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Krisenbewältigung in der SchuleVorbereitet auf den Ernstfall

Ob Suizid, Unfalltod oder Gewaltvorfall: Das Unglück selbst kann Schule nicht verhindern. Doch wenn sie auf den Umgang mit den Folgen vorbereitet ist, kann sie die Krise besser meistern.

15.02.2019 - Michaela Ludwig, freie Journalistin

Es geschah am vorletzten Schultag. An der Stadtteilschule Lohbrügge im Osten Hamburgs ist Putztag, die Schüler laufen mit Eimern und Besen über Flure und Schulhof. Einzig die 8a wartet noch auf ihren Klassenlehrer. Da überbringt ein Polizeibeamter Schulleiter Norbert Rittmann die Nachricht, dass der Kollege bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.

„Wir waren total geschockt“, erinnert sich der Schulleiter. Seine Stimme stockt noch immer beim Gedanken an den plötzlichen Tod des beliebten Kollegen vor gut zwei Jahren. „Trotzdem mussten wir handlungsfähig bleiben und uns auf das nun Notwendige konzentrieren.“ Rittmann griff zum Telefonhörer und tätigte zwei Anrufe: Er informierte die Schulaufsicht und bat die Beratungsstelle Gewaltprävention der Hamburger Schulbehörde um Unterstützung.

„Auf eine solche Situation ist niemand vorbereitet, es gibt keine fertigen Ablaufpläne im Kopf.“ (Norbert Rittmann)

Eine halbe Stunde später stand ein sechsköpfiges Bereitschaftsteam in seinem Büro. Von nun an planten sie jeden Schritt gemeinsam. Sie einigten sich darauf, mit welchen Worten sie die Schülerinnen und Schüler der betroffenen Klasse informieren und wie sie das Kollegium zusammenrufen würden. Eine Trauerecke wurde eingerichtet und eine Gedenkveranstaltung organisiert. Die Unterstützer spendeten Trost und halfen bei der Schockbewältigung. Rückblickend betrachtet habe die Stadtteilschule „die Krise gut gemeistert“, stellt Rittmann fest. „Auf eine solche Situation ist niemand vorbereitet, es gibt keine fertigen Ablaufpläne im Kopf.“ Das Bereitschaftsteam mit seiner „Erfahrung, Ruhe und Professionalität“ sei dabei eine enorme Hilfe gewesen.

Die Krisenhelfer sind Teil des Hamburger Konzepts zur Intervention bei Krisen und Katastrophen an Schulen. Nach einer Reihe folgenschwerer Ereignisse wie den Amokläufen in Erfurt, Emsdetten und Winnenden oder dem Einsturz einer Eishalle in Bad Reichenhall sind Schulen angehalten, Krisenmanagement zu betreiben. Die Hamburger Schulbehörde gründete 2009 ein aus 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verschiedener Beratungsstellen bestehendes Schulkrisenteam. Es soll in „Großschadenslagen“ unterstützen, „wenn die Schule nicht mehr handlungsfähig ist“, sagt Klaus Brkitsch.

Der ehemalige Schulleiter koordiniert dieses Schulkrisen- ebenso wie das Bereitschaftsteam, das im Schnitt jede zweite Woche zu vergleichsweise kleineren Einsätzen wie an der Stadtteilschule Lohbrügge gerufen wird. Häufigste Ursachen seien „Tod und Trauer, Gewaltvorfälle oder massive Bedrohung“, sagt Brkitsch. Dabei sei der Auslöser der Krise für die Helferinnen und Helfer „fast nebensächlich“. Das Team konzentriere sich auf die „Auswirkungen auf die Schulgemeinde und den Umgang damit“.

„Schule muss darauf vorbereitet sein, kritische Situationen, Notfälle und dramatische Krisen und die damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben meistern zu können.“ (Vorwort Hamburger Alarmplan für schulische Katastrophen und Krisen)

Als Teil des Krisenmanagements wurden in allen Bundesländern zudem Notfall- und Präventionskonzepte für Schulen erarbeitet. „Schule muss darauf vorbereitet sein, kritische Situationen, Notfälle und dramatische Krisen und die damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben meistern zu können“, steht im Vorwort des Hamburger „Alarmplans für schulische Katastrophen und Krisen“. Der sogenannte Krisenordner enthält Handlungshinweise für ganz unterschiedliche Szenarien, definiert die Aufgabenverteilung und listet Telefonnummern von Beratungsstellen auf. Er sei eine Hilfe, um die Notfallsituation professionell zu bewältigen und stehe einer internen Evaluation zufolge mittlerweile in jeder Hamburger Schule bereit, erklärt Brkitsch. Als Kernstück jeder Krisenprävention empfehlen Expertinnen und Experten die Bildung „schulischer Krisenteams“. In Hamburg ist dies seit 2010 verpflichtend.

In der Beruflichen Schule Hamburg-Harburg sitzt der – zwischenzeitlich pensionierte – Schulleiter Wolfgang Bruhn mit dem Sicherheitsbeauftragten, Beratungslehrkräften, Hausmeistern und Schulsekretärinnen bei Kaffee und Kuchen. Der Krisenordner liegt aufgeschlagen vor ihm. Die elf Menschen stellen das Krisenteam der kürzlich fusionierten Schule mit nunmehr 1.500 Schülern und 130 Beschäftigten. Jede Schule hatte eigene Krisenteams und Notfallpläne, die nun „zusammengeführt und aktualisiert“ werden müssten, sagt Bruhn. Deshalb hat er Brkitsch zum „Krisenteam Check-up“ eingeladen.

