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Vierte Klasse, keine Deutschkenntnisse Wie ich eine schwäbische Grundschule überstand und Schriftstellerin wurde

Die Forderung des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder ohne Deutschkenntnisse vom Schulbesuch zurückzustellen, hat die in St. Petersburg geborene Autorin Lena Gorelik veranlasst, für die Süddeutsche Zeitung ihre eigenen Erfahrungen zu notieren.

23.08.2019 - Süddeutsche Zeitung vom 8. August 2019, Autorin: Lena Gorelik

Das Mädchen hofft, nicht aufzufallen. Es hofft, dass die Zeit schnell vergeht, obwohl fünf Stunden lange dauern, eigentlich endlos. Es hofft, nichts falsch zu machen, nicht in der Schule. Nicht in Deutschland. Das Mädchen hofft, dass sie Mathe haben, weil es Mathe an den Zahlen erkennt. Es braucht keine Sprache für Mathe. Das Mädchen hofft am meisten: übersehen zu werden. Es erinnert sich in seiner Muttersprache daran, wie es war, jemand zu sein.

Das Mädchen hat keine mangelnden Deutschkenntnisse, es hat praktisch keine. Es kann zwei Sätze, und beide hat es aus dem dicken, braungebundenen Wörterbuch zusammengestückelt und auswendig gelernt: „Ich verstehen Deutsch, aber nicht sehr gut.“ Und: „Ich wollen mit deutsche Kinder Freundschaft halten.“ Es kann auch noch „Hände hoch!“ und „Hitler kaputt“, aber es weiß genug, um diese Sätze dortzulassen, wo es sie her hat: In sowjetischen Filmen, in denen die Soldaten der sowjetischen Armee die herzlosen Deutschen besiegen.

Dass es immer noch leichter fällt, „das Mädchen“ zu schreiben. Obwohl ich das bin, das Mädchen, obwohl ich das Mädchen nicht mehr bin, obwohl ich alles getan habe, um nie wieder dieses Mädchen zu sein. Eine schwäbische Kleinstadt, die vierte Klasse, Mai 1992: Ich verstehe Mathe – die Zahlen – und Musik – die Noten. Sonst verstehe ich nichts. Deutsch, Heimat- und Sachkunde, und was man sonst in der Grundschule so lernt, sind keine Fächer, weil sie Farben sind. Das sehe ich, erst verwundert, dann bewundernd: Jedes Fach scheint einen andersfarbigen Heftumschlag zu haben. Das weiß ich: Dass ich montags rot, gelb, lila, grün habe, und Mittwoch zwei Mal blau. Donnerstag morgens teilt sich die Klasse auf, ich gehe mal mit der einen, mal mit der anderen Hälfte mit, der Gerechtigkeit halber. Es dauert Monate, bis ich das verstehe: katholische und evangelische Religion. Ich bin Jüdin, aber das sage ich nicht, weil ich ja schon das andere bin: Russin. Die Russin: Sie lachen. Weil ich zum Schwimmunterricht ohne Schwimmsachen auftauche, weil ich keine Brotdose habe, weil ich ich bin vor allem.

Einmal bittet die Lehrerin zwei Mädchen, der Integration halber, mit mir zu sprechen, was ich mehr spüre, als dass ich es wortwörtlich verstehe. Es ist eine Last: Elf Jahre alt zu sein und andere von der eigenen Existenz erlösen zu wollen. Die Lehrerin findet, es sei besser für mich, im kommenden Schuljahr in eine Förderklasse zu gehen, um erst einmal Deutsch zu lernen, aber meine Mutter findet das nicht. Ich finde, dass meine Mutter peinlich wirkt, wie sie das der Rektorin erklärt, mit ihren stolpernden und flehenden Sätzen, und dass es zu viele Stunden sind, die ich bis zu den Sommerferien zähle.

