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Vielfalt leben, Schulpreis bekommen

Die Waldparkschule in Heidelberg liegt zwar idyllisch, aber auch in einer schwierigen Nachbarschaft. Doch sie überzeugt mit einem pädagogischen Konzept, das der Schule den Deutschen Schulpreis 2017 einbrachte.

12.02.2018 - Julia Stoye, Internetredakteurin GEW Baden-Württemberg

Igel, Dachs, Eule, Fuchs und Vogel sind die Maskottchen der Schule; auf Briefköpfen, an Türen, Wänden und auf Schülerheften sind sie zu finden. Alle sind Tiere aus dem Wald, der gleich neben der Schule beginnt. Es gibt fünf verschiedene Maskottchen, „denn unsere Schülerinnen und Schüler sind auch ganz unterschiedlich, jeder kann sich mit einem der Tiere identifizieren“, erklärt der Leiter der Heidelberger Waldparkschule, Thilo Engelhardt. Seine Schule gewann jüngst den Deutschen Schulpreis.

Dabei stand die Waldparkschule vor ein paar Jahren noch kurz vor der Schließung. 2012 besuchten nur noch 194 Schülerinnen und Schüler die ehemalige Werkrealschule. Zu wenige, aus Sicht der Stadt, um die Schule, die etwas abgelegen im Stadtteil Boxberg liegt, weiter aufrecht zu erhalten. Doch Schulleitung und Kollegium setzten sich dafür ein, dass ihre Schule Gemeinschaftsschule wird. Heute besuchen 451 Schülerinnen und Schüler die Schule am Waldrand. Sie kommen aus vielen Stadtteilen Heidelbergs und den umliegenden Gemeinden. Dass der Boxberg und der benachbarte Emmertsgrund als Stadteile keinen guten Ruf haben, schreckt Schülerinnen und Schüler und ihre Familien nicht. Die beiden Stadtteile, in denen viele Alleinerziehende und viele Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund leben, gelten als soziale Brennpunkte. „Die Leute denken, hier brennen die Mülltonnen“, sagt Engelhardt. „Und gerade in solchen Stadtteilen, sollte man den Leuten nicht die Infrastruktur nehmen.“

25.000 Euro Preisgeld kann die Schule jetzt ausgeben. „Wofür, werden wir gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern und den Eltern entscheiden“, sagt Engelhardt. Für ihn zählt jedoch nicht nur das Preisgeld: „Die Teilnahme hat die Schule auch in der Öffentlichkeit bekannt gemacht, unsere Schülerinnen und Schüler sind richtig stolz auf ihre Schule. Das Kollegium hat damit Wertschätzung bekommen.“

„Früher hatten wir bei geringerer Schülerzahl mehr Zwischenfälle mit verhaltensauffälligen Schülern.“

Wie in allen Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ist die Waldparkschule eine Ganztagsschule, in der es keine Noten und kein Sitzenbleiben gibt. Morgens ist ab 7.50 Uhr eine Lehrerin oder ein Lehrer im Klassenzimmer, der Unterricht beginnt aber erst um 8.30 Uhr. Viele Schülerinnen und Schüler nutzen die Zeit, um in Ruhe anzukommen. Auf den Fluren sieht man immer wieder kleine Lernecken, in denen die Kinder und Jugendlichen gemeinsam und konzentriert arbeiten.

Auch in den Klassenzimmern ist es trotz der vielen Kinder auffallend still. Zwei Klassen nutzen gemeinsam drei Räume und können so flexibel unterschiedliche Lernphasen in unterschiedlichen Gruppen abhalten. Deshalb ist es auch möglich, dass immer mehr als ein Lehrer oder eine Lehrerin im Raum ist. Neben kurzen Inputphasen in Kleingruppen arbeiten die Schülerinnen und Schüler viel selbstständig. Für alle Themenbereiche gibt es Arbeitsblätter auf drei Niveaustufen. Dabei entscheiden und planen die Kinder und Jugendlichen selbst, wann sie was machen. So kann es passieren, dass ein Schüler einer Klasse gerade mit Prozentrechnen beschäftigt ist, ein anderer aber Flächen berechnet. Festgehalten wird alles in der persönlichen Lernagenda, die von der Lehrkraft kontrolliert und mit dem Schüler oder der Schülerin besprochen wird.

Durch die vielen Coaching-Gespräche entstehe eine enge persönliche Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler oder Schülerin, erklärt Engelhardt. Vergleicht er die jüngsten Schuljahre mit denen der vorherigen Werkrealschule, erkennt er einen eindeutigen Unterschied: „Die Atmosphäre, die durch die anderen Methoden entsteht, nimmt bei Schülern und für Lehrkräfte den Druck raus.“ Auch die Einstellung der Schülerinnen und Schüler habe sich verändert: „Einer sagte kürzlich zu mir: ‚Warum sollte ich abschreiben, ich muss es doch verstehen‘.“ Zudem zeige das soziale Training Wirkung: „Früher hatten wir bei geringerer Schülerzahl mehr Zwischenfälle mit verhaltensauffälligen Schülern.“

Regeln sind wichtig, in einer Schule, in der auf den ersten Blick jeder machen kann, was er will. Eine davon ist auch: Jogginghosen sind tabu. Das haben die Schülerinnen und Schüler selbst entschieden. Natürlich gab es bei dieser Entscheidung Befürworter und Gegner, es musste ein Kompromiss gefunden werden: An zwei Tagen im Schuljahr darf man nun in Jogginghosen kommen. Manche nutzen den „Casual Day“ und ziehen sich besonders schrecklich an, andere kommen im Anzug, erzählt Engelhardt. Wie die unterschiedlichen Waldtiere zeigen sich Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Pelzen: Sie leben ihre Vielfalt.

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