wurde für all das, was eine vielseitige Schule braucht. Eine Mensa zum Beispiel, eine geräumige Bibliothek nebst Lese- und Computerraum, Differenzierungsräume und ein Raum für die Lerncoaches; erlaubt wurden nach einigem Hin und Her und intensiven Lesen der Brandschutzbestimmungen seitens der Schulleitung sogar Lerninseln auf dem überbreiten Flur. Für die Big Band – die Schule hat ein musikalisches Profil – gibt es die Aula, zum Klettern, Judo und Tennis taugen entsprechende Hallen und Plätze in der Nähe. Da ist es auch kein Wunder, dass der Schülersprecher Eren seine Schule „uneingeschränkt“ weiterempfiehlt. Warum? „Man lernt mehr – und auch, seine Zeit besser einzuschätzen.“

Fotos: Falk Heller

Dass eine solche Schule gelang, ist nicht zuletzt dem Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) zu verdanken – von dem sich bei einem Gespräch mit Marlis Tepe im Rathaus später herausstellen wird, dass er genau weiß, was er für Schulen in der Stadt hat und wo die Probleme liegen. Die Adam-Kraft-Realschule ist eine kommunale Schule – eine Konstruktion, die es außer in Bayern nur in Bremerhaven gibt und die auf der Negativseite aus Sicht der GEW in tariflicher Hinsicht auch zu unerfreulichen Regelungslücken führt.

„Mit Pilotschulen ist es nicht getan. Wir brauchen gute Bedingungen in der Breite.“ (Marlis Tepe)

Hier hat sie allerdings ganz offenbar den Vorteil, dass die Stadt sich als flexible Partnerin erwiesen und für eine entsprechende Ausstattung gesorgt hat. Personaltechnisch kann die Schule diese gar nicht genau beziffern. Klar wird aber: Mit den acht Personalstunden zusätzlich, die der Freistaat pro Klasse und Woche im Ganztag finanziert, ist es längst nicht getan. „Um den Anforderungen gerecht zu werden, müssten diese verdoppelt werden“, erklärt Martina Borgendale, stellvertretende GEW-Landesvorsitzende und Lehrerin an der Kraft-Realschule.

Marlis Tepe – die allerdings auch bedauerte, dass es nicht glückte, vor Ort mit Personalräten zu sprechen – machte an dem Nürnberger Beispiel deutlich, worum es bei dem für 2025 geplanten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz in den Grundschulen gehen muss: um eine ausreichende Ausstattung mit – vertraglich abgesichertem – Personal, das entsprechend qualifiziert ist. Und: Um den Raum als „dritten Pädagogen“ – wozu die „Beteiligung der Lehrkräfte am Bau und Umbau von Gebäuden“ gehöre. An die Verantwortlichen in Kommunen, Ländern und Bund appellierte sie, sich angemessen, nämlich bereits jetzt, vorzubereiten: „Sieben Jahre Zeit hat man in der Politik sehr selten. Diese gilt es zu nutzen.“ Und: „Mit Pilotschulen ist es nicht getan. Wir brauchen gute Bedingungen in der Breite.“

Um die ist es allerdings auch im Geberland Bayern alles andere als gut bestellt. Ob in der Deutscher-Schulpreis-gekrönten privaten Schlau-Schule für junge Geflüchtete in München, beim Dialog mit Kreisvorsitzenden in Nürnberg oder im Gespräch mit Personalräten, alle machten gegenüber der GEW-Vorsitzenden deutlich: Der Fachkräftemangel hat Bayern und selbst den Magneten München längst erreicht. In der Landeshauptstadt machte Tepe mit dem Landesvorsitzenden Anton Salzbrunn und der Vorsitzenden der Fachgruppe Grund-, Mittel- und Förderschulen in der GEW Bayern, Ruth Brenner, vor der Presse auf Missstände aufmerksam. Die von Kultusminister Bernd Sibler (CSU) angekündigte Digitalisierungsoffensive laufe an Schulen mit „600 Schülern, 38 Computern, kein WLAN“ zwangsläufig ins Leere, monierte Brenner. Dringend mahnte sie zudem mehr Transparenz an: „Wenn im Wahlkampf 5.000 Lehrkräfte versprochen und dann via Nachtragshaushalt 246 eingestellt werden, gilt es, nicht mit Zahlen zu jonglieren, die überhaupt nicht der Realität entsprechen“. „Gute Bildung und gute Arbeitsbedingungen sind zwei Seiten einer Medaille“, ergänzte Tepe. Zu letzteren gehöre die Einstufung aller Lehrkräfte in A13 oder E13 – wohin es in Bayern bisher keine Bewegung gibt.

„Wie soll sich, wer von Abschiebung bedroht ist, auf ein vier Jahre entferntes Bildungsziel konzentrieren?“ (Michael Schütz)

Das bayrische Kultusministerium ist über die Botschaften der GEW übrigens nun bestens im Bilde: Zwischen den Journalistinnen und Journalisten notierte eine Ministeriums-Sprecherin in der Pressekonferenz mit. Nicht mitgehört hat das Innenministerium. An das richtete der an der Schlau-Schule arbeitende Sozialarbeiter Michael Schütz indirekt einen Appell: „Wir sagen, die Schule ist ein sicherer Ort. Diesen gilt es allerdings auch herzustellen. Wie soll sich, wer von Abschiebung bedroht ist, auf ein vier Jahre entferntes Bildungsziel konzentrieren?“

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