Der Lehrer fragt mich, was ich gerne mache. Er fragt mich! „Lesen“, sage ich: „Buch.“
 

In den Sommerferien lerne ich Deutsch auf die einzige Weise, die mir einfällt: mit Pippi Langstrumpf. Das ist eine Geschichte, die später, als ich beginne, Romane auf Deutsch zu schreiben, allen gefällt, die mich danach fragen, wie es kommt, dass ich mit elf ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kam und nun Bücher schreibe. Lindgrens Bücher, die ich auf Russisch auswendig kenne, und nun aus der Bücherei auf Deutsch ausleihe, lese ich unter dem Stacheldrahtzaun, der unser Asylantenwohnheim umzäunt. Ich lese alleine. Meine Eltern sind nicht da, weil sie tagsüber einen Deutschkurs besuchen, und sonst sind sie nicht da, weil sie mit allen Kräften versuchen, herauszufinden, wie man das macht: in Deutschland leben. Nächtliche Sirenen, weil Schlägereien auf dem Asylantenwohnheimgelände Polizeieinsätze fordern, nächtliche Ängste, weil die Sommerferien endlich sind, und ich noch einmal in die vierte Klasse komme.

Eine schwäbische Kleinstadt, die vierte Klasse, August 1992. Das Mädchen hat mangelnde Deutschkenntnisse. Es hat Pippi Langstrumpf drei Mal auf Deutsch gelesen, einmal „Karlsson vom Dach“ und sechs Mal einen Bibelcomic, den gute, missionierende Christen vor dem Wohnheim kostenlos an die ungläubigen Asylanten verteilten. Das Mädchen wiederholt die vierte Klasse, es hat einen neuen Lehrer. Der Lehrer spricht Schwäbisch, das ist das schwierigere Deutsch.

Der Lehrer fragt das Mädchen gleich am ersten Tag, was es gerne mache. Ich kann das nicht langsam genug aussprechen: Er fragt mich.„Lesen“, sage ich, und der eigenen mangelnden Deutschkenntnisse bewusst, füge ich hinzu: „Buch.“ Er schlägt mir vor, eine Geschichte zu schreiben. Ich glaube zu verstehen, dass er mir das vorschlägt, ich glaube das, weil ich das inhaltlich eigentlich nicht glauben kann, ich bin mir der mangelnden Deutschkenntnisse bewusst. Ich nicke, weil ich gelernt habe, dass das die einfachste Antwort ist. Sie lassen mich dann meistens in Ruhe.

In Mathe schreibe ich geliebte Zahlen, sie ergeben einen Sinn. Ich schreibe die Lösungen so schnell herunter, dass es dem Lehrer auffällt, der mich an die Tafel ruft. Dorthin schreibt er eine Aufgabe, die schwieriger ist, als was wir bis eben gerechnet haben. Das Ergebnis weiß ich, ich grabe in meinen mangelnden Deutschkenntnissen nach den deutschen Zahlen. „Fünfunddreißig“, sage ich, ich flüstere es. Die Sprache muss ich noch lernen, und die Lautstärke muss ich noch lernen. Und erst recht „ich“ in dieser Sprache zu sagen. Der Lehrer sagt nichts. Ich sage auch nichts, ich rechne noch einmal im Kopf. Und noch einmal, obwohl das Ergebnis stimmt. Da drückt er mir die Kreide in die Hand, ich soll die Zahl an die Tafel schreiben.

Es ist klar, wie die Geschichte endet. Ich schreibe das richtige Ergebnis, die Dreiundfünfzig an die Tafel, das soll mal einer verstehen, warum die Deutschen die Zahlen richtig herum schreiben, aber falsch herum aussprechen. Da klatscht der Lehrer, dann klatschen sie alle, die Deutschen klatschen, für mich. Die Deutschen, unter denen mehrere türkisch-, polnisch-, kroatisch- und so weiter-stämmige Schüler und Schülerinnen sitzen, aber auch das verstehe ich noch nicht. Der Lehrer schickt mich von Tisch zu Tisch, ich soll den anderen beim Rechnen helfen. Er nennt mich Matheexpertin. Er fragt herum, ob jemand dem Schriftstellerklub beitreten möchte, den er heute mit mir gegründet habe.

