GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Vier Jahre an der Deutschen Schule Caracas

Trotz Warnungen vor hoher Kriminalität entschied Andreas Geiseler sich für Venezuela. Als Bundesprogrammlehrkraft war er von 2007 bis 2011 an der Deutschen Schule Caracas – Ein Rückkehrerbericht.

28.01.2017 - Andreas Geiseler

Bewerbung und Vorbereitung

Nach über zehn Jahren im Schuldienst verspürten meine Frau und ich den Wunsch nach einem Wechsel und einer neuen Herausforderung. Schnell kam der Gedanke, dies an einer deutschen Schule im Ausland zu realisieren. Schon sehr früh mussten wir jedoch feststellen, dass dies nicht so einfach sein würde. Als Berufsschullehrer hatte ich mit den Fächern Metalltechnik und Englisch eigentlich nur ein Unterrichtsfach, was für die allgemeinbildenden Schulen im Ausland interessant sein könnte (abgesehen von den wenigen DS mit berufsbildendem Zweig). Eine Mitarbeiterin der ZfA empfahl mir deshalb, mich als BPLK zu bewerben, um meine Chancen zu erhöhen, was ich dann auch tat. Als zweites und größeres Hindernis stellte sich jedoch die Freistellung durch mein Bundesland Sachsen-Anhalt heraus. Auf Grund des permanenten Lehrermangels an berufsbildenden Schulen schien unser großes Ziel schon sehr schnell in weite Ferne zu rücken. Nur nach intensiven und stetigen Drängen bei meinem Schulleiter und den Schulbehörden konnte ich letztendlich eine Freistellung erreichen. Es dauerte trotzdem noch weitere zweieinhalb Jahre, bis mich endlich ein interessantes Angebot, in meinem Falle aus Caracas, erreichte.

 

Hohe Kriminalitätsrate

Schon in einem ersten Treffen im Februar 2007 in Köln konfrontierte uns der Schulleiter mit den besonderen Verhältnissen in Venezuela: eine sehr hohe Kriminalitätsrate und eine instabile politische Situation. Da wir vorher schon einige Reisen in südamerikanische Länder unternommen hatten, waren wir von seinen Ausführungen nicht überrascht und entschlossen uns, das Abenteuer anzugehen. Die folgenden Monate waren durch Vorbereitungen bestimmt. In vielen Telefonaten und E-Mails mit einer Kontaktkollegin in Caracas bekamen wir wertvolle Informationen zum Leben und zur Arbeit. Wir entschieden, unseren Hausstand einzulagern und nur ein paar Umzugskisten mit persönlichen Dingen und Unterrichtsmaterial per Luftpost nach Venezuela zu schicken. Um an das begehrte Arbeitsvisum zu kommen, mussten die unglaublichsten bürokratischen Hürden überwunden werden, z. B. verlangten die venezolanischen Behörden, dass sämtliche Dokumente mit sogenannten Postillen beglaubigt werden. Von deren Existenz wussten nicht einmal verschiedene Mitarbeiter in deutschen Behörden.

 

Ankunft in Venezuela

Durch seinen charismatischen und populistischen Präsidenten Hugo Chávez und dem von ihm initiierten Aufbau des sogenannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts, einhergehend mit Schwächung und Abbau demokratischer Prinzipien, hat Venezuela in den letzten 16 Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen. Eine Reihe von Sozialprogrammen sollten die Lebensverhältnisse der ärmeren Bevölkerung verbessern, wodurch Chávez sehr viel Zustimmung von diesen Schichten, aber auch international, erhielt. Doch zu dieser Politik gehörten auch Festnahme bzw. Einschüchterung von oppositionellen Politikern, Angriffe auf oppositionelle Medien, Enteignungen von Betrieben, staatliche Preiskontrollen usw. Das Land, in das wir zogen, war massiv gespalten in Befürwortern und Gegnern der Regierungspolitik, was sich in permanenten und teilweise gewalttätigen Demonstrationen widerspiegelte. Korruption in Polizei und Behörden ist bis heute Alltag und es herrschte auch 2007 schon ein Mangel an diversen Grundnahrungsmitteln. Was den Bürgern jedoch am meisten Sorge bereitet ist die ausufernde Gewaltkriminalität. Caracas führt seit vielen Jahren Statistiken der Städte mit der höchsten Mordrate an. Die Unsicherheit sorgt dafür, dass sich öffentliches Leben nur am Tage und in sicheren Bereichen, wie z. B. Einkaufszentren abspielt. Trotz der politischen Probleme ist das Thema Sicherheit das Thema, was die Bürger in Venezuela am meisten beschäftigt.

