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Bundestagswahl 2021Von Österreich lernen

Obwohl die Wirtschaft mehr Fachkräfte braucht, bauen Unternehmen trotz millionenschwerer staatlicher Hilfen massiv Ausbildungsplätze ab. Die GEW verlangt eine gesetzliche Ausbildungsgarantie nach dem Vorbild Österreichs.

07.06.2021 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

Das umfangreiche Zahlenwerk des neuen Berufsbildungsberichtes 2021, den die Bundesregierung am 5. Mai verabschiedet hat, verdeutlicht die dramatische Situation: Der Ausbildungsstellenmarkt in Deutschland befindet sich weiter im Sinkflug. Die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge sank 2020 gegenüber dem Vorjahr um 11 Prozent auf 467.500. Zum ersten Mal seit der deutschen Einheit wurde damit die 500.000er-Marke unterschritten. Allein mit der aktuellen Pandemie lässt sich dieser Niedergang nicht erklären. Selbst zum Höhepunkt der Finanzkrise 2009 wurden noch 564.300 neue Verträge registriert. Aber seitdem geht es Jahr für Jahr bergab – trotz robuster Konjunktur in den Vorjahren und dem Anstieg sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in der Wirtschaft. Für dieses Jahr lassen aktuelle Betriebsumfragen ein weiteres Absinken der Ausbildungsbereitschaft befürchten. Betroffen sind vor allem kleinere Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten. Insgesamt haben sich von den 2,2 Millionen Unternehmen im vergangenen Jahr nur noch 424.300 an der betrieblichen Berufsausbildung beteiligt.

Einen erfreulichen Lichtblick bietet hingegen die Entwicklung der vollzeitschulischen Berufsausbildung im Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialbereich, den sogenannten GES-Berufen nach Bundes- wie Landesrecht. Seit 2005 steigt die Zahl der Menschen, die eine solche Ausbildung beginnen, kontinuierlich. Auch 2020 gab es erneut Zuwachs, und zwar um 2,7 Prozent auf 193.500 Neueintritte, wie das Statistische Bundesamt Ende April ermittelte. 76,1 Prozent davon waren Frauen. Der Berufsbildungsbericht der Bundesregierung spricht inzwischen von der „zweiten Säule der Berufsausbildung in Deutschland“. GEW-Vorstandsmitglied Ansgar Klinger sieht darin eine „erfreuliche Entwicklung“. Es sei überfällig, dass die vollzeitschulischen Berufsausbildungen in die Sozialversicherung einbezogen werden.

Immer mehr Ungelernte

Der befürchtete erneute Rückgang bei der Zahl der ausbildungsbereiten Unternehmen im betrieblichen Ausbildungssystem wird dagegen besonders die Jugendlichen treffen, die höchstens einen Hauptschulabschluss haben. Heute schon besitzen 33 Prozent aller Hauptschulabsolventen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Doch die Krise im dualen System trifft nicht nur Hauptschulabgänger und junge Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Insgesamt hatte sich bereits vor der Pandemie die Zahl der 20- bis 34-Jährigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung in Deutschland auf 2,16 Millionen erhöht. Im vergangenen Jahr waren es 14,7 Prozent dieser Altersgruppe. Der rasante Anstieg dieser Quote seit 2014 kann zum Teil mit der Zuwanderung Geflüchteter erklärt werden. Aber auch bei deutschen Staatsbürgern ohne Migrationshintergrund liegt die Ungelerntenquote in dieser Altersgruppe immerhin bei 8,5 Prozent – bei Migrantinnen und Migranten hingegen bei 33,3 Prozent. Bei Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, liegt die Quote bei 16,4 Prozent. Der Handlungsbedarf für die Bildungspolitik ist offensichtlich.

Die GEW fordert als Konsequenz eine gesetzliche Ausbildungsgarantie, wie sie in Österreich bereits vor einigen Jahren erfolgreich eingeführt wurde – in enger Absprache mit Gewerkschaften und Arbeitgebern. Jugendliche bis 25 Jahre, die bei der Suche nach einem regulären dualen Ausbildungsplatz nicht erfolgreich waren, haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen außerbetrieblichen Ausbildungsplatz im Rahmen der sogenannten überbetrieblichen Ausbildung. Im österreichischen Sprachgebrauch versteht man darunter eine Ausbildung, die überwiegend bei einem Bildungsträger stattfindet. In Deutschland würde man in diesem Fall von „außerbetrieblicher Ausbildung“ sprechen. In Österreich arbeiten bei der Ausbildungsgarantie Träger und Berufsschule eng zusammen, bei Variante eins ergänzt durch diverse betriebliche Praktika, bei Variante zwei mit einem festen Kooperationspartner für die praktische Ausbildung.

Vor allem Variante zwei stoße bei der Wirtschaft auf hohe Akzeptanz, wie die hohe Übernahmequote der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in eine anschließende reguläre Beschäftigung zeige, heißt es in einer Untersuchung. Bei beiden Varianten wird angestrebt, die jungen Menschen noch vor dem Abschluss in eine reguläre Lehre zu bringen. Aber auch ein Lehrabschluss innerhalb der beiden Varianten ist möglich. 72 Prozent der jungen Menschen, die ihre Ausbildung komplett in den überbetrieblichen Maßnahmen absolvieren, schaffen erfolgreich den Lehrabschluss – im Vergleich zu 86 Prozent der betrieblichen Auszubildenden. Die Kosten, etwa 13.000 Euro pro Teilnehmendem und Jahr, werden in Österreich zu 90 Prozent aus dem Etat der Arbeitslosenversicherung gezahlt. Den restlichen Teil tragen die jeweiligen Bundesländer.

In Digitalisierung investieren

Neben dieser gesetzlichen Ausbildungsgarantie schwebt der GEW eine Ausbildungsplatzumlage zwischen ausbildenden und nicht-ausbildenden Betrieben vor. Zweimal ist ein solches Gesetzesvorhaben in Deutschland schon gescheitert. Anfang der 1980er-Jahre verwarf das Bundesverfassungsgericht ein entsprechendes Gesetz der damals regierenden SPD/FDP-Koalition – allerdings nicht aus inhaltlichen Gründen. Das Gericht rügte, dass die Bundesregierung den Bundesrat im Gesetzgebungsverfahren übergangen hatte. 2003 torpedierte der damalige SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement einen entsprechenden Vorstoß der Fraktionen von SPD und Grünen im Bundestag.

Weiterhin strebt die GEW einen „Pakt für berufsbildende Schulen“ an. Ziele sind dabei unter anderem eine bessere Sachausstattung, Investitionen in die Digitalisierung der Berufsbildung, Stärkung der Politischen Bildung und der Ausbau berufsbildender Schulen zu Ganztagseinrichtungen mit Mensen und Wohnheimen.