Den Weg von der Schule ins Asylantenwohnheim kann man fliegen, wenn man zwei Dinge ist: Matheexpertin. Und Schriftstellerin, was ich in Gedanken so buchstabiere wie damals: „Schriftschtalerin“. Das ist eine schöne Geschichte, sie endet gut. Sie endet mit diesemText, den ich schreibe, weil ein CDU-Politiker sagte, dass Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen und verstehen, an Grundschulen noch nichts zu suchen haben. Dem Schriftstellerklub traten außer mir Steffi, Svenja, Nicole und Bernhard bei. Von Steffi lernte ich das Wort „meinetwegen“, dessen Bedeutung ich nicht kannte, und das so schön klang. Es schien auf jede Frage als Antwort zu passen, das kam mir gelegen bei Fragen, die ich nicht verstand. Von Svenja lernte ich, dass „Emil aus Lönneberga“ auf Deutsch Michel heißt, TKKG, Geschenkpapier und Doppelkekse, ein deutsches Wunder. Von Nicole lerne ich, dass Freundschaft in Deutschland nicht heißt, dass man einander besucht, zumindest nicht, wenn einer in der besseren Gegend lebt und der andere hinter Stacheldrahtzaun. Von Bernhard lerne ich, dass man nicht aus Russland kommen muss, um anders zu sein, und endlich ein bisschen Schwäbisch.

In meinem ersten deutschen Zeugnis ist der Name meines Vaters falsch geschrieben. 

Das ist eine Geschichte mit einem guten Ende. Es ist keine singuläre Geschichte, sie ist eine, die den Prolog zur heutigen Gesellschaft erzählt. Sie erzählt die Unsicherheiten, die Ängste, die Menschen, die man nie vergisst: die beigetragen haben, dass man werden durfte, wer man heute ist. In meinem Fall mein Schwäbisch sprechender Lehrer. Er hatte keine Fortbildungen zur Integration von Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen gemacht, er wusste nichts über Juden, die aus der Sowjetunion kamen, also tat er, was logisch erscheint: Er fragte mich. Sie erzählt die Momente des Nichts, in denen das Ich verschwindet, die nicht wegzureden sind, auch nicht später. Sie erzählt, wie man von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolpert, wenn man eine fremde Kultur begreift.

Der Humor kommt später, wenn man alles begriffen hat, oder nicht mehr meint, alles begreifen zu müssen. Sie erzählt die Zusammenstöße, aus denen ein anderes Zusammen wird, das Zusammenleben, aber sie vergisst nicht den Schmerz. Einsamkeit erzählt sie auch, die größte, weil man noch klein ist, was das Alleinsein größer macht, vor allem aber erzählt sie den Anfang.

Der Anfang wird im Präteritum erzählt, ich kam, stand, saß, wartete, ich verstand, sagte, mochte nichts, und heute schreiben wir Geschichten auf, pflegen und heilen Menschen, programmieren Apps, steuern, bauen und reparieren Züge, Flugzeuge, Autos, drehen Filme, lehren Kinder, lehren Erwachsene, erfinden Dinge, eröffnen Geschäfte und Restaurants, ziehen Kinder groß, mit denen wir Deutsch und Fremdsprachen und viel zu viel Mischmasch sprechen, gehen wählen und werden gewählt, essen Doppelkekse, arbeiten, trauern, lieben, lachen und ärgern uns: über uns selbst und über unser Deutschland.

Das Mädchen hält sein erstes deutsches Zeugnis in der Hand. Da steht: „Sie nimmt aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht am Unterricht teil und äußert sich nur nach ausdrücklicher Aufforderung in Ein-Wort-Sätzen.“ Das Mädchen ist nicht traurig über diese Worte, es versteht sie nicht. Es versteht: Der Name ihres Vaters im Zeugnis ist falsch geschrieben. Das Mädchen bin ich. Ich habe gelernt, das Ich laut zu sprechen.

Die Autorin, geboren 1981 in Sankt Petersburg, lebt in München. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Mehr Schwarz als Lila“ (Rowohlt Berlin).
 

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