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GastkommentarVorfahrt für Kinder

Unsere Kinder und deren Bildung müssen eine höhere Wertschätzung erfahren. Immer noch werden die Auswirkungen des stark eingeschränkten Kita- und Schulbetriebs nicht ausreichend berücksichtigt.

02.06.2021 - Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) & Nicola Brandt, Leiterin des OECD Berlin Centre

Die Corona-Pandemie zeigt einmal mehr: Kinder brauchen gute Kitas und Schulen. Sie haben in den langen Monaten des Distanzunterrichts deutlich mehr Zeit als zuvor an Spielekonsolen und Bildschirmen verbracht, sich weniger bewegt, waren von ihren Freunden getrennt. All dies wirkt sich negativ auf ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten, auf ihre psychische und körperliche Gesundheit aus. Außerdem fehlt bei Kita- und Schulschließungen ein wichtiges Instrument zur Nachverfolgung häuslicher Gewalt.

Dauerhafte Folgen für Kinder

Kinder, die zu Hause ein unterstützendes Umfeld vorfinden und selbstständig zu arbeiten wissen, haben weniger unter diesen Folgen zu leiden. Der Lockdown trifft vor allem benachteiligte Kinder hart. Ihre Eltern haben weder Zeit noch Geld oder die Kompetenzen, um beim Lernen zu Hause zu unterstützen. Der Lernprozess leidet, Bildungs- und Berufschancen schwinden. Wir wissen, dass die durch die Schulschließung entgangene Bildung dauerhafte Folgen für Kinder haben wird: für ihre Schul- und Berufslaufbahn, ihr Lebenseinkommen, ihre Gesundheit und Lebenserwartung.

Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass schwächere Schulkinder stärker unterstützt werden müssen, Lernprogramme sind darauf ausgerichtet. Auch die Bedeutung frühkindlicher Bildung findet ganz andere Beachtung als noch vor zehn Jahren. Gleichwohl beeinflusst in Deutschland die soziale und finanzielle Stellung der Eltern noch immer Lernerfolge von Kindern in viel stärkerem Maße als im Durchschnitt der Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Rund 70 Prozent der hiesigen Schulen mit besonders vielen benachteiligten Kindern berichten von einem Mangel an Lehrkräften, der die Unterrichtskapazität hemmt – deutlich mehr als vergleichbare Schulen in anderen OECD-Ländern.

Priorität für Schule und Kita

Der wichtigste Schluss aus diesen Befunden: Unsere Kinder und deren Bildung müssen eine höhere Wertschätzung erfahren. Immer noch werden die Auswirkungen des stark eingeschränkten Kita- und Schulbetriebs nicht ausreichend berücksichtigt. Während es für Gastronomie, Hotels und Fitnessstudios eine Öffnungsperspektive gibt, müssen Kinder vielerorts weiterhin an jedem zweiten Tag alleine zu Hause lernen, allenfalls angeleitet von oft erschöpften und pädagogisch nicht geschulten Eltern.

Vorstoß für Bildungs- und Teilhabegesetz

Schule und Kita brauchen nun vor allem eines: Priorität. Dabei gilt es, Kinder, die aufgrund ihres Elternhauses oder anderer Gründe weniger Chancen haben, besonders zu fördern. Eine Mindestbildung muss gewährleistet, Bildungsarmut bekämpft werden. Der Bund muss und kann helfen. Wie könnte das konkret aussehen? Michael Wrase und Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin haben kürzlich ein Bildungs- und Teilhabegesetz vorgeschlagen sowie die sozialpädagogische Förderung im Ganztag und Leistungen nach dem Eingliederungsrecht. Das führt nicht zwingend zu mehr Bildungsgerechtigkeit, doch wie der Mindestlohn zieht es immerhin einen Sicherungsboden nach unten ein.

Damit würde Kindern die so notwendige Bildung gegeben werden, deren Bedeutung weit über die Erwerbstätigkeit hinausgeht: Sie ermöglicht ihnen die Aussicht, gesund zu bleiben, mit etwas Zuversicht den Herausforderungen des Lebens zu begegnen und sich den Veränderungen unserer Gesellschaft nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen. Solange wir Kindern dieses Minimum an Chancen versagen, können wir ihnen die Schuld für Schwierigkeiten auf ihrem Bildungs- und Lebensweg nicht zuschieben. Das Versagen liegt bei uns als Gesellschaft, nicht bei ihnen.