 

Wohnungssuche mit gebrochenem Spanisch

Natürlich unternahm die Schule durch Belehrungen Anstrengungen, die neuen Kollegen auf diese gesellschaftlichen Besonderheiten vorzubereiten und Konfliktsituationen vorzubeugen. Im Alltag war das persönliche Sicherheitsgefühl eher gut, wurde aber immer dann stark belastet, wenn ein Kollege oder Angehörige Opfer von Raubüberfällen oder Einbrüchen wurden. Allerdings ist Venezuela ein Land, was mit spektakulärer Natur und wundervollem Klima gesegnet ist. Regelmäßige Ausflüge an die traumhaften Strände, Reisen ins Landesinnere mit seiner atemberaubenden Tierwelt, den Anden und den Tafelbergen, aber auch die Aras und Kolibris in der Großstadt wogen viele Nachteile im Alltag auf. Dies waren die Bedingungen, in die wir zwei Wochen vor Unterrichtsbeginn des Schuljahres 2007/08 nach Caracas reisten. Da wir die Wohnung meines Vorgängers nicht übernehmen konnten, war unser primäres Ziel, zunächst eine passende Wohnung zu finden. Zu dieser Zeit gab es dafür kaum Hilfe von Seiten der Schule (dies hat sich in den folgenden Jahren deutlich verbessert, z. B. wurde eine venezolanische Angestellte speziell mit dieser Aufgabe betraut), so dass wir damals mit noch sehr gebrochenem Spanisch auf Wohnungssuche gingen. Wegen des permanenten Verkehrschaos entschieden wir uns, in Schulnähe zu suchen, obwohl dieser Stadtteil als nicht sehr sicher galt. Darüber hinaus erwiesen sich die Mieten in den „sicheren“ Stadtteilen für mich als BPLK schlicht zu hoch. Abgesehen von der monatlichen Bezahlung wurde hier und hinsichtlich der Größe und Ausstattung der Wohnungen deutlich, wie benachteiligt BPLK trotz gleichen Abschlusses gegenüber ADLK sind.

 

Die Deutsche Schule Caracas

Das Colegio Humboldt Caracas ist eine bikulturelle Schule vom Kindergarten bis zur 12. Klasse, die das deutsche und venezolanische Abitur anbietet. Der Träger ist ein Schulverein. Ca. 1200 Schüler besuchen die Schule, rund 110 Lehrer, davon etwa 25 Deutsche, und Mitarbeiter arbeiten hier. Die Schülerschaft kommt größtenteils aus der oberen Mittel- und Oberklasse. Die Eltern wählen diese Schule für ihre Kinder aus, weil sie einen sehr guten Ruf in der Stadt genießt. Allerdings konnte oft beobachtet werden, dass insbesondere jüngere venezolanische Lehrerinnen und Lehrer von den Eltern eher arrogant und herablassend behandelt wurden, da sie als Dienstleister oder Angestellte angesehen wurden. Die meisten Familien haben nur sehr wenig oder keinen Bezug zu Deutschland, was auch dazu führt, dass DaF von vielen nicht so sehr ernst genommen wird und die Leistungen in diesem Fach zum Teil sehr schlecht sind. Die massiven politischen Umwälzungen im Land machten natürlich an der Schulmauer nicht Halt. Am offensichtlichsten wurde dies durch Einflussnahme in die Lehrpläne, wo ein stärkerer venezolanischer Bezug gefordert wurde. Immer wieder wurde auch der Ruf nach einer vormilitärischen Ausbildung im Unterricht laut, der aber von der damaligen Schulleitung permanent zurückgewiesen wurde.