„Wenn Sie gut aufgestellt sind, schnell kommunizieren können und Abläufe klar sind, kommen Sie besser aus der Krise wieder heraus.“ (Klaus Brkitsch) 

Der stimmt das Team auf das Thema der kommenden zwei Stunden ein: Auf jede denkbare Krisenform könnten sie sich nicht detailliert vorbereiten, klärt der Experte seine Gastgeber auf. Aber: „Wenn Sie gut aufgestellt sind, schnell kommunizieren können und Abläufe klar sind, kommen Sie besser aus der Krise wieder heraus.“ In dieser Situation müssten innerhalb kürzester Zeit „zahlreiche Entscheidungen mit sehr unterschiedlichen Auswirkungen“ getroffen werden. „Die Aufgaben müssen geklärt sein“, empfiehlt Brkitsch.

Während beispielsweise der Hausmeister für das Einweisen der Rettungsfahrzeuge verantwortlich sei, kommuniziere ausschließlich die Schulleitung mit der Einsatzleitung. Auch spare es wertvolle Zeit, wenn der Musterbrief an die Eltern bereits abgespeichert sei und im Ernstfall nur angepasst werden müsse. Brkitsch bespricht mit dem Krisenteam, wie die Kollegen aus dem Ganztag besser einzubinden sind und rät, für den Ernstfall Anrufgruppen für die interne Kommunikation per SMS vorzubereiten.

„Schule muss einen anderen, leistungsunabhängigeren Blick auf die Schülerinnen und Schüler entwickeln. Dann können Lehrkräfte eher erkennen, ob ein Schüler zu einer schweren Gewalttat fähig ist.“ (Stefan Romey)

Der Amoklauf eines Schülers ist ein solches Szenario, auf das Brkitsch das Krisenteam der Beruflichen Schule vorbereitet. Einige Kollegen hätten den Alarm bereits selbst erlebt, berichtet Bruhn. Vor einigen Jahren waren Zettel mit der Botschaft „Ich bring euch alle um“ aufgetaucht. Der Amokalarm wurde ausgelöst, die Polizei benachrichtigt. Es war vor Unterrichtsbeginn, so dass das Schulpersonal die eintreffenden Schülerinnen und Schüler umgehend nach Hause schicken und die Eltern informieren konnte. Ein schwer bewaffnetes Einsatzteam durchsuchte die Schule Raum für Raum. „Zum Glück geschah der Alarm nicht während der Unterrichtszeit, als alle Schüler im Gebäude waren“, sagt der Pädagoge. Dann hätten die Lehrkräfte sich in den Klassen verbarrikadieren, in Deckung gehen, die Zahl der anwesenden Schüler durchgeben und dort verharren müssen, bis die Polizei das gesamte Gebäude abgesucht hat.

Obwohl in diesem Fall die Drohung schnell als ungefährlich eingestuft werden konnte und der Urheber bald gefunden wurde, waren die Folgen gravierend. „Unter Schülern und Lehrern herrschten Angst und Panik“, sagt der Schulleiter. „Der Schulbetrieb war für den Rest der Woche lahmgelegt.“ Im Gegensatz zum Feuer- werde ein Amokalarm nicht mit den Schülern geübt. Das würde „zu große Ängste schüren und außerdem Täterwissen schaffen“, erläutert Bruhn. Allein das Kollegium werde regelmäßig durch das Krisenteam fortgebildet. Wie die Berufliche Schule Hamburg-Harburg wurden nach den Amokläufen bundesweit Schulen baulich und technisch für den Krisenfall ausgerüstet. So finden sich mittlerweile Gegensprechanlagen in den Klassenzimmern, vom Flur nicht zu öffnende Türen oder häufig auch -Kameras an Eingängen.

Doch weder Krisenpläne noch technisches Equipment können einen Amoklauf verhindern. So kritisieren Pädagogen wie der pensionierte Schulleiter Stefan Romey das Fehlen eines pädagogischen Ansatzes in den Konzepten. Für Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, muss Prävention früher einsetzen. Denn Amokläufe an Schulen seien keine „spontanen Taten“, sondern „Endpunkte eines teilweise jahrelangen Entwicklungsprozesses“. Ein Amoklauf sei „weder vorhersagbar noch zu verhindern“.

Doch gebe es eine Reihe an Verhaltensauffälligkeiten, anhand derer es möglich sei, „zu erkennen, wenn sich ein Schüler in einer psychosozialen Krise befindet, die in eine Depression, Suizid, Absentismus oder eine Gewalttat münden könnte“, erläutert Scheithauer. Für Romey ist klar: „Schule muss einen anderen, leistungsunabhängigeren Blick auf die Schülerinnen und Schüler entwickeln“, sagt der Pädagoge. „Dann können Lehrkräfte eher erkennen, ob ein Schüler zu einer schweren Gewalttat fähig ist.“

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