Persönlicher Einsatz

Generell würde ich einschätzen, dass der Arbeitsaufwand an einer deutschen Schule im Ausland höher ist. Abgesehen davon, dass man sich an neue Bedingungen gewöhnen und in  neue Klassenstufen einarbeiten muss, sorgen auch andere Umstände dafür, dass mehr Zeit in der Schule verbracht wird. Die Mitarbeit in Arbeitsgruppen und Jahrgangsteams und eine höhere Anzahl an Versammlungen und Konferenzen sind hierfür nur einige Beispiele. Während meines vierjährigen Aufenthalts unterrichtete ich Englisch und DaF von der 7. bis zur 12. Klasse in beiden Zweigen der Schule. Die Arbeit war eine absolut neue Herausforderung. DaF war für mich absolutes Neuland, aber als Sprachlehrer war ich prädestiniert. So lernte ich statt Spanisch erst einmal viel über Deutsch. In Englisch traf ich eine bedeutend bessere mündliche Kommunikationsfähigkeit an als ich es von meinen Klassen in Deutschland gewohnt war. Auch die Arbeit in der Sekundarstufe 1 war für mich als Berufsschullehrer neu und es erforderte einiges Einfühlungsvermögen, um einen „Draht“ zu den Schülern zu bekommen.

 

Zusammenarbeit mit Kollegen und im Lehrerbeirat

Um die Kooperation zwischen den Kollegen zu fördern wurden die Lehrkräfte, die im gleichen Fach in derselben Klassenstufe unterrichteten, zu Jahrgangsteams zusammengefasst und deren wöchentliche Treffen im Stundenplan festgehalten. Dies führte dazu, dass ich vier bis fünf Stunden mehr in der Woche hatte, als eigentlich erforderlich gewesen wäre. Die Idee der Jahrgangsteams halte ich trotzdem für positiv, da regelmäßige Kommunikation und Kooperation auch Arbeitsersparnis mit sich bringt und ein guter Kontakt zu den Kollegen gefördert wird. Neben den regulären Unterrichtsverpflichtungen arbeitete ich während meines Aufenthalts in weiteren Arbeitsgruppen mit, die mir nicht nur Spaß machten, sondern auch eine weitere Herausforderung darstellten. So beteiligte ich mich an der Organisation und Durchführung der Projektwochen 2008 und 2010, zusammen mit einem anderen Kollegen erstellten wir ein Methodencurriculum für die Schule, ich war Mitglied in den Arbeitsgruppen für die Erarbeitung des neuen DaF – Rahmenplan und  für das neue Regionalcurriculum Englisch. Weiterhin war ich in den jährlichen Prüfungskommissionen für die Abnahme des Deutschen Sprachdiploms auf den Niveaus A2/B1 und B2/C1. Eine besondere Herausforderung war meine Arbeit im Lehrerbeirat. Zwei deutsche und fünf venezolanische Kollegen trafen sich wöchentlich, um über Probleme der Kollegen an der Schule  zu beraten und mit der Schulleitung zu diskutieren. Nach vielen Diskussionen und erfolglosen Gesprächen mit der Schulleitung musste ich jedoch feststellen, dass m. E. der Lehrerbeirat ein gut gemeintes Instrument der Mitbestimmung ist, aber auch auf Grund kultureller Besonderheiten und Unterschiede ein mittelloses Gremium ist. Nach zwei Jahren trat ich aus dieser Gruppe aus. 

 

Arbeit für die Ehefrau

Schon allein die Tatsache, dass wir unseren ursprünglich zweijährigen Aufenthalt um weitere zwei Jahre verlängerten, zeigt, dass wir uns trotz des hohen Arbeitsumfangs, der wiederholten kulturellen Konflikte mit venezolanischen Schülern und Eltern, der schwierigen politischen Situation, der hohen Kriminalität im Lande oder den Versorgungsproblemen doch sehr wohl fühlten. Dafür möchte ich einige Gründe anführen: Als einer der wichtigsten Gründe sehen wir, dass wir schon in den ersten Wochen eine Arbeit für meine Frau suchten (das Arbeitsvisum hatten wir zum Glück mit beantragt). Zunächst arbeitete sie als DaF-Nachhilfelehrerin und DaF-Dozentin am Goethe-Institut, später erhielt sie eine Teilzeit-OLK-Stelle an der Schule. Meine Frau hatte immer gearbeitet und wir denken, dass sie ohne diese Beschäftigung ein eher eingeengtes Leben hätte führen müssen. Durch die Arbeit erhielt sie Zugang zu anderen Menschen und zur Gesellschaft. Gerade auch im Vergleich mit anderen deutschen Kollegen stellte sich das als eine sehr gute Entscheidung dar. Als zweiten wichtigen Grund sehen wir die sichere und gemütliche Wohnung. Gerade in einem unsicheren Umfeld sollte man sich zu Haus umso wohler fühlen. Ein Rückzugsort an dem man sich mit Abstand vom Großstadtgetümmel erholen und auftanken kann, erwies sich in diesen Jahren als unermesslich wichtig. Andere Gründe, die zum Erfolg unserer Jahre in Venezuela beitrugen waren definitiv gute Freunde und Bekannte im und außerhalb des Kollegenkreises und natürlich die vielen Wochenenden an den traumhaften Stränden. Wie gern erinnern wir uns an endlose Parrilla-Abende am Karibikstrand mit Übernachtungen in Hängematten und unzähligen Beach-Volleyball Spielen zurück. Die Reisen ins Landesinnere mit seiner spektakulären tropischen Tier- und Pflanzenwelt waren für uns Mitteleuropäer ebenfalls unvergesslich.

 

Rückkehr und Wiedereingliederung

Leider verlief unsere Rückkehr nicht so, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Obwohl ich mit meiner Stammschule in Deutschland die Rückkehr für das Jahr 2011 abgesprochen hatte, wurde mein neuerlicher Verlängerungsantrag für ein fünftes Jahr von den hiesigen Schulbehörden nicht genehmigt. Dringender Lehrerbedarf an verschiedenen Berufsschulen in Sachsen-Anhalt würde dem entgegenstehen. Dies erwies sich im Nachhinein deshalb als absurd, weil ich zwar an meine alte Schule zurückkehren konnte, dort allerdings für das Schuljahr 2011/2012 kein dringender Bedarf für mich vorlag. Wie viele andere ehemalige Auslandslehrer musste auch ich die Erfahrung machen, dass in Deutschland weder von der Schule, noch vom Land bzw. den Schulbehörden Interesse, geschweige denn Bedarf an unseren Auslandserfahrungen bestand. Vielmehr mussten meine Frau und ich erleben, dass Anregungen und Vorschläge eher auf Kopfschütteln oder Unverständnis stießen, so dass wir nach einigen Wochen es sogar vermieden, überhaupt entsprechende Gedanken zu äußern. Zwei von uns angebotene „Venezuela-Abende“ wurden vom Kollegium allerdings mit großem Interesse aufgenommen und fanden viel Zuspruch. Ich denke, dass in Deutschland das Potential und die Erfahrungen der ehemaligen Auslandslehrer viel zu wenig genutzt wird. Ganz im Gegenteil, starre politische und bürokratische Vorgaben unterdrücken Eigeninitiativen und Motivation von Lehrkräften, die mit Ideen und Engagement Unterricht und Prozesse an Schulen gestalten wollen. Für mich waren die vier Jahre in Venezuela eine einmalig bereichernde Erfahrung, sowohl persönlich als auch beruflich, die ich nicht missen und nur weiter empfehlen kann.

